Kultur Österreich

Trio Folkshilfe blickt "Vire" und sieht sich als Paradoxon

Neues Album von Paul Slaviczek, Florian Ritt und Gabriel Fröhlich
© APA

"Viel Bewegung" gab es jüngst bei der Folkshilfe: Für das oberösterreichische Trio war die Zeit seit dem letzten Album "Sing" ziemlich turbulent, was natürlich auch mit der Coronapandemie und vielen abgesagten Konzerten zu tun hatte. Als das Liveleben langsam zurückkehrte, habe man alles probiert, "von bestuhlten Konzerten bis zu Open-Airs", erinnert sich Sänger Florian Ritt. Nun richtet man den Blick aber wieder "Vire", also nach vorn, wie das neue Album betitelt ist.

Die Dialektpopband arbeitet ja gern mit doppeldeutigen Inhalten, so auch bei diesem Titel, der neben dem gruppenimanenten Optimismus auf das vierte Studioalbum abzielt. Wie aber haben Ritt und seine Kollegen Gabriel Fröhlich (Drums) sowie Paul Slaviczek (Gitarre) ihre positive Einstellung bewahrt? "Solange man für etwas brennt, braucht man keine Angst haben vorm Abstürzen", gibt sich Ritt im APA-Interview kämpferisch. "Je mehr man nach Sicherheit strebt, desto mehr Angst bekommt man vor dem, was kommt. Es ist einfach ungewiss: Pandemie, Krieg, Energiekrise. Wir wissen nicht, wie sich die nächsten Jahre entwickeln."

Die Musiker sind sich aber im Klaren über den Sechser "in der Geburtenlotterie", den die österreichische Herkunft bedeutet. All das im Hinterkopf habend, schuf man ein Album voller energetischer Songs, die meist für ein sonniges Lebensgefühl stehen. Als Band sei man mittlerweile angekommen. "Irgendwie haben wir eine Nische geschaffen, die im Erbe von Hubert von Goisern, Attwenger oder Ausseer Hardbradler neu definiert wurde. Mit den Songs müssen wir nicht mehr beweisen, was man mit der Quetsch'n alles machen kann", spielt Ritt auf sein primäres Instrument an. "Wir wollten einfach schöne Lieder schreiben."

Das ist definitiv gelungen: Der Opener "Kummama" geht unweigerlich ins Ohr und lässt die Beine zappeln, bei "Wir heben heid o" spürt man den musikalischen Rückenwind, und der "Wanderer" blickt von sonnenbeschienenen Gipfeln ins idyllische Tal. "Das ist der alpine Sound, den wir schaffen wollen", nickt Ritt. "International inspirierte Musik, die trotzdem nach Österreich klingt." Musikalisch sei man ohnedies "immer schon ein Paradoxon" gewesen. "Wir sind ja nicht diese Band vom Land, die mit Volksmusik aufgewachsen ist und dann ausbrechen musste. Nein, wir haben Jazz studiert und dann Straßenmusik gemacht. Eher wie ein Hobby innerhalb unserer Tätigkeit."

Daraus hat sich über die Jahre eine ganz eigene musikalische Identität entwickelt, mit der es sich die Folkshilfe zwischen den Stühlen bequem gemacht hat. "Die Lieder von 'Sing' liefen auf Ö3, FM4 und Regionalsendern", freut sich Ritt. "Wir werden aber niemals die Galionsfigur eines Senders werden, weil wir nicht die coolsten oder poppigsten sind, aber das ist einer der größten Erfolge." Letztlich begreife er die Gruppe "wie eine Feldstudie, bei der ich immer wieder überrascht bin, was sie auslöst und wie sie definiert wird". Von Kindern über Hipster bis zu Großeltern reiche das Publikum - und das sei auch gut so.

Die musikalische Vielfalt drückt sich auf der neuen Platte auch durch verschiedene Produzenten aus: Markus "Syrix" Lechleitner komme aus dem Hip-Hop, Lukas Hildebrand sei ein "richtiger Popmusiker", und auch Christian Kolonovits, Oliver Kerschbaumer und David Raddish hatten ihre Finger im Spiel. "Es macht einfach Spaß, mit fähigen Leuten gemeinsam Musik zu machen", so Ritt. "Auf diese Weise ist auch kein Lagerkoller entstanden, wir haben uns auf das Wesentliche konzentrieren können." Beim Songwriting gelte ohnehin: "Wir sind sehr egobefreit: Die bessere Idee gewinnt."

"Als erstes geht es um den Song, der funktionieren muss", umreißt Slaviczek die Arbeitsweise. "Alles weitere ist dann dafür da, die Emotion zu unterstützen - egal mit welchen Instrumenten. Wie das Ganze dann live ausschaut: Die Baustellen machen wir erst auf, wenn das Album fertig ist. Ob wir da vielleicht mitten in den Leuten stehen und einen Song einfach zu dritt a-cappella singen, obwohl er am Album fett produziert ist, kommt erst später." In den Minuten vor einem Konzert stacheln sich die drei Musiker noch gegenseitig an. "Das ist wie bei einer Sportmannschaft, da drücken wir uns noch ein bisschen über den Tellerrand", schmunzelt Slaviczek. "Dann kommt der Nervenkitzel und das Adrenalin schießt ein."

Was das letztlich auslöst, lässt sich auf der am 8. April in Lech beginnenden Tour beobachten. Unterhaltsam und kurzweilig waren die Auftritte der Folkshilfe ja schon immer. Mit dem vierten Album klinge man nun "so erwachsen, weil man sich wie angekommen fühlt", fasst es Ritt zusammen. Stillstand ist jedenfalls keine Option. "Wir sind angekommen in der Bewegung."

(Das Gespräch führte Christoph Griessner/APA)

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