Inn Situ im BTV Stadtforum

Fünf Tirol-Bilder: Vermessungen unterhalb der Blechlawine

In Romain Darnauds Serie für „Genau jetzt!“ geht der Blick unter die Brennerautobahn.
© Darnaud

Mit „Genau jetzt!“ knüpft Inn Situ an seinen Anfang an. Die jetzige Befragung zu Fotografie heute liefert fünf unterschiedliche Tirol-Bilder.

Innsbruck – In Tirol will man das Motiv eigentlich gar nicht mehr sehen. Tausende, Abertausende Autos und Lkw, die sich in einer Blechlawine die Brennerautobahn entlangschieben. Tagein, tagaus. Bei Romain Darnaud sind die Betonwüsten leer gefegt. Ähnlich wie auf den historischen Postkarten des Wipptals, die als Inspiration für seine Fotoserie fungieren. Damals stand die Autobahn noch für Aufbruch. Heute eher für das Gegenteil. Dementsprechend verrückt Darnaud den Fokus zunehmend auf die Struktur darunter; dort, wo sich Beton in die Landschaft bohrt. Zu Darnauds Tirol-Bild gehört auch das dazu.

Darnaud ist nur einer von fünf KünstlerInnen, die im Rahmen von „Right now!“/„Genau jetzt!“ von Hans-Joachim Gögl und Arno Gisinger für ihre ganz persönliche künstlerische Recherche nach Tirol eingeladen wurden. Um in der Umgebung zu arbeiten – im Idealfall sogar mit ihr. Das ist Teil des Konzepts von Inn Situ, dem Nachfolger von Fo.kus der BTV, das seit fünf Jahren Innsbruck mit dem Dreiklang flutet. Neben einer Ausstellung denkt jedes Kapitel Musik und Dialog mit. Was die ausgestellte Fotokunst betrifft, gelingt Inn-Situ-Initiator und -Leiter Gögl damit manchmal ein ganz anderer Zugang zu Fotografie. Einer, der erst entstehen muss. Komplette Neukompositionen stehen auch auf dem Programm des heutigen Konzerts „Layers and Spaces“, das gemeinsam mit Augustin Wiedemann von Stella Vorarlberg entwickelt wurde.

Wie schon beim Inn-Situ-Start „Genau jetzt!“ (2018) befragt Gögl eine Fotoklasse nach ihren Vorstellungen von Fotografie heute. Fündig wird er beim Vorarlberger Fotograf Arno Gisinger, der an der Universität Paris 8 lehrt. Die Antworten liefern seine Alumni Romain Darnaud, auch Florence Cardenti, Gilberto Güiza-Rojas, Florian Schmitt und Rachael Woodson.

Ausgewählt hat sie Gisinger als Kurator der Ausstellung, der ein möglichst facettenreiches Bild zeitgenössischer Fotografie liefern möchte. Die sucht in „Genau hier!“ mehrfach ihren Weg ins Archiv: Rachael Woodson etwa spürte im Brennerarchiv sowie im Gespräch mit StudentInnen der Uni Innsbruck dem großen Georg Trakl (1887–1914) nach. Sein literarisches Motiv der Schwester wirft sie in die eigene Familie zurück. Irgendwie eindimensional bleiben dagegen Woodsons monochrome Farbschleier, in die sie Zeilen von Trakl expressionistischer Poesie bannt. Am Ende formen die Schlieren in „Purpurne Birke“ gar eine (piktorialistische) Landschaft – Heinrich Kühn lässt grüßen.

Weitaus technischer gerät Florence Cardentis Innsbruck-Besuch. Im Archiv des Alpenvereins findet sie zur Fotogrammetrie, die ihre Aufnahmen der heimischen Bergwelt zu reizvollen künstlerischen Vermessungen werden lässt. Auf die Suche nach einem „Tiroler Stil“ in der Architektur machte sich dagegen Florian Schmitt. Extrahiert hat er einen Mix, den er in eine riesige handgezeichnete Collage (im Eingangsraum) übersetzt. Später nimmt der Stil in quietschbunten Collagen seinen Lauf.

Direkt mit den Menschen vor Ort arbeitet Gilberto Güiza-Rojas’ Fotografie. Sie macht die vermeintlich unsichtbare Arbeit von RestauratorInnen der Tiroler Landesmuseen sichtbar. Und zoomt dabei auf ihre Bewegungen, die er mit Unterstützung eines Shiatsu-Lehrers deutlich hervorstreicht. Es ist das wohl ungewöhnlichste Tirol-Bild in dieser Ausstellung.

Möglich aber wäre mehr. Noch scheint das Konzept Inn Situ jedenfalls nicht auserzählt. Denn „Genau jetzt!“ ist eben eine Momentaufnahme. Oder fünf davon.

Inn Situ. BTV Stadtforum, Innsbruck; bis 15. Juli, Mo–Fr 11–18 Uhr, Sa 11–15 Uhr.

Konzert: Layers and Spaces, Ton Halle im BTV Stadtforum, heute 19 Uhr.

Dialog: Innsbruck, eine Recherche. Ton Halle im BTV Stadtforum, morgen, 19 Uhr.

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