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Depardieu spielt „Maigret“: Gelebte und nicht gelebte Leben

Nicht der Täter, sondern die Geschichte des Opfers weckt sein Interesse: Gérard Depardieu als Kommissar Maigret.
© Polyfilm

Gérard Depardieu spielt in Patrice Lecontes „Maigret“ den gleichnamigen Kommissar.

Innsbruck – „Ich weiß es nicht.“ Das sagt der Kommissar oft in diesem Film. Wer nichts weiß, muss alles glauben, heißt es. Aber auch solchen Weisheiten weicht der Kommissar aus. „Ich misstraue dem, was ich glaube“, sagt er. Und er erzählt davon, dass es die kleinen Details sind, ein Geruch, das Muster einer Tapete, ein leises Lächeln vielleicht, die auch hartgesottene Ermittler aus der Fassung bringen. Das erklärt der Kommissar einem jungen Kollegen. Auch das Pfeiferauchen bringt er dem Novizen bei. Ihm hat es der Arzt verboten. Eine kleine Tragödie. Eine von vielen in diesem Film, der einfach „Maigret“ heißt. So wie der Kommissar.

Maigret ist einer der großen Detektive der Literaturgeschichte. Vor gut hundert Jahren hat ihn Georges Simenon erfunden. 75 Maigret-Romane gibt es. Einige wurden verfilmt. Jean Gabin hat Maigret gespielt, Charles Laughton und Gino Cervi. Das ist lange her. Zuletzt war Maigret ein Fernseh-Ermittler unter vielen, dargestellt von Rowan Atkinson – ein Missverständnis.

🎬 Trailer | „Maigret“

So wie jetzt hat man Maigret noch nie gesehen. So gab es ihn bisher nur in den Romanen: imposant, intelligent, aber eben auch besorgt, dass das, was er herausfinden muss, kein Rätsel löst, sondern eine Katastrophe demaskiert. Natürlich ist Gérard Depardieu ein idealer Maigret-Darsteller. Weil Depardieu das Darstellen schon lange aufgegeben hat. Depardieu ist – und als Maigret ist er großartig. Langsam und schwer schnaufend stapft er durch den Film. Die Leiche eines Mädchens wurde gefunden. Nicht den Mörder, sondern die Geschichte des Mädchens will Maigret verstehen. Es ist die Geschichte all derer, die in der großen Stadt das Glück suchten. Jede für sich ein Drama.

„Maigret“ ist ein Film von schlichter Eleganz. Patrice Leconte – einer der Meister des jüngeren französischen cinéma de qualité – erzählt geradlinig und beweist dabei ganz unzeitgemäß größtmögliches Desinteresse an vordergründiger Spannung. In einer der eindrücklichsten Szenen steht Maigret im Bad. Von draußen hört man Gelächter. Seine Frau und ein Mädchen, das in einem anderen, vielleicht besseren Leben seine Tochter sein könnte, freunden sich an. Maigret lächelt. Und er versucht dabei nicht zu weinen. Georges Simenons Genie bestand darin, dass er für dieses doppelte Drama – die Tragik der gelebten und nicht gelebten Leben – wenige Worte brauchte. Depardieus Genie ist es, dass er dafür gar keine Worte braucht.

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