Krieg in der Ukraine

Besetzte Großstadt Melitopol von ukrainischen Truppen beschossen

Seit März ist der wichtige Eisenbahnknoten Melitopol von russischen Truppen besetzt.
© IMAGO/RIA Novosti

Ziel war das Eisenbahndepot der Stadt. Bei den Angriffen wurde das Stromversorgungssystem beschädigt. Opfer gebe es keine.

Moskau – Ukrainische Truppen haben offenbar die russisch kontrollierte Stadt Melitopol unter Beschuss genommen. In der Stadt und in einigen Dörfern sei der Strom ausgefallen, meldet die staatliche russische Nachrichtenagentur TASS. Ziel der Angriffe war das Eisenbahndepot der Stadt. Im Kampf um die Stadt Bachmut räumte die ukrainische Militärführung indes einen russischen Teilerfolg ein. Die Luftstreitkräfte der Ukraine benötigen nach eigenen Angaben „dringend" moderne Kampfflugzeuge.

Wichtiger Eisenbahnknoten

Melitopol ist seit März vergangenen Jahres von russischen Truppen besetzt. Melitopol hatte vor dem Krieg eine Bevölkerung von 150.000 Menschen und ist ein Bahn-Verkehrsknotenpunkt für den russischen Nachschub. Die Stadt liegt auf der Landbrücke von Russland zur Halbinsel Krim, die Russland 2014 annektierte und die die Ukraine als ihr Staatsgebiet beansprucht. Es liegt etwa 120 Kilometer südöstlich von dem Atomkraftwerk Saporischschja, das der Chef der Internationalen Atomenergiebehörde IAEA, Rafael Grossi, am Mittwoch besucht hat. Die russischen Besatzer hatten Melitopol zur Hauptstadt des von ihnen eroberten Teils der Region Saporischschja gemacht – auch weil ihnen die Einnahme der Gebietshauptstadt Saporischschja selbst nicht gelungen ist.

Der Beschuss des Depots durch ukrainische Truppen dürfte vor allem darauf zielen, den russischen Nachschub zu behindern. Militärexperten erwarten in Kürze den Beginn einer ukrainischen Offensive. Als eine der Hauptzielrichtungen gilt dabei das Gebiet Saporischschja, wo die Ukrainer bei einem Vorstoß Richtung Meer – etwa über Melitopol – einen Keil zwischen die russischen Kräfte treiben könnten.

Bachmut weiter umkämpft

Inzwischen toben die Kämpfe um Bachmut im Osten des Landes weiter. Allerdings seien die russischen Angriffe im Vergleich zu vorigen Wochen weiterhin auf einem geringeren Niveau, teilte das britische Verteidigungsministerium mit. „Eine der wichtigen Errungenschaften der jüngsten ukrainischen Operationen bestand wahrscheinlich darin, die Kämpfer der russischen Wagner-Gruppe von der Route 0506 zurückzudrängen", hieß es. „Diese kleine Landstraße ist zu einer wichtigen Nachschublinie für die ukrainischen Verteidiger geworden. Wagner war zuvor nur wenige Hundert Meter von dieser Straße entfernt."

Der Chef der russischen Privatarmee Wagner, Jewgeni Prigoschin, erklärte seinerseits, die ukrainischen Truppen haben entscheidende Verluste erlitten. „Die Schlacht um Bachmut hat heute praktisch schon die ukrainische Armee vernichtet", behauptete Prigoschin am Mittwoch. Der Kampf um Bachmut sei die wichtigste Schlacht in der Ukraine und der „Sieg" der Wagner-Truppe dort „die größte Wendung dieses Kriegs und der modernen Geschichte überhaupt", prahlte er im Nachrichtenkanal Telegram. Von einem Sieg allerdings kann noch keine Seite sprechen.

Die ukrainische Militärführung räumte einen russischen Teilerfolg ein. „Im Sektor Bachmut setzte der Feind seine Angriffe auf die Stadt fort, teilweise mit Erfolg", teilte der Generalstab in Kiew in seinem täglichen Lagebericht mit. Details zu den russischen Geländegewinnen wurden jedoch nicht genannt. Die ostukrainische Stadt hat hohen symbolischen Wert für beide Kriegsparteien.

Nach Einschätzung internationaler Militärexperten hat Russland im Kampf um Bachmut zuletzt aber tatsächlich Boden gutgemacht. Russische Kräfte hätten in den vergangenen sieben Tagen zusätzlich etwa fünf Prozent von Bachmut eingenommen und kontrollierten aktuell knapp 65 Prozent des Gebiets, schrieb das in Washington ansässige Institut für Kriegsstudien (ISW). Für plausibel hält die US-Denkfabrik aufgrund visueller Belege auch die in Militärblogs verbreitete Behauptung, dass die Söldnertruppe Wagner näher ans Stadtzentrum vorgerückt ist.

Der Sprecher der Luftstreitkräfte der Ukraine, Juri Ihnat, forderte moderne Kampfflugzeuge. „Uns helfen weder die polnischen noch tschechischen Migs, ebenso wie Mirages oder Tornados", sagte Ihnat am Mittwoch im ukrainischen Fernsehen. Die von den Nachbarn erhaltenen Migs seien zwar eine willkommene und notwendige Verstärkung, doch benötige die Ukraine vielmehr Mehrzweckkampfflugzeuge.

Die von der Ukraine benötigten Flugzeuge sollten „am Himmel, über dem Boden und über dem Meer" einsetzbar sein. „Das wären die (US-amerikanische) F-16 oder andere Maschinen dieser Klasse aus der vierten Generation", sagte Ihnat. Da die Ausbildung von Piloten und Bodenpersonal an diesen Maschinen „kein einfacher Prozess" sei, wäre eine Entscheidung „möglichst gestern" nötig.

Der Angriff auf das Logistikzentrum in Melitopol kommt zu einer Zeit, in der es Hinweise auf das Auslaufen der russischen Winteroffensive gibt. Während Anfang des Monats der ukrainische Generalstab 124 russische Angriffe pro Tag an der Front meldete, fiel die Zahl in den vergangenen Wochen und lag am Mittwoch bei 57. Ungeachtet offenbar hoher Verluste hat die russische Armee dabei den vorliegenden Informationen zufolge kaum Boden gewonnen. Die Ukraine hat ihrerseits angedeutet, dass ihre Gegenoffensive bevorstehen könnte. Die Angaben können von unabhängiger Seite nicht überprüft werden. (APA/dpa/Reuters)

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