Daten aus 200 Ländern verglichen

Gesundheits-Vorteile für junge Menschen in Städten nehmen ab

Junge Menschen haben in Städten viele gesundheitliche Vorteile.
© Volkmar Schulz /

Städte bieten weiterhin erhebliche gesundheitliche Vorteile für Kinder und Jugendliche, die Unterschiede zu Kindern, die auf dem Land aufwachsen, werden aber geringer. In Österreich gibt es keine Unterschiede bei der Größe, aber Mädchen aus Städten haben statistisch gesehen eine höheren BMI.

Wien/Innsbruck/London – Die Vorteile des Lebens in Städten für die gesunde Entwicklung von Kindern und Jugendlichen nehmen in weiten Teilen der Welt ab. Das geht aus einer globalen Analyse der Trends von Körpergröße und Body-Mass-Index (BMI) bei Fünf- bis 19-Jährigen hervor, deren Ergebnisse im Fachjournal "Nature" veröffentlicht wurden. Die Forscher untersuchten dazu Daten von 71 Millionen Personen in städtischen und ländlichen Gebieten von 200 Ländern – darunter Österreich – von 1990 bis 2020.

Angesichts der vielen Möglichkeiten für bessere Bildung, Ernährung, Gesundheitsversorgung und Freizeit in Städten waren dort lebende Kinder und Jugendliche 1990 in allen Staaten mit Ausnahme von nur wenigen reichen Ländern größer als ihre Altersgenossen auf dem Land. Dieser Unterschied ist bis zum Jahr 2020 in weiten Teilen der Welt kleiner geworden, da sich die Körpergröße von jungen Personen in ländlichen Gebieten verbesserte, schreiben die Wissenschafter der "NCD Risk Factor Collaboration" um Anu Mishra vom Imperial College London in ihrer Studie. Diesem weltweiten Konsortium aus mehr als 1500 Forschern und Ärzten gehören auch Experten aus Österreich an.

In der Analyse, in die Daten aus 2325 Studien aus 200 Ländern eingeflossen sind, wurde auch der BMI der Kinder untersucht. Demnach hatten Fünf- bis 19-Jährige in Städten 1990 im Schnitt einen etwas höheren BMI als Gleichaltrige am Land. Bis 2020 stiegen die BMI-Durchschnittswerte in den meisten Ländern an, wenn auch schneller für Stadtkinder. Letzteres gilt nicht für Länder in Afrika südlich der Sahara und in Südasien, wo sich der BMI in ländlichen Gebieten rascher erhöhte.

Stadtmädchen mit höherem BMI

Der Unterschied beim BMI zwischen Stadt- und Landkindern blieb allerdings über den Untersuchungszeitraum von 30 Jahren gering: Weltweit betrug er weniger als 1,1 BMI-Einheiten. Das entspricht weniger als zwei Kilo für ein Kind mit einer Körpergröße von 130 Zentimetern oder weniger als drei Kilo für einen 160 Zentimeter großen Jugendlichen.

"In Österreich sind die Unterschiede in der Körpergröße zwischen Stadt und Land minimal und statistisch nicht signifikant", erklärte einer der Co-Autoren der Studie aus Österreich, Hanno Ulmer vom Institut für Medizinische Statistik und Informatik der Medizinischen Universität Innsbruck gegenüber der APA. Beim BMI gibt es dagegen einen statistisch signifikanten Unterschied zwischen Stadt und Land bei den Mädchen: 2020 war bei jenen aus der Stadt der altersstandardisierte BMI um fast eine halbe Einheit höher als bei jenen am Land.

Der Unterschied wird dabei mit zunehmendem Alter immer größer: fünf Jahre alte Mädchen aus der Stadt waren lediglich um 0,2 BMI-Einheiten schwerer als Gleichaltrige am Land, bei Zehnjährigen lag der Unterschied bei 0,4, bei 15-Jährigen bei 0,5 und bei 19-Jährigen bei 0,7 BMI-Einheiten. Bei den Burschen zeigten sich nur bei älteren Unterschiede: 15-Jährige aus der Stadt waren um 0,4 BMI-Einheiten schwerer als Gleichaltrige am Land, 19-Jährige um 0,6 BMI-Einheiten. Laut Ulmer ist "ein um eine halbe Einheit erhöhter BMI für den einzelnen Jugendlichen nicht besorgniserregend, allerdings im Mittel über die gesamte Bevölkerung ein durchaus relevanter Unterschied".

Ländliche Gegenden holen auf

Für Anu Mishra widerlegt die Studie die weit verbreiteten Vorstellungen über die negativen Aspekte des Lebens in Städten in Bezug auf Ernährung und Gesundheit. "Städte bieten weiterhin erhebliche gesundheitliche Vorteile für Kinder und Jugendliche", erklärte sie in einer Aussendung. Und glücklicherweise würden ländliche Gebiete in den meisten Regionen dank moderner sanitärer Anlagen und Verbesserungen bei der Ernährung und der Gesundheitsversorgung gegenüber Städten aufholen.

Anlass zur Sorge gäben die afrikanischen Länder südlich der Sahara. In ländlichen Gebieten lebende Burschen seien dort seit 1990 sogar kleiner geworden. Dies sei zum Teil auf die Ernährungs- und Gesundheitskrisen zurückzuführen, die auf Strukturanpassungen in den 1980er Jahren folgten.

Für die Wissenschafter sollten die Studienergebnisse die Politik dazu motivieren, Armut zu bekämpfen und nahrhafte Lebensmittel erschwinglich zu machen, um sicherzustellen, dass Kinder und Jugendliche zu gesunden Erwachsenen heranwachsen. Denn die Frage sei "nicht so sehr, ob Kinder in Städten oder am Land leben, sondern wo die Armen leben und ob die Regierungen die wachsenden Ungleichheiten mit Programmen wie Gutscheine für gesunde Lebensmittel oder Initiativen wie kostenlose Schulmahlzeiten bekämpfen", so Majid Ezzati vom Imperial College. (APA)

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