Über die Tradition der Palmesel

Sinnlicher Zugang zur Passion: Drei Fragen an Volkskundlerin Petra Streng

Petra Streng, Volkskundlerin
© Falk

Volkskundlerin Petra Streng spricht über die Besonderheit der Palm­eselprozession und darüber, warum diese mehr aussagt als jedes Gebet.

1️⃣ Was fasziniert Sie an Palmeselprozessionen?

Sie haben eine lange Tradition. Erste Nachrichten stammen vom Ende des vierten Jahrhunderts. Der Brauch ist über Jerusalem auch zu uns gekommen. Und schon um 700 n. Chr. wird in Tirol von Palmbuschen und Palmlatten berichtet. Faszinierend ist für mich, dass hier das Bildhafte, die Erzählung gleich einem Theater sichtbar wird. Mit diesen „Schaubildern“ hat man die Bevölkerung sinnlich in die Passion Christi „eingeführt“ – ein Umstand, den man heute in der kirchlichen Tradition zu viel vernachlässigt.

2️⃣ Wie lange und intensiv war der Brauch verbreitet?

Es gibt ihn schon viele Jahrhunderte. Er wurde vielerorts praktiziert. Es gibt ja auch Palmesel in Lienz, Hall oder Telfs. Diese Umzüge waren früher beinahe Volksfeste. So etwa in Hall. Der auf das Jahr 1420 datierte Palm­esel (mit Christusfigur) hat einen ausgehöhlten Bauch mit Klappe. Dort bewahrte man Brote für die Kirchgänger auf . Zudem gingen findige Wirte vor dem Palmesel und schenkten zum Brot auch Wein aus. Das passte der Kirche nicht, die Prozession kam im 19. Jahrhundert abhanden. Seit 1968 findet der Umzug wieder statt, aber ohne Naturalien ... In der Zeit der Aufklärung und mit den Verboten von Josef II. hat man leider in vielen Orten den Brauch abgeschafft, figurale Darstellungen landeten auf Dachböden oder wurden gar zerstört.

3️⃣ Weshalb hat der Palm­esel sich in Thaur gehalten?

Thaur hat eine schlüssige Brauchkultur. Das zeigt sich nicht zuletzt an der Romedi-Wallfahrt. Thaur ist eine Ausnahmeerscheinung. Trotz „Moderne“ und der Nähe zu Innsbruck hält man an Bräuchen fest. Vielleicht ein Bestehen auf der lokalen Identität.

4️⃣ Sind Palmesel auch aus anderen Ländern bekannt?

Palm­eselprozessionen gibt es vor allem in südlichen Regionen – insbesondere Italien und Spanien. Die ganze Karwoche über finden Prozessio­nen statt, die die Passion Christi „nachzeichnen“ und sinnlich darstellen. Und mehr aussagen als so manche Predigt ...

5️⃣ Die Prozession übers Romedikirchl nach Rum ist beschwerlich, wurde das nie geändert?

Die Prozession ist mehr als 200 Jahre alt. Die Beschwerlichkeit und Charakteristik der Prozession ist ein besonderer Anreiz. Der recht lange Weg zeigt die „wahre oder vermeintliche“ Verbundenheit der Dörfer. Nur in Kriegs- oder Notzeiten hat man auf die Prozession verzichtet.

Das Interview führte Alexandra Plank

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