Stück von Duncan Macmillan

„Atmen“ im Innsbrucker Kellertheater: Denken hilft (nicht immer)!

Im Dampfbad rauchen bald auch die Köpfe. Tamara Burghart und Peter Mair in „Atmen“.
© Griessenböck

Kind oder nicht Kind? Das ist die Frage in Duncan Macmillans munterer Beziehungskiste „Atmen“ im Innsbrucker Kellertheater.

Innsbruck – Nachzudenken ist in vielen Fällen kein Schaden. Doch beim Thema Kinderkriegen (ziemlich hässliches, technisches Wort übrigens) kann unablässiges Grübeln, festgeschnürt am zerebralen Marterpfahl, jede Lust auf eine etwaige Lendenfrucht im Ansatz ersticken. Sollen wir? Sollen wir nicht? Da ist die seit Jahrtausenden bewährte Methode „KuK“ schon besser: Klappe halten und Kuscheln!

In Duncan Macmillans Zweipersonenstück „Atmen“, derzeit im Innsbrucker Kellertheater in der Regie von Julia Jenewein zu sehen, ergeht sich ein noch kinderloses Pärchen in endloser Abwägung der Pros und Kontras von Elternschaft.

Sie (gespielt von Tamara Burghart), eine angehende Akademikerin (welcher Disziplin auch immer), und Er (Peter Mair), ein mäßig erfolgreicher Musiker, ziehen beim Kopfen über das Sichvermehren so ziemlich jedes Register. Hastige Halbsätze treffen auf halbgare Hauspatschenphilosophie – gerade so wie im richtigen Paarbeziehungsleben.

Das ist lustig anzusehen und anzuhören: Sagt Sie, den Schwiegereltern in inniger Abneigung ergeben: „Wenn ich mir nur vorstelle, dass ich in die Augen unseres Sohnes sehe und dabei deinen Vater erblicke!“ Sagt Er: „Sind das jetzt immer noch die Hormone, oder bist du einfach nur gemein?“

Sagt Sie: „Ich bin dann aufgequollen und fett, ein Gebäude.“ Sagt Er, mit Anlauf in die verbale Tretmine hüpfend: „Du bist wunderschön ... und fett!“

Versichern einander beide: „Wir sind keine schlechten Menschen!“ Also Feuer frei, ein neuer Mensch will gezeugt sein.

Das Stück lebt vom beherzten und – trotz aller Flüche und zynischen Verwünschungen – auch herzlichen Miteinander zweier Verliebter. Zukunftsängste, Unsicherheiten über sich selbst und die Welt, das Verlassen der (kinderlosen) Komfortzone werfen immer neue Themen auf. Ist Nachwuchs auch ökonomisch verkraftbar? Und, ganz zeitgeistig wichtig: Der geschundene Planet befindet sich doch schon jetzt an seiner Belastungsgrenze. Jeder weitere Erdenbürger würde Ressourcen im Ausmaß von 11.000 Tonnen CO2 verbrauchen. Da könnte man genauso gut jahrelang um die Welt jetten.

Es geht kiefelnd und hadernd im Kreis, auch noch, als sich hoffnungsfrohe News einstellen.

„Atmen“ ist eine pfiffig aufbereitete Theaterproduktion mit zwei patenten Darstellenden, die das stete Gehirnjogging, das mitunter mühsame Hin und Her trauter Zweisamkeit bis an den Rand allseitiger Ermattung nachfühlbar vermitteln. Es ist ein Stück mit heiterem Grundton, wortwitzigen Dialogen und mancher Oha!-Wendung.

Liebendes Herz setzt sich über nüchterne Ratio hinweg. Das Leben hält aber immer Überraschungen parat. Und so zerdrückt man am Ende ganz leise ein Tränchen.

Atmen. Nächster Termin: 4. April. www.kellertheater.at

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