Bald im Kino

Beau is Afraid: Treibgut im Meer der eigenen Ängste

Oscarpreisträger Joaquin Phoenix spielt Beau, dem in Ari Asters „Beau is afraid“ das Leben und das eigene Bewusstsein übel mitspielt.
© Constantin

Die Überwältigung hat Methode, die Verrücktheit kennt keine Grenzen: Hollywoods Wunderkind Ari Aster schickt Joaquin Phoenix mit „Beau Is Afraid“ auf einen tragisch-komischen, surrealen Albtraum-Trip.

Innsbruck – Kafkaesk ist eine inflationäre Beschreibung. Auf den neuesten Film von Wunderkind Ari Aster trifft sie allerdings immer wieder auf schmerzvollste Weise zu. „Beau Is Afraid“ hat eine Titelfigur, die Kafkas geplagten Protagonisten um nichts nachsteht. Beau Wassermann wird von seinem Regisseur nämlich in eine Serie von Albträumen geschickt, die umso erschreckender sind, je luzider sie sich präsentieren.

Im ersten Drittel des immerhin dreistündigen „Beau Is Afraid” stolpert die Titelfigur schon in der eigenen Wohnung von einer Katastrophe in die nächste. Draußen vor der Tür wartet sowieso die reine Anarchie – die Schreckens-Vision eines schießwütigen, gewaltsamen Amerika.

Eigentlich will Beau ja nur seine Mutter Mona besuchen. Mit dem Urschmerz der Trennung durch die Geburt beginnt der Film auch. Doch die Reise zum Ursprung seiner psychischen Probleme bringt immer neue Hindernisse für den Unglückspilz.

Beau is Afraid

Ab 16 Jahren. Ab Donnerstag im Kino.

„Joker“-Darsteller Joaquin Phoenix lässt sich voll und ganz auf diese beeindruckend bemitleidenswerte Rolle ein und trägt den dreistündigen Trip. Er spielt einen Verlierertyp, der irgendwie versucht, über Wasser zu bleiben, und doch immer tiefer in seine Ängste versinkt. Wie Odysseus treibt Beau auf dem Meer seiner eigenen Ängste und strandet immer wieder auf verwunschenen Inseln. Eine Wanderzirkus-Kommune mit Theaterbühne zeigt ihm etwa in einer animierten Märchen-Sequenz seinen Lebensweg – oder wie er hätte sein können. Dabei beweist der Film durchaus auch Schmäh.

Regisseur Ari Aster gilt seit seinem Spielfilmdebüt „Hereditary“ (2018) als Hollywoods Horrorhoffnung. Mit „Beau Is Afraid“ verlässt er die Genre-Pfade endgültig. Stilistisch hat er das schon bei seinem verstörend-sonnigen Tagalbtraum „Midsommar“ (2019) getan. Darin steuerte er noch sanft auf den Abgrund zu. Nun sind wir auch stimmungsmäßig schon einen Schritt weiter. „Beau Is Afraid“ ist stellenweise ein absurder Psychothriller, dann wieder eine surreale Groteske mit ordentlich schwarzem Humor. Albtraumhaft bleibt der Film durchwegs. Denn die Gefahr kommt diesmal von innen. Die Stärke des Films ist es, uns im Kopf von Beau zu halten – wider besseres Wissen, dass wir einer Imagination folgen.

Wo sich die Geister zu „Beau Is Afraid“ scheiden, ist am Ausmaß dieser filmischen Obsession. Wie Darren Aronofsky in „Mother!“ setzt auch Ari Aster seiner Verrücktheit keine Grenzen. Zu sehr ist stellenweise der Wunsch spürbar, ein Opus magnum zu schaffen, das alles übertrifft. Zu viel Genie und zu wenig Macht der Produzenten, die Werk und Schöpfer zurück in produktive Bahnen lenken. Wie kürzlich in Damien Chazelles ebenfalls dreistündigem Nostalgie-Ausflug „Babylon“ ist die Überwältigung dabei zwar nicht Selbstzweck, aber am Ende doch mehr Methode als nur Resultat.

Ari Aster steckt mit „Beau Is Afraid“ bis zum Hals in einer alles andere als kathartischen Freud’schen Familien-Analyse. Ein wenig mehr von der Klarheit und Kürze einer Kafka-Geschichte hätte dem Film dabei nicht geschadet. Franz ist bekanntlich gern ins Kino gegangen. Ob er wohl an „Beau Is Afraid“ seine Freude gehabt hätte?