Neues Buch

Selbstauskunft eines Schreibenden: Norbert Gstrein gibt seltene Einblicke

Der vielfach ausgezeichnete Tiroler Autor Norbert Gstrein gibt in seinem neuen Buch Auskunft über sein Schreiben.
© dpa/Sebastian Gollow

Norbert Gstrein stellt in „Mehr als nur ein Fremder“ das allzu Eindeutige auf den Prüfstand.

Innsbruck – Mit Biografischem hat sich der Tiroler Schriftsteller Norbert Gstrein bislang zurückgehalten. Mitunter finden sich in seinem bisherigen Romanwerk Hinweise darauf, dass sich aus dem literarischen „Ich“ der Bücher vielleicht doch Rückschlüsse auf den Autor ziehen lassen. „Anleitungen zur Fehllektüre“ hat Gstrein dieses Verfahren in einem TT-Interview genannt. Will heißen: Wenn manches im Roman wahr sein könnte, könnte auch alles andere, sogar das recht eindeutig Erfundene, wahr sein. Die Fiktion wird faktisch aufgeladen – und das vermeintlich Faktische fiktional untergraben. Auch und gerade dieses Spiel mit Erwartungen, Erwartbarem und Unerwartetem, mit Ähnlichkeiten und Verschiebungen und den Fallen, die sich daraus basteln lassen, macht Gstreins Literatur aus.

Nun liegt mit „Mehr als nur ein Fremder“ aber doch ein neues Buch von Norbert Gstrein vor, in dem er Auskunft gibt über sein Herkommen und Fortgehen, über sein Schreiben, das „Ich“, das da schreibt, und das „Ich“, das die Literatur anderer liest. Der zentrale Teil der Essaysammlung geht auf die Lichtenberg-Poetikvorlesung zurück, zu der sich Gstrein 2022 – in einem „schwachen Moment“, wie er selbst sagt – überreden ließ. Ergänzt wird das Vorlesungsmanuskript um Artikel, Kolumnen, Reden und Nachworte, die er in den vergangenen Jahren bereits andernorts veröffentlichte.

Im Kern ist „Mehr als nur ein Fremder“ zudem eine Nachschrift zu Gstreins jüngsten, in verblüffend schneller Folge erschienenen Romanen: „Die kommenden Jahre“ (2018), „Als ich jung war“ (2019), „Der zweite Jakob“ (2021) und „Vier Tage, drei Nächte“ (2022). Einflüsse werden aufgeführt, inhaltliche, aber auch formale Überlegungen nachgezeichnet, das eine oder andere Geheimnis wird umkreist. Auch deshalb läuft keiner der Texte Gefahr, zur schamlos autobiografischen oder eben autofiktionalen Nabelschau zu werden. Obwohl es durchaus berührende Passagen gibt, etwa wenn Gstrein sich am Familiengrab im Ötztal dabei ertappt, „fast schon zu hübschen, literarischen Gedanken“ aufzusitzen. Alles steht bei Gstrein auf dem Prüfstand. Und Gedanken sowieso.

Bestechend beispielsweise ist, wie er mit und ausgehend von William Faulkner, den er verehrt und für einschlägige Interviewaussagen zu verachten versucht, und Toni Morrison über Rassismus nachdenkt – ein Thema, das sich zuletzt auch in „Vier Tage, drei Nächte“ in kleinen Schritten in den Vordergrund schiebt. Oder wenn er – Anlass ist seine Thomas-Mann-Lektüre und der renommierte Thomas-Mann-Preis, den Gstrein 2021 erhielt – über die Rolle und Funktion schreibt, die Kunst und Künstler in und von einer Gesellschaft zugeschrieben werden. Auch dabei kann man mit Norbert Gstrein das Misstrauen gegen alles allzu Eindeutige lernen.

Essays

Norbert Gstrein: Mehr als nur ein Fremder. Hanser, 190 Seiten, 24,70 €