Gegen sexualisierte Gewalt

Von „Luisa“ bis „Dr. Viola“: Verschlüsselte Hilferufe für Frauen in Tirol

Bei Annäherungen geht es immer um Konsens, darauf machen auch die „Catcalls of Innsbruck“ aufmerksam.

„Ist Luisa hier?“ „Ich muss zu Dr. Viola!“ Codesätze wie diese bedeuten: Hier braucht eine Frau Hilfe. Immer mehr Einrichtungen beteiligen sich an niederschwelligen Aktionen wie diesen.

Innsbruck – Wo sie ist, sollen sich Mädchen und Frauen sicher fühlen: Die blauen „Luisa“-Sticker an Eingangstüren oder in Toiletten von Lokalen sind ein Qualitätsmerkmal geworden, an dem sich viele beim Ausgehen orientieren. 18 Clubs und Eventlokale, 21 Bars, 13 Cafés und Restaurants beteiligen sich bereits, viele weitere sind interessiert, sagt Frederik Lordick von Innsbruck Club Commission. Werden die Mitarbeiter nach „Luisa“ gefragt, wissen sie: Dieser Gast wird sexuell bedrängt, hat aber mitunter Hemmungen, dies klar auszusprechen.

„Luisa“ ist in Tirol. Fotos: Falk, Innsbruck Club Commission
© Innsbruck Club Commission

Jede dritte Frau in Österreich ist von sexualisierter Gewalt betroffen, Projekte wie dieses schärfen das Bewusstsein für das Problem, das immer noch tabuisiert wird. Die Verwendung des Codeworts „Luisa“ ist nur ein Teil der Aktion, auch Kampagnen etwa an Schulen gehören dazu. Lordick: „Und schon die Schulung der Mitarbeiter in den Lokalen hat enorme Breitenwirkung, wenn manchen, die noch nie über das Thema sexuelle Gewalt nachgedacht haben, plötzlich die Augen aufgehen.“ Weil es nur wenige Daten und Erhebungen gibt, sind Befragungen geplant, wie groß der Bedarf an solchen niederschwelligen Hilfsprojekten in Tirol ist.

Die nächsten „Luisa“- Schulungen beginnen im Juni, beim Roten Kreuz Tirol bereitet man sich unterdessen auf den Start von „Dr. Viola“ vor. Das Projekt war von der Opferschutzgruppe der Tirol Kliniken ins Leben gerufen worden, um das Krankenhaus als sicheren Ort für akut Gefährdete und Bedrohte zu etablieren. Weil die Gewalt oft im eigenen Zuhause passiert, braucht es auch hier einen kurzen Codesatz. Die Rettung als Erstkontakt für Verletzte arbeitet derzeit an der Umsetzung. Im Lehrplan des im Juli beginnenden Pflichtfortbildungsjahrs ist das Schulungsmodul „Umgang mit Betroffenen von häuslicher und/oder sexualisierter Gewalt im Rettungsdienst“ enthalten, heißt es von Seiten des Roten Kreuzes.

An der Klinik und am Krankenhaus Hall wurde das Codewort „Viola“ seit Projektstart 60-mal benutzt. Laut Kliniksprecher Johannes Schwamberger sind auch hier Hemmungen die größte Hürde für Betroffene dabei, um Hilfe zu bitten. Deshalb genügt bereits das Vorzeigen der „Dr. Viola“-Karte, die in vielen Sprachen in den Toiletten aufliegt. Eine große Herausforderung dabei ist, alle rund 6000 Mitarbeiter zu schulen. Sollte doch einmal eine oder einer nicht Bescheid wissen, findet sich im Mitarbeiterverzeichnis der Hinweis, dass es sich bei „Dr. Viola“ um einen Gewaltschutz-Avatar handelt und der nächste Portier weiß, was zu tun sei.

Ziel muss ein sensitiver Umgang miteinander sein. So kann man auf Grenzen des anderen eingehen.
Doris Stauder (Verein Frauen gegen VerGEWALTigung)

Geht es um sexualisierte Gewalt, wird häufig das Stichwort „Konsens“ genannt. „Es weist auf die sexuelle Selbstbestimmung hin, die in jeder Situation gesichert sein muss. Konsens bedeutet, dass die Zustimmung zu sexuellen Handlungen eingeholt wird. Ohne Zustimmung ist es sexualisierte Gewalt“, heißt es von Seiten des Vereins „Frauen gegen VerGEWALTigung“, der gerade sein 40+1-Jahr-Jubiläum feiert. Das Motto lautete „Con-sens-itiv“. Den Begriff, bestehend aus „Consens“ und „sensitiv“, hat Geschäftsleiterin Doris Stauder geprägt: „Ziel muss ein sensitiver Umgang sein. Begegnet man sich auf diese Art, spürt man die Grenzen des anderen und kann darauf eingehen.“

Am Marktplatz haben die „Catcalls of Innsbruck“ am Freitag „Consens ist sexy“ auf den Asphalt gesprüht. Die Gruppe kreidet sexuell anzügliches Verhalten im öffentlichen Bereich – „Catcalling“ – an: Mit Kreide werden Sprüche auf Straßen oder Plätze geschrieben – dort, wo Mädchen und Frauen belästigt wurden. „Wir erreichen so viele Menschen und tragen zur Bewusstseinsbildung bei“, sagt Paula Jorge von den „Catcalls“. In Spanien und Frankreich ist Catcalling strafbar.

© Rita Falk / Tiroler Tageszeitung

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