Kultur Österreich

Popband Bon Jour will der "Selbstdarstellung entgegentreten"

Bei der "3D-köpfigen" Band Bon Jour spielen Egos keine Rolle
© APA

Ihre Gesichter kennt man nur als knuffige 3D-Animationen, doch musikalisch geht es bei Bon Jour durchaus handgemacht zur Sache: Die dreiköpfige Band, die in den vergangenen Monaten mit ersten Singles von sich reden machte, veröffentlicht am Freitag ihre Debüt-EP "And So We Met Again" und serviert darauf leichtfüßigen Pop mit sommerlicher Note. Wer hinter dem Projekt steckt, ist aktuell noch geheim, will das Trio doch der "Selbstdarstellung entgegentreten".

Also muss man sich mit den Künstlernamen Merlin, Albert und Rio begnügen. "Die Leute in der Bubble wissen natürlich, wer wir sind. Es ist auch nicht so wie bei Sido früher oder Cro, dass es niemand wissen darf", gab Albert im APA-Gespräch zu verstehen. "Aber das Projekt lebt von einer extremen Leichtigkeit - auch im Studio. Es hat von Anfang an so gut funktioniert, weil es kein Ego gegeben hat. Jeder hat alle Meinungen respektiert. Dann war die Frage, wie wir das auf die Spitze treiben können." Also hat man sich dazu entschlossen, die Gesichter nicht zu zeigen. "Wir wollten probieren, den Fokus ganz auf die Musik zu legen."

Bisher hat das ziemlich gut funktioniert, gab es für Nummern wie das ungemein eingängige "All I Know" doch nicht nur reichlich Radio-Airplay, sondern im Vorjahr auch den Slot als Opener für die britischen Indie-Querdenker Alt-J in der Wiener MetaStadt. "Wer weiß, wie lange - oder kurz - wir uns dafür vorbereiten konnten, hätte das wohl nicht gemacht", schmunzelte Albert. "Wir haben zwei Wochen vorher Bescheid bekommen und hatten zu diesem Zeitpunkt noch keine Liveshow." Letztlich stellten Bon Jour eine Band sowie eine 45-minütigen Auftritt mit Visuals zusammen. "Das hat uns weiter bestärkt: Scheiß drauf, wir machen das einfach!"

Dabei war anfangs nicht mal klar, ob man eine Band sein will. Die drei Musiker sind einander zwar schon seit mehr als 20 Jahren freundlich verbunden, doch gemeinsame Songs gab es bisher nicht. Eher zufällig landete man schließlich zusammen im Studio, woraufhin der EP-Opener "Blue Moon" entstand. "Es war einfach genug Vertrauen und eine gegenseitige Wertschätzung da", erinnerte sich Albert. "Zudem hatten wir genug Erfahrung um zu wissen, dass sich keiner profilieren muss. Der Zugang war somit extrem intuitiv und beinahe kindlich. Das vermisst man als Künstler manchmal ein bisschen: einfach machen!"

Zunächst waren Bon Jour aber abgeschreckt davon, ein neues Bandprojekt zu starten. "Ich habe gesagt: Auf keinen Fall", lachte Albert. In vielen Gesprächen habe man aber sehr genau herausgefunden, wer was möchte und welche Ziele im Raum stehen. "Es hat jedenfalls etwas geweckt in uns. Klar war, dass wir nur beschränkte Zeitressourcen haben und uns nicht so intensiv darum kümmern können. Aber seit wir das ausgesprochen haben, arbeiten wir voll daran." Entstanden sind so auch die sechs Songs, die nun auf der EP zu finden sind und allesamt einen unwiderstehlichen Groove mitbringen. Hier geben sich die Ecken und Kanten von Alternative die Hand mit Ohrwurmmelodien, und das alles in jeweils gerade mal drei Minuten.

Textlich arbeiten Bon Jour "sehr intuitiv", betonte Albert. "Erst später ist uns aufgefallen, wie viel wir dabei verarbeiten, ohne dass wir es ausgesprochen hätten. Im Studio haben wir uns einfach einen Safe Space geschaffen und uns dadurch extrem öffnen können." Es sei aber nicht so, dass sich die konkreten Inhalte auf die Hörerschaft übertragen müssen. "Die Texte sind leicht zugänglich, jeder kann sich selber Sätze raussuchen und ihnen eine Bedeutung geben. Was wir darin verarbeiten, wollen wir gar nicht so genau thematisieren." Der Klassiker sei schließlich der eine Song, den man im Urlaub bei einem schönen Moment hört, "und den trägst du zehn Jahre später noch mit".

Die Technologieaffinität der Gruppe zeigt sich nicht nur in den animierten Köpfen der Pressefotos, sondern beispielsweise auch im Video zu "All I Know", das mittels künstlicher Intelligenz erstellt wurde. "Diese Zugänge interessieren uns auf jeden Fall", so Albert. "Wobei die Leute oft unterschätzen, wie viel Kreativität beispielsweise in den Anweisungen für diese Programme steckt. Die KI generiert diese Bilder ja nicht selber, es braucht quasi einen Kreativdirektor, der genau sagt, was passiert und wie es ausschauen soll." Wäre KI auch ein Thema für die Kompositionen? "Ausprobieren würden wir das auf jeden Fall. Viele Leute haben Angst davor, aber man muss es einfach als Hilfswerk sehen. Wir haben das bisher noch nicht gemacht, aber ich kann mir vorstellen, dass es beispielsweise für Rhythmik interessant sein kann. Songs komplett von KI generieren zu lassen, steht bei uns aber nicht zur Debatte."

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In nächster Zeit gibt es stattdessen die Gelegenheit, Bon Jour ganz klassisch analog im Konzertsetting zu erleben, etwa beim neuen Lido Sounds Festival in Linz. Styroporköpfe wie in der Musikkomödie "Frank", in der Michael Fassbender einen exzentrischen Sänger spielt, sollte man sich aber nicht erwarten. "Nein", lachte Albert auf die Idee angesprochen. "Live will man ja spüren, was die Leute machen. Wir werden zu siebt auf der Bühne stehen und eben mit Visuals arbeiten." Auch beim Szene Open Air in Lustenau, dem Waves Vienna sowie bei der Birthday-Party des Salzburger Rockhouse werden Bon Jour zu erleben sein. Und damit ist beileibe noch nicht Schluss, wie Albert verriet: "Wir haben schon eine große Vision und hanteln uns dahin."

(Das Gespräch führte Christoph Griessner/APA)

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