Kultur Österreich

Sam Smith in Wien zwischen Goldengelchen und Teufel

Das Goldengelchen Sam Smith hebt in Wien die Flügel
© APA

Sam Smith ist eine Künstlerpersönlichkeit, die sich in den vergangenen Jahren zu immer neuen Schmetterlingen entpuppt hat - musikalisch wie als Person. Mittlerweile als non-binär positioniert, präsentierte Smith am Vorabend des 31. Geburtstages in der Wiener Stadthalle die aktuelle Tournee "Gloria" - und dabei eine dramaturgisch durchkomponierte Show, die zeigt, dass Sam Smith mit dem alten Ich keineswegs gebrochen hat, sondern dieses in das neue Sein integriert.

So dominiert die breite Bühne eine riesige Goldstatue mit entsprechendem Po, die als Auftrittgestell für Smith und die Band dient. Dabei ist der monumentale Goldberg ein Sinnbild für die erste Hälfte des Abends, der von den frühen Hits wie "Stay with me" oder "I'm not the only one" beherrscht wird. Es ist die Epoche des Golds, des Flitters, der Diva Sam Smith im Korsett, im d'Artagnan-Hemd, zwischen Stöckeln und Plateauschuhen.

Alles glitzert gülden, Smith ist der queere Goldengel am Riesenpo, parallel zur aufwendig instrumentierten, früheren Karrierephase. Selten wird auf ein Duett zwischen Pianistin und Sam Smith ohne das charakteristische Falsett reduziert, hie und da können die Mitglieder des Backgroundchores glänzen. In der Regel dominiert jedoch der Kitschbombast, der aber liebenswert daherkommt, sich selbst nicht zu ernst nimmt.

Dass Sam Smith die Physiognomie eines durchschnittlichen britischen Pubbesuchers oder Vorortbusfahrers hat, verhindert dabei mögliche Peinlichkeiten, die aus einem mediokren Wollen entstehen könnten. Queerness wird hier umarmt, das Camp-Sein zelebriert ohne Autoerotik, Körperbilder abseits des Mainstreams gefeiert. Genau hierin liegt das Inklusive der Bühnenperson Sam Smith, das Allumfassende, das ungeachtet der vermeintlichen Nischenthemen ein breites Publikum anspricht.

Und eben diese breit aufgestellte Menschenmenge hat Sam Smith von der ersten Sekunde an in der Hand und dirigiert die ausverkaufte Stadthalle mühelos zum Mitsingen und -tanzen. Einzig das Angebot, doch einfach das Oberteil auszuziehen, wenn einem danach ist, lassen die meisten Fans aus. Anders als Sam Smith am Ende selbst.

Denn in der Mitte des Abends folgt der harte Bruch, parallel zur musikalischen Evolution, die Smith mit dem jüngst erschienen Album "Gloria" hingelegt hat. Es geht weg von Gold und Glitter, hin zu harten Farben, Schlaglichtern, elektronischen Discobeats und sexueller Aufladung. Tanzende in Kopulationsakrobatik kommen hinzu, Covernummern untermalen die Clubatmosphäre, wenn etwa der Donna-Summer-Hit "I Feel Love" als reine Dancenummer dient.

Am Ende, beim aktuellen Hit "Unholy", steht das Goldengelchen dann als Teufel mit Dreizack und Hörnerzylinder in Netzstrapsen da. Und dann ist Schluss, ohne Zugabe oder ein Farewell. Nun heißt es also warten und gespannt sein, welche Wendungen Sam Smith bis zum nächsten Wien-Konzert vollzogen haben wird.

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