Zwischen Apokalypse und Alltag: Cormac McCarthy ist tot
US-Autor Cormac McCarthy zählte zu den großen Einzelgängern der US-Literatur. Seine Romane „All die schönen Pferde“ und „Die Straße“ wurden Bestseller. Am Dienstag ist er 89-jährig gestorben.
Santa Fe – Er machte nicht mit, mied die literarischen Zirkel der amerikanischen Ost- und Westküstenmetropolen, gab kaum Interviews und hielt sich auch sonst zurück. Zu den Giganten der US-Literatur zählte er trotzdem – und vielleicht auch ein bisschen deswegen. Harold Bloom, der große Sortierer und Etikettierer der Weltliteratur, führte Cormac McCarthy als einen der großen vier der amerikanischen Gegenwartsliteratur – zusammen mit Don DeLillo, Thomas Pynchon und Philip Roth.
Dunkle Romane über wortkarge Typen zwischen Alltag und Apokalypse machten Cormac McCarthy berühmt. Späte aber doch. Ende fünfzig war er als sein sechster Roman „All die schönen Pferde“ 1992 Amerikas bedeutendsten Literaturpreis, den National Book Award, gewann. Das Buch wurde zum Bestseller. Billy Bob Thornton verfilmte den Spätwestern 2000 mit Matt Damon, Penélope Cruz und Sam Shepard.
Die Jahrzehnte davor galt Cormac McCarthy als „writer’s writer“, hochgeschätzt von namhaften Kollegen, etwa Nobelpreisträger Saul Bellow, aber letztlich ein Geheimtipp. Und selbst Autorinnen und Autoren, die ihn bewunderten, machte es McCarthy nicht leicht. Er ziehe die Gesellschaft von Wissenschaftlern denen anderer Literaten vor, erzählte er in einem seiner raren Interviews. Ganz grundsätzlich seien ihm Schriftsteller, die sich nicht „mit den Fragen von Leben und Tod beschäftigen“, suspekt. „Eine Menge Autoren, von denen man denkt, sie wären gut, finde ich eigenartig“.
Er wurde 89 Jahre alt
Autor von „No Country for Old Men“: Cormac McCarthy gestorben
Cormac McCarthy stellte sich in seinen Texten – vornehmlich Romanen, aber auch vereinzelte Bühnenstücke – den großen Sinnfragen. Allerdings nicht dozierend. McCarthys Bücher sind hart, rau, rätselhaft – und bisweilen auf eine eigentümlich grausame Art witzig. Cormac McCarthys Sprache ist wuchtig. Erzählen heißt bei ihm immer erzählen in Aussagesätzen. Auf Firlefanz, Gänsefüßchen zum Beispiel, die Dialoge markieren, verzichtete er. Er sähe keinen Grund, die Platz für „komischen kleinen Zeichen“ zu verschwenden.
Geboren am 20. Juli 1933 in Providence, Rhode Island, als drittes von sechs Kindern eines Anwalts, zog Cormac McCarthy mit seiner Familie vier Jahre später nach Knoxville, Tennessee. Der amerikanische Süden prägte später, wie der Westen, die Schauplätze seiner Romane. In Knoxville begann McCarthy 1951 ein Kunststudium, er diente ab 1953 vier Jahre bei der Air Force, nahm das Studium wieder auf, verließ aber 1959 ohne Abschluss die Universität und stürzte sich in ein unstetes Leben. Seine ersten Publikationen, die Romane „Der Feldhüter“ (1965) und „Ein Kind Gottes“, wurden von William Faulkners ehemaligem Lektor Albert Erskine entdeckt und gefördert. Es waren drastische, düster realistische Schilderungen über das Leben so genannter Hinterwälder im amerikanischen Süden.
Anerkennung fand McCarthy vor allem mit seinem 1985 publizierten Roman „Die Abendröte im Westen“, einem Text über die Indianerkriege nach dem Amerikanischen Bürgerkrieg, die mit der Unterwerfung der der Indigenen endeten. Bei einer Umfrage des New York Times Magazine unter Schriftstellern, Verlegern und Lektoren nach den einflussreichsten amerikanischen Romanen der vergangenen 25 Jahre kam „Die Abendröte im Westen“ auf den dritten Platz hinter Toni Morrisons „Menschenkind“ und Don DeLillos „Unterwelt“.
„So ist aber der Tod und das Sterben der Finsternis Leben“. Dieses Motto des deutschen Mystikers Jakob Böhme hat McCarthy „Die Abendröte des Westens“ vorangestellt. Es ist diese Finsternis, die McCarthy in jedem seiner Romane zum Leben erweckt. Bevölkert sind die Texte von in der Regel männlichen Außenseitern, jungen wie alten. Geprägt ist deren Welt von oft regel- und grundloser Gewalt. „Sie wandern“, heißt es in „Land der Freien“, dem dritten Teil seiner mit „All die schönen Pferde“ begonnenen Grenzland-Trilogie, „aus ihrem verkommenen Paradies aus, weil sie auf der Suche nach etwas sind, was bei ihnen bereits ausgestorben ist. Etwas, wofür sie vielleicht gar keinen Namen haben.“ Hinter jeder genau beschriebenen Geste, jeder eindrucksvoll ausgebreiteten Landschaft, selbst in den nur auf den ersten Blick idyllischen Wolken, die McCarthy wie kaum ein zweiter zu beschreiben wusste, lauert das Namenlose, das Unheimliche und Bestialische.
Auch seine letzte Publikation, der wie eine Kippfigur gebaute Doppelroman „Der Passagier“ und „Stella Maris“, diesmal aus vordergründig wissenschaftlicher Sicht mit den unüberschreitbaren Grenzen der menschlichen Erkenntnisfähigkeit und der daraus resultierenden Hoffnungslosigkeit. Beide Bücher sind Ende 2022 erschienen
Spätestens seit der Erfolg von „All die schönen Pferde“ auch das Interesse an den früheren Werke McCarthys wachsen ließ, galt der Einzelgänger auch als Kandidat für den Literaturnobelpreis.
Auch McCarthys 2006 mit dem Pulitzer-Preis ausgezeichneter Roman „Die Straße“ wurde zum Verkaufserfolg. Auch er wurde erfolgreich verfilmt. 2008 gewann die verblüffend wortgetreue Adaption des McCarthy-Romans „No Country for Old Men“ der Coen-Brüder den Oscar als bester Film.
Am Dienstag ist Cormac McCarthy in Santa Fe, New Mexico, gestorben.