Abrechnung aufgeschoben: Trump bleibt trotz Anklagen Favorit der US-Republikaner
Auch nach der zweiten Anklage bleibt Donald Trump der Favorit der US-Republikaner. Das kann sich noch ändern, aber schon 2016 waren seine Gegner zu spät dran.
Washington – Nach herkömmlichen politischen Maßstäben müsste Donald Trump politisch erledigt sein. Derzeit laufen gegen ihn zwei Strafprozesse und zwei weitere Ermittlungsverfahren. Kürzlich wurde er wegen sexuellen Missbrauchs zu Schadenersatz verurteilt. Fast 60 Prozent der Amerikaner mögen ihn nicht. Die US-Republikaner haben mit ihm als Bannerträger die letzte Präsidentenwahl verloren und bei den letzten drei Kongresswahlen schmerzliche Dämpfer erlitten.
Trotzdem dominiert Trump weiterhin die politische Bühne rechts der Mitte. Auch die zweite Anklage diese Woche brachte ihm im eigenen Lager einen Schub an Solidarität und Wahlkampfspenden ein. Das sagt viel aus über die Polarisierung in den USA und über die Verschwörungstheorien, die Trump an der Parteibasis verankern konnte – von der angeblich gestohlenen Wahl bis zur Behauptung, er werde von der Biden-Administration politisch verfolgt.
Im Mittel der Umfragen unter Vorwahlteilnehmern liegt er knapp über 50 Prozent. Von den übrigen zehn Bewerbern kommt nur Ron DeSantis auf zweistellige Werte. 80 Prozent befinden, dass Trump sogar im Fall einer Verurteilung die Möglichkeit haben sollte, ins Weiße Haus zurückzukehren.
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Vor diesem Hintergrund wagt es kaum ein republikanischer Politiker, sich offen mit Trump anzulegen. Stattdessen bildet die Klage über eine angeblich politisierte Justiz den kleinsten gemeinsamen Nenner der selbsternannten Law-and-Order-Partei. Trump durfte sogar unwidersprochen ankündigen, im Fall eines Wahlsiegs das traditionell unabhängige Justizministerium an die Leine zu nehmen und gezielt gegen Joe Biden vorzugehen. – Es wäre ironischerweise genau das, was er fälschlicherweise dem amtierenden Präsidenten vorwirft.
Trotz seiner Prozesse bleibt Trump vorerst der Favorit. Er verfügt über: eine treue Fangemeinde, die ihm abkauft, dass er sich für sie opfert; mit Abstand am meisten Bekanntheit und Präsenz; eine eigene Social-Media-Plattform; eine Ausstrahlung, die zumindest im rechten und konservativen Lager der USA verfängt; und den Nimbus, dass ihm nichts wirklich schaden kann.
Aber bis zu den ersten Vorwahlen sind es noch mehr als 200 Tage, bis zur Hauptwahl im November 2024 noch mehr als 500 Tage. Experten halten es für möglich, dass der politische Wind noch einmal dreht. Aus den Umfragen geht nämlich auch hervor, dass viele Republikaner lieber über andere Themen reden würden als über Trump und seine Selbstinszenierung. Es könnte sein, dass sie mit der Zeit genug haben von dem endlosen Drama oder dass sie zu zweifeln beginnen, ob sie mit Trump wirklich die besten Chancen haben, das Weiße Haus zurückzuerobern. Denn wer Präsident werden will, muss in der Hauptwahl auch parteiunabhängige Wähler der Mitte ansprechen.
Einzelne konservative Strategen und Großspender haben bereits umgesattelt. Der Multimilliardär Charles Koch etwa finanziert derzeit Werbespots in den ersten Vorwahlstaaten, in denen es heißt: „Trump kann nicht gewinnen“ oder „Biden kann nur gewinnen, wenn wir Trump erneut nominieren“.
Doch selbst wenn große Teile der Partei ihn nicht wollen, könnte der Ex-Präsident von der Zersplitterung der Bloß-nicht-Trump-Fraktion profitieren. Das war schon so im Vorwahlkampf 2016, in dem Trump zunächst als belächelter Außenseiter angetreten war. Das Partei-Establishment brauchte zu lange, um sich auf einen Frontmann zu einigen. Als der Vorwahlprozess dann auf ein Duell geschrumpft war, lag Trump bei den Delegiertenstimmen für den Parteitag bereits weit voran.
Fest steht bisher nur, dass die herkömmlichen politischen Maßstäbe auf Trump nicht anwendbar sind. Ob und wann er politisch erledigt ist, bleibt zunächst offen.