Katastrophe im Mittelmeer: Tausende Ertrunkene klagen an
Der Untergang eines Flüchtlingsbootes mit Hunderten Toten ist nur ein trauriger Höhepunkt einer langen Entwicklung. UNO-Organisationen fordern Fluchtwege.
Rom, Athen – Die aktuellsten Meldungen kamen aus Italien: In der kalabrischen Stadt Crotone landete am Donnerstag nach fünftägiger Überfahrt aus der Türkei ein Segelboot mit 50 Irakern und Afghanen an Bord. Noch zwei Autostunden weiter südlich, in Rocella, fast schon an der Spitze des Stiefels, trafen 86 Migranten ein. In Ancona, wo in den nächsten Wochen wieder viele Urlauber mit der Fähre nach Griechenland starten, brachte das Rettungsschiff „Geo Barents“ 38 gerettete Menschen an Land.
Die Zahlen der Ankünfte über das Mittelmeer steigen. Heuer waren es nach Angaben des italienischen Innenministeriums schon mehr als 53.800. Im Vergleich zu den ersten Monaten des Vorjahres ist das mehr als eine Verdoppelung.
Hoch ist auch die Zahl derer, die ertrinken. Von Jänner bis Mai starben laut der Internationalen Organisation für Migration (IOM) 1150 Menschen auf See. Das jüngste Unglück vom Mittwoch mit mehr als 500 Toten kommt zur heurigen Zwischenbilanz dazu. Zum Vergleich: Im Vorjahr ertranken 2400 Flüchtlinge, vor zwei Jahren auch mehr als 2000.
Hilfsorganisationen betreiben Rettungsschiffe. Die EU-Grenzschutzbehörde Frontex überwacht das Mittelmeer. „Ich wünschte, ich hätte den Einfluss, das Sterben zu stoppen“, sagte Frontex-Chef Hans Leijtens zur Süddeutschen Zeitung. „Aber wir können keine Wunder vollbringen. Wir überwachen ein Meer, das doppelt so groß ist wie Frankreich, Spanien und Italien zusammen.“
Der Niederländer Leijtens ist seit März an der Spitze von Frontex. Die Organisation ist umstritten und muss sich vorwerfen lassen, unter Leijtens Vorgänger beim Zurückdrängen von Flüchtenden durch die griechische Küstenwache bewusst weggesehen zu haben.
📽️ Video | Schwere Vorwürfe gegen Küstenwache
Die griechische Küstenwache war auch diese Woche über das später gesunkene Boot informiert. Alexis Tsipras, Ex-Ministerpräsident und Chef der größten Oppositionspartei Syriza, gibt der Behörde eine Mitschuld an dem Unglück. Warum habe die Küstenwache nicht eingegriffen, fragte er den Minister für Bürgerschutz, Evangelos Tournas. Dieser erklärte, dass die Besatzung des Schiffes Hilfsangebote ausgeschlagen habe. In internationalen Gewässern sei ein Eingreifen dann nicht möglich.
Tsipras ist mit seiner Kritik nicht allein. In Athen und Thessaloniki gingen Menschen gegen die EU-Asylpolitik auf die Straße. „Die EU bringt Menschen um“, hieß es. In Athen brannte eine EU-Flagge.
Reaktionen von europäischen Politikern auf das Unglück gab es nur wenige. Und wer sich äußerte, verwies meist darauf, dass man endlich dafür sorgen müsse, dass die Menschen sich gar nicht erst auf den Weg machten.
UNO-Organisationen fordern die EU zum Handeln auf, um solche Tragödien zu verhindern. „Es ist klar, dass das derzeitige Konzept für das Mittelmeer nicht funktioniert“, teilte der Direktor der Abteilung für Notfälle der UN-Organisation für Migration (IOM), Federico Soda, mit: „Die Staaten müssen zusammenarbeiten und die Lücken bei der proaktiven Suche und Rettung, der schnellen Ausschiffung und den sicheren regulären Wegen schließen.“ (sabl, APA, dpa, AFP)
Suchaktion vor Einstellung, Schlepper in Gewahrsam
Mittlerweile gibt es praktisch keine Hoffnung mehr, noch Überlebende des Bootsunglücks im Mittelmeer zu finden. Das Suchgebiet in den Gewässern südwestlich von Griechenland wurde am Freitag noch einmal ausgeweitet. Laut Medienberichten sollte die Suche im Laufe des Tages aber eingestellt werden. Am Donnerstagabend waren von den 104 Überlebenden neun Verdächtige in der Hafenstadt Kalamata festgenommen worden. Die Ägypter gelten als mutmaßliche Schlepper und Organisatoren der Unglücksfahrt.
Der mit schätzungsweise 500 bis 700 Menschen besetzte Fischkutter war in der Nacht auf Mittwoch rund 50 Seemeilen südwestlich der Halbinsel Peloponnes in internationalen Gewässern gesunken. Zuvor soll an Bord eine Massenpanik ausgebrochen sein, die das übervolle Schiff zum Kentern brachte. Seither wurden 78 Todesopfer geborgen. Die Behörden vermuten, dass das Boot sehr schnell sank. Deshalb sei es den Menschen unter Deck vermutlich nicht gelungen, sich ins Freie zu retten. Alle Geretteten waren nach offiziellen Angaben Männer: 47 Syrer, 43 Ägypter, zwölf Pakistaner und zwei Palästinenser.
Der 34-jährige Syrer Qassem Abu Zeed ist aus Hamburg nach Kalamata gereist, er ist auf der Suche nach seiner Frau Esra und deren Bruder Abdullah. „Sie haben jeweils 4500 US-Dollar für die Überfahrt bezahlt“, berichtet sein Freund Hamza Ayash dem Guardian. „Wir wollen nur wissen, was mit ihnen passiert ist.“
Am Freitag begannen die Behörden, die Überlebenden in ein Auffanglager nördlich von Athen zu bringen, wo die Menschen registriert werden und Asylanträge stellen können. Lediglich die neun mutmaßlichen Schlepper blieben in Polizeigewahrsam. Ihnen werden fahrlässige Tötung, Menschenhandel und die Bildung einer kriminellen Vereinigung vorgeworfen. Weil sich der Unglücksort an einer rund 5000 Meter tiefen Stelle des Mittelmeers befindet, ist eine Bergung des Wracks kaum wahrscheinlich.
📰 Internationale Pressestimmen
Dernières Nouvelles d’Alsace, Frankreich
„Vor zehn Jahren, als vor Lampedusa 366 Menschen starben, startete die Europäische Union die Rettungsaktion ‚Mare Nostrum‘, die in weniger als einem Jahr mehr als 150.000 Menschen rettete. Das war, bevor sie aufgab und ihre Menschlichkeit und Würde verleugnete. In defensiver Haltung kriminalisiert sie NGOs und die Seenotrettung, die doch in allen grundlegenden Texten verankert ist, und finanziert stattdessen libysche Milizen, die mit Schleppern handeln.“
Guardian, Großbritannien
„Es geht nicht nur um Griechenland. Überall in Europa behaupten Regierungen unaufrichtig, dass hohe Mauern und Stacheldrahtzäune sowie die Abwälzung der Verantwortung für Asylsuchende auf Drittländer als moralisch angemessen betrachtet werden kann. „Das Geschäftsmodell der Menschenschmuggler zu brechen“, ist zur Rechtfertigung für eine Strategie der Festung Europa geworden. Sie soll einige der reichsten Gesellschaften der Welt vor den Folgen globaler Krisen schützen.“
El País, Spanien
Der Schock über solche Katastrophen darf nicht länger einfach nur zur Resignation führen. Die europäischen Behörden müssen viel entschlossener sein. Sie müssen so schnell wie möglich eine Grundlage für migrationspolitische Vereinbarungen finden, damit Maßnahmen ergriffen werden und das Risiko einer Wiederholung solcher inakzeptablen Vorfälle minimiert wird. Während Europa mit erschreckender Langsamkeit diskutiert, gibt es immer mehr Unglücke und Klagen der Hilfsorganisationen. Europa darf nicht weiter so tun, als ob der Verlust Hunderter Menschenleben unvermeidlich wäre.
La Stampa, Italien
Der Abgrund Europas liegt in den Worten ohne Mitleid und Bedeutung, die nach einer Tragödie wie der von Pylos ausgesprochen werden. Während das griechische Militär das Lager überwacht, in das die Geretteten gebracht wurden, während die Zahl der Toten steigt, trifft sich Giorgia Meloni mit dem maltesischen Premierminister Robert Abela. Es ist von Migrationsströmen die Rede, aber die Tragödie von Pylos verdient nicht einmal eine Randbemerkung. Es handelt sich um eine der schlimmsten Tragödien aller Zeiten, die an die vom 3. Oktober 2013 erinnert, als es 368 Tote vor der Kanincheninsel gab. Oder an das von 2015, als ein Boot mit 700 bis 950 Menschen an Bord südlich von Lampedusa sank. Und die Zahl der Überlebenden betrug nur 28. Wir sprechen von ähnlichen, vielleicht sogar höheren Zahlen. Aber für Europa ist es so, als wäre es business as usual.