Schwierige Situation

„80 Prozent wollen heim“: Immer mehr Ukrainer in Tirol haben Job, aber Hürden bleiben

Heini Happ am Traktor, Vinzenzverein Axams, hat geholfen, Ukrainern, die privat wohnen, Fehlendes zu bringen.
© Schaffenrath

Verglichen mit dem Vorjahr hat sich die Zahl der Ukrainer, die einen Job in Tirol haben, verdoppelt. Die Berufs-Anerkennung wird nun erleichtert, Hürden bleiben aber. Die Hälfte der Ukrainer wohnt privat, Erschöpfung droht.

Innsbruck – Mit Stand 1. August 2023 leben 3890 Personen (zwei Drittel sind weiblich) aus der Ukraine in Tirol. Neue Ankünfte sind in den vergangenen Monaten stark zurückgegangen bzw. gibt es praktisch fast keine mehr. Gleichzeitig kehrt nur ein kleiner Teil aus Tirol zurück in die Heimat. Deshalb wurden auch die Ankunftszentren vom Land neu strukturiert.

Verglichen mit 2022 gibt es die größte Änderung bezüglich der Arbeitssituation der UkrainerInnen. Laut AMS Tirol waren Ende Juli 2023 in Tirol 1583 UkrainerInnen angestellt beschäftigt. 74 Prozent davon Frauen. Im Vergleich zum Juni 2022 ist das eine Steigerung von 65,9 Prozent (um 629 Menschen mehr).

Die Mehrzahl hat im Tourismus bzw. in der Beherbergung einen Job gefunden (34 Prozent). Gefolgt von Landwirtschaft (9,9 Prozent), Einzelhandel, Gebäudereinigung und Großteil. Nur ein kleiner Teil (3,9 %) arbeitet in einem Alten-, Pflege- oder sonstigen Heim in Tirol.

Sprache bleibt oft Knackpunkt

Der uneingeschränkte Zugang zum österreichischen Arbeitsmarkt hat für UkrainerInnen vieles erleichtert, gleichzeitig gibt es nach wie vor Hürden bei der Anerkennung beruflicher Qualifizierungen. Heißt: Gut ausgebildete Ukrainer müssen oft einen x-beliebigen Job unter ihren Qualifikationen annehmen. Der Prozess der Nostrifizierung, gekoppelt an zusätzliche Ergänzungsprüfungen, ist kein einfaches Verfahren bzw. bürokratisch aufwändig. So müssen etwa alle Zeugnisse ins Deutsche übersetzt werden, was mit Kosten verbunden ist.

Und: Auch wenn die Deutschkenntnisse vieler mittlerweile besser sind, bleibt die Sprache ein Knackpunkt. Zumindest im Bereich der Anerkennung im Gesundheits- und Pflegebereich gibt es seit Juli 2023 wesentliche Erleichterungen, von denen sich Beratungsstellen viel erwarten. Bislang wurden einzelne Lehrpläne verglichen, jetzt zählt die Gesamtheit der Ausbildung: „Diese Änderung ist vielversprechend“, sagt Mirjana Stojakovic, Geschäftsführerin von ZeMit (Mensch und Migration im Zentrum). Insgesamt würden kürzliche Änderungen im Gesundheits- und Pflegegesetz und neue Bestimmungen zur Rot-Weiß-Rot-Karte für Drittstaatsangehörige möglich machen, was vor zehn Jahren in Österreich noch undenkbar war, so Stojakovic. Weil die Änderungen erst seit Kurzem in Kraft sind, kann man derzeit aber noch nicht mehr sagen.

Bis dato haben viele UkrainerInnen aus der Not heraus einen x-beliebigen Job angenommen. Das spießt sich oft zeitlich mit dem Besuch von Deutschkursen, die insgesamt zu wenig flächendeckend angeboten werden. Ein höheres Deutsch-Level, das vor allem für besser qualifizierte Jobs verlangt wird, ist innerhalb kurzer Zeit schwer zu erreichen. Niveau B2 wären z. B. Deutschkenntnisse, die hierzulande einem Maturaniveau in der ersten lebenden Fremdsprache entsprechen. Kinder tun sich da leichter als Erwachsene. Mit Schuljahresende waren 797 SchülerInnen aus der Ukraine in Tirols Schulen gemeldet (im Jänner 2023 waren es über 830). Vorerst dürfen Ukrainer fix bis März 2024 hierbleiben.

Mit Ende Juli 2023 hatten 1583 UkrainerInnen eine Arbeitsstelle in Tirol.
© TT/Murauer

Private auf sich gestellt

Russland und die Ukraine befinden sich im Abnutzungskrieg, doch die Hilfsbereitschaft der TirolerInnen gegenüber den Vertriebenen gehe weiter, heißt es seitens der Caritas Tirol.

Laut Auskunft der Tiroler Sozialen Dienste (TSD), die im Auftrag des Landes die Grundversorgung von Asylwerbern organisieren, befanden sich mit Stichtag 1. August 2023 3050 UkrainerInnen in der Tiroler Grundversorgung (Zum Vergleich: Anfang Juli waren es 3252). „Rund die Hälfte lebt in organisierten, die andere in privaten Unterkünften“, so Pressesprecher Florian Stolz.

Von Beginn an ging das Engagement der privaten Quartiergeber weit über die Aufgaben von VermieterInnen hinaus. Das bestätigt auch Tatjana Pospisil, sie koordiniert die Freiwilligenarbeit für die TSD. Ohne sich dessen bewusst zu sein, waren diese die ersten Ansprechpartner bei Fragen zu Behördengängen, Schulanmeldungen u. v. m. In manchen Gemeinden wie etwa Kematen oder im Westlichen Mittelgebirge hätte sich schnell ein­e breite Unterstützung etabliert. In Kematen etwa wurden Familien Buddys beigestellt, nach wie vor findet jeden Freitag ein Friedensgebet statt.

Mittlerweile geht einigen privaten Quartiergebern jedoch die Puste aus: Sie haben Platz im Haus freigeräumt, gingen aber davon aus, dass der Zeitraum überschaubar bleibt.

Volodymyr Horbal, Pfarrkurator in Wattens, Seelsorgeraum Fritzens-Volders-Wattens, sagt: „Es ist eine schlimme Situation, 80 Prozent der Ukrainer wollen heim, aber es ist keine Besserung in Sicht.“ Wenn Personen im eigenen Haus untergebracht seien, sei das anstrengend, da könne sich nach fast eineinhalb Jahren auch Überforderung einstellen. Seit Mai bestehe in Tirol die Regelung, dass es für neu ankommende UkrainerInnen keine öffentlichen Unterkünfte gibt, sie müssen private nachweisen. Oft hätten sich aber auch richtige Wohngemeinschaften zwischen UkrainerInnen und TirolerInnen gebildet. Man helfe sich gegenseitig.

Es ist eine schlimme Situation, 80 Prozent wollen heim, aber es ist keine Besserung in Sicht.
Volodymyr Horbal (Pfarrkurator und freiwilliger Helfer)

Ein Fritzener hat ein­e Ukrainerin mit ihrer Tochter (7) untergebracht und braucht den Platz nun selbst: „Die öffentliche Hand hat uns im Regen stehen lassen. Mit der Kirche ist es gelungen, eine schöne Wohnung zu finden“, sagt er, und: „Ich verstehe nicht, wie man mit dem Wissen von 2015 so schlecht organisiert sein kann.“ Auch die Teuerung wurde den Privaten lange nicht abgegolten. Das sei im Laufen, so Stolz. Leider gebe es aktuell keine freien organisierten Plätze. Man wäre über Einmeldungen froh.

„Es ist schwierig, gut Deutsch zu lernen“

Die 25-jährige Vita Sliusar macht derzeit für zwei Monate ein unbezahltes Praktikum im Altenheim, „mit vielen netten Menschen“, sagt sie. Es sind die letzten bürokratischen Meter, die die Ukrainerin machen muss, damit sie in Zukunft in ihrem erlernten Beruf als Krankenschwester arbeiten kann: Man sei beim Land Tirol beim Nostrifizierungs-Prozess sehr entgegenkommend gewesen, trotzdem gab es viele Hürden zu bewältigen. Beruflich hat sie den Nachweis als Diplom- bzw. Pflegekraft auf Bachelor-Niveau. Sprachlich erreicht sie das erforderliche B2-Niveau nicht: „Das in der kurzen Zeit zu erreichen, ist sehr schwierig“, sagt die junge Frau, die auf einer Klinik-Notauf­nahme in Kiew gearbeitet hat.

Nach ihrem Praktikum im Haus Elisabeth in Silz hat Vita Sliusar die berufliche Anerkennung geschafft.
© Sliusar

In Österreich kann Vita Sliusar bald und vorerst in der Pflegefachassistez arbeiten. Dafür reicht Sprach-Level B1. Auch wenn die Zugänge für ausländische Pflegekräfte erleichtert wurden, bleibt die Sprache eine Hürde. Es fehlen Sprachkurse, vor allem in Tälern. Angebote seitens des Österreichischen Integrationsfonds (ÖIF) sind sehr bürokratisch und langsam. Deshalb hat Frau Vita zwei ihrer fünf Kurse selbst finanziert. Ihr Ziel ist es, „endlich wieder als Krankenschwester an einer Klinik zu arbeiten“.