Kino darf alles, außer zu gemütlich sein: Zum Tod des Regisseurs William Friedkin
Von Hollywoods Jungen Wilden der 70er-Jahre war er der Wildeste.
Innsbruck – An der Macht des Kinos hat William Friedkin nie gezweifelt. Mit seinem ersten Film, dem Dokumentarfilm „The People vs. Paul Crump“ rettete er ein Leben. 1960 war Friedkin, er arbeitete damals für einen Fernsehsender in Chicago, auf einen Artikel über Paul Crump gestoßen, der seit acht Jahren wegen Mordes in der Todeszelle saß. In „The People vs. Paul Crump“ rollte er die Ermittlungen gegen den verurteilten Mörder neu auf. Das Todesurteil wurde daraufhin aufgehoben.
Davor und auch in den ersten Jahren danach machte Friedkin vor allem Live-Fernsehen. Er schulte seinen Blick für das Unplanbare und Ungeschönte. In Hollywood fuhr er damit zunächst ein: Das Sonny-und-Cher-Vehikel „Good Times“ (1965) und „Die Nacht, als Minsky aufflog“ (1968), eine tatsächlich hölzern inszenierte Komödie über die Erfindung des Striptease, interessierte die wenigsten. Auch das in der Schwulenszene spielende Drama „Die Harten und die Zarten“ (1970) floppte.
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„Exorzist“-Regisseur William Friedkin 87-jährig verstorben
Im selben Jahr bekam Friedkin „The French Connection“ angeboten. Der Polizeifilm basiert auf einem Tatsachenroman, Friedkin filmte ihn wie einen Dokumentarfilm: realistisch, grimmig und düster – ein Meilenstein des Genrekinos. „The French Connection“, der hierzulande „Brennpunkt Brooklyn“ heißt, gewann Anfang 1972 fünf Oscars – Friedkin wurde als bester Regisseur ausgezeichnet. Da war er 36 Jahre alt – und galt fortan auch im Vergleich mit den anderen jungen Wilden, die gerade das US-Kino runderneuerten, als der mit Abstand Wildeste.
Und als gelte es, diesem Ruf auch gerecht zu werden, drehte Friedkin als Nächstes „Der Exorzist“ – eine der bis heute unangenehmsten und beeindruckendsten Kinoerfahrungen überhaupt. Die Tugendwächter tobten, die Kinokasse klingelte – und elf Oscarnominierungen für einen Horrorfilm gab es sowieso noch nie.
🎬 Trailer | Der Exorzist
Danach wagte sich William Friedkin in den Dschungel Lateinamerikas. „Atemlos vor Angst“ war ein Remake des Klassikers „Lohn der Angst“ – und doch ganz anders: größer, drastischer, katastrophaler. Als Friedkin mit diesem Meisterwerk des Körper- und Chaoskinos aus dem Urwald zurückkehrte, brachte George Lucas gerade „Star Wars“ (1977) in die Kinos: „Atemlos vor Angst“ floppte – und Friedkin galt seither wohl nicht ganz zu Unrecht als schwierig. Mit „Cruising“ (1980) und „Leben und Sterben in L.A.“ (1985) gelangen ihm zwei Großtaten des 80er-Jahre-Oberflächenkinos.
Dann wurden die Budgets kleiner und die Projekte obskurer. In den 2000er-Jahren inszenierte William Friedkin Opern – auch in Wien. Bei allen Festivals, die etwas auf sich hielten, wurden ihm Ehrenpreise zugesprochen – und in seinen Dankesreden blieb William Friedkin Verfechter eines Kinos, das alles darf, außer zu gemütlich zu sein.
Sein neuester und, wie nun klar ist, letzter Film „The Caine Mutiny Court-Martial“ kommt in wenigen Wochen beim Filmfestival von Venedig zur Weltpremiere. Am Montag ist William Friedkin gestorben. Er wurde 87 Jahre alt.