Präsident schließt sich an

Als erster US-Präsident seit über 100 Jahren: Biden streikt mit Arbeitern der Autobranche

Große Geste: US-Präsident Biden schließt sich dem Streik an.
© JIM WATSON

Der US-Präsident schloss sich dem Streik der Arbeiter vor dem General Motors-Werk in Belleville an. Die Arbeiter fordern 40 Prozent mehr Lohn.

Belleville – US-Präsident Joe Biden hat sich demonstrativ den streikenden Arbeitern in der Autobranche angeschlossen und sich hinter ihre Forderung von 40 Prozent mehr Lohn gestellt. "Ihnen steht zu, was sie verdient haben", sagte er am Dienstag vor einem Verteilerzentrum von General Motors in Belleville im Bundesstaat Michigan. "Und Sie haben verdammt viel mehr verdient, als sie jetzt bekommen." Auf die Frage, ob er die Lohnforderung der Gewerkschaft UAW unterstütze, sagte Biden "Ja".

Der Demokrat stellte sich vor laufenden Kameras zu den Streikposten. Die Geste ist die größte politische Unterstützung, die ein US-Präsident seit mehr als 100 Jahren Gewerkschaftern zuteilwerden ließ: Im Jahr 1902 lud Theodore Roosevelt streikende Zechenarbeiter ins Weiße Haus ein.

Vor der Präsidentenwahl Anfang November 2024 buhlt auch der republikanische Rivale und Amtsvorgänger Bidens, Donald Trump, um die Unterstützung der Arbeiter in der Branche. Der Geschäftsmann wurde am Mittwoch vor Mitarbeitenden des gewerkschaftlich nicht organisierten Autozulieferers Drake Enterprises in einem Vorort von Detroit erwartet. Eine Stellungnahme des Unternehmens dazu lag zunächst nicht vor. Trump warf Biden in einer Erklärung vor, die Arbeiter der Autobranche zu verraten. Der E-Auto-Vorstoß des Demokraten werde den Industriezweig in den USA zerstören und Tausende Jobs kosten. Trump werde sich in seiner Rede gegen E-Auto-Förderung aussprechen und einen besseren Schutz von Arbeitsplätzen versprechen, erklärte sein Berater Jason Miller.

Streik an mehreren Orten

Die UAW bestreikt seit eineinhalb Wochen erstmals gleichzeitig Werke der drei Traditionskonzerne Ford, General Motors und der Stellantis-Tochter Chrysler. Die Arbeit ruht bei jeweils einem Montagewerk der Autobauer. Der Streik wurde zuletzt auf Dutzende Verteilzentren für Ersatzteile bei GM und Stellantis ausgeweitet. Ford blieb dabei außen vor, weil die Verhandlungen der Tarifparteien dort vorangegangen waren. Die UAW fordert 40 Prozent mehr Geld über einen Zeitraum von vier Jahren mit Verweis auf den Kaufkraftverlust der Arbeitnehmer, die hohen Gewinne der Unternehmen und den Vergütungssprüngen der Konzernchefs. Die Arbeitgeber boten rund 20 Prozent über viereinhalb Jahre an.

Biden hatte die Arbeitgeber aufgefordert, im Tarifstreit der Gewerkschaft United Auto Workers (UAW) entgegen zu kommen. Nachdem die Beschäftigten 2009 zur Rettung der Autokonzerne in der damaligen Krise beigetragen hatte, stehe ihnen jetzt eine Beteiligung an der prosperierenden Entwicklung zu. Die UAW hat bisher als einzige große Gewerkschaft noch keine Unterstützung für Biden vor der Wahl erklärt. UAW-Präsident Shawn Fain hatte Biden zu einem Besuch der Streikenden eingeladen und begleitete den Präsidenten in Michigan. An dem Trump-Auftritt ist die UAW einem Insider zufolge nicht beteiligt. Ihre Vertreter wollten sich dort nicht blicken lassen.

Unterstützung von Gewerkschaften und Arbeitnehmerrechte gehören zu den Eckpfeilern von Bidens Wirtschaftspolitik, wovon er im Wahlkampf für seine zweite Amtszeit bisher allerdings nicht profitiert. Trump hingegen sei "bedingungslos gewerkschaftsfeindlich", sagte Robert Bruno, Arbeitsmarktexperte von der University of Illinois. Die Republikaner setzen darauf, dass die Strategie der Biden-Regierung, den Umstieg vom Verbrenner- zum E-Auto zu fördern, bei Beschäftigten der Autoindustrie unpopulär ist. Sie hoffen, bei der Wahl den Demokraten den Bundesstaat Michigan abjagen zu können. (APA/Reuters)

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