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US-Autor Jonathan Spector bringt Impfdebatte auf Burg-Bühne

US-Autor Jonathan Spector zu Gast im Burgtheater
© APA

An einer fortschrittlichen kalifornischen Privatschule gerät sich der Elternbeirat gehörig in die Haare, als klar wird, dass eine ansteckende Krankheit zur vorübergehenden Schließung führt - und vorläufig nur geimpfte oder genesene Kinder wieder zum Unterricht zurückkehren dürfen. Das Stück "Die Nebenwirkungen", das am Samstag am Burgtheater zur Premiere kommt, liest sich wie ein Schlüsseltext zur Covid-Pandemie. Doch US-Autor Jonathan Spector hat es bereits 2018 geschrieben.

"In der Zeit lebte ich in Berkeley, das als die liberalste Stadt der USA gilt, und ich bekam mit, dass viele Menschen meiner Umgebung die meisten Ansichten teilten - bis auf eine: Manche ließen sich und ihre Kinder nicht impfen. Das hat mich fasziniert", erinnert sich Spector im Gespräch mit der APA. "Außerdem hatte Kalifornien kurz zuvor nach einem Krankheitsausbruch in Disneyland seine sehr freizügigen Impfvorschriften verschärft. Das Thema lag also irgendwie in der Luft, und als ich einen Stückauftrag des Aurora Theaters bekam, wollte ich etwas schreiben, das sich wirklich mit den Menschen dort beschäftigte. Was danach kam, war natürlich völlig unvorhersehbar."

In "Eureka Day" (wie das Stück im Original nach der betroffenen Schule heißt) ist es daher Mumps und nicht Covid, das die Eltern beunruhigt und in heftige Auseinandersetzungen treibt, die wir in der Folge der Corona-Lockdowns und -Impfungen nur zur Genüge kennen. "Es war sehr eigenartig, dass Dinge, mit denen ich mich zuvor ganz alleine in meiner Schreibstube befasst hatte, plötzlich zum Gegenstand allgemeiner Diskussionen wurden", sagt Spector.

Durch die Haltung des damaligen US-Präsidenten Donald Trump sei das Thema rasch extrem politisiert worden. "Plötzlich hat sich die radikale Linke, die auf Alternativmedizin setzte, sich in der Nähe der radikalen Rechten befunden, die kritisch gegenüber allem ist, was aus dem 'System' kommt. Das geht bis heute weiter: Gerade hat es ein Unterstützungskonzert für Robert Kennedy junior gegeben, bei dem viele linke alte Rockstars aufgetreten sind. Da frage ich mich schon: Wissen die nicht, dass er Impfgegner und Verschwörungstheoretiker ist?"

"Die Nebenwirkungen" nimmt die Impfdebatte jedoch nur zum Anlass, um an den Kern des Problems heranzuführen: Wie findet in einer Demokratie Entscheidungsfindung statt, ohne sich über Teile der Bevölkerung hinwegzusetzen - und braucht es dafür nicht eigentlich einen Grundkonsens von Werten und Fakten? Er erinnere sich gut an die Zeit, als sein Stück begann, Gestalt anzunehmen, erzählt Spector: "Jeder hat damals über nichts anderes geredet als über Donald Trump. In einer Autowerkstatt geriet ich in eine Auseinandersetzung. Jemand sagte: Okay, Trump mag nicht fehlerlos sein, aber Hillary Clinton hat 27 Menschen auf dem Gewissen ..."

Eigentlich sei diese Anekdote gar nicht zum Lachen, fügt der in Oakland lebende Dramatiker hinzu: "Unser ganzes Zeitalter der Aufklärung beruht auf der Voraussetzung, dass sich vernünftige Menschen über bestimmte, außer Streit gestellte Dinge austauschen. Was aber, wenn diese Grundlagen fehlen? Das Traurige ist: Genau in diese Richtung ist es in den vergangenen Jahren gegangen. Die ganze Republikanische Partei ist voller Menschen, die autoritäre Entscheidungen begrüßen und Fakten leugnen. Das macht wirklich Angst. Es ist durchaus möglich, dass Trump eine zweite Amtszeit erhält. Wenn er aber die Wahlen gewinnt, wird es viel schlimmer als beim ersten Mal."

Ein besonders tragikomisches Element seines Stückes ist, dass sich die Eltern an der teuren Privatschule eigentlich als gesellschaftliche Elite verstehen - und über die nebensächlichsten Dinge stundenlang debattieren können, um ja niemanden auszuschließen oder zu verletzen - ehe der raue Wind der Wirklichkeit diese kleine, heile Welt gehörig zerzaust. "Es ist wirklich ein Problem, dass die Linke viel mehr Energie für ihre eigenen Auseinandersetzungen aufwendet als sich auf den eigentlichen Gegner zu konzentrieren. Ihr Dilemma ist, dass sie über ihren eigenen Schatten springen müssten. Nur mit Rücksichtnahme kommt man nicht an die Macht."

"Die Nebenwirkungen" bietet durchaus auch Situationen, die grotesk bis komisch wirken. Ein handwerklicher Trick? "Normalerweise ist es immer gut, dass man sich schwierigen Themen über ein wenig Humor annähert - sonst wird es rasch zu deprimierend", lacht Jonathan Spector. "Aber tatsächlich hatte ich weniger die Absicht, etwas Humor unterzubringen, als Figuren und Situationen möglichst authentisch wiederzugeben. Alleine das wirkt oft lustig - abgesehen davon, dass man die besten echten Geschichten gar nicht schreiben kann, weil sie so absurd klingen, dass sie einem niemand glaubt."

"Die Nebenwirkungen" ist Spectors bisher erfolgreichstes Stück und hat bereits einige Produktionen erlebt, unter anderen im Vorjahr eine am Old Vic in London, an der auch Oscar-Preisträgerin Helen Hunt mitwirkte. Wie unterschiedlich waren die Reaktionen in den USA und in London? "In den Staaten hieß es: Er zeigt uns, wie wir sind. In London meinte man dagegen: Was für eine Übertreibung!" Und welche Erwartungen hat er an das Publikum in Wien? "Ich bin das erste Mal hier und habe daher wirklich keine Ahnung. Ich bin schon sehr neugierig auf Samstag."

(Das Gespräch führte Wolfgang Huber-Lang/APA)

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