Konfliktregion im Südkaukasus

Mittlerweile fast 89.000 Menschen aus Berg-Karabach auf der Flucht

Zehntausende sind auf der Flucht aus Berg-Karabach.
© APA/AFP/SIRANUSH ADAMYAN

Die Vertriebenen seien ängstlich und blickten sorgenvoll in die Zukunft, sagte Kavita Belani, die Vertreterin des UNHCR in Armenien.

Jerewan, Wien, Stepanakert – Nach Aserbaidschans Rückeroberung der Konfliktregion Berg-Karabach im Südkaukasus haben laut den Vereinten Nationen und der armenischen Regierung bisher fast 89.000 Menschen Zuflucht in Armenien gesucht. Es handle sich um Menschen, die gezwungenermaßen ihre Heimat hätten verlassen müssen, teilte Regierungssprecherin Naseli Bagdassarjan am Freitag in Jerewan mit. Nach offiziellen, nicht überprüfbaren Angaben lebten zuvor 120.000 Karabach-Armenier in der Region.

Die Vertriebenen seien ängstlich und blickten sorgenvoll in die Zukunft, sagte Kavita Belani, die Vertreterin des UNHCR (UNO-Flüchtlingshochkommissariats) in Armenien, per Videolink aus Jerewan zu Journalisten in Genf. Sie hätten mit 90.000 Flüchtlingen gerechnet, aber die Erwartungen müssten angepasst werden. Das UNHCR sei auch gerüstet, um 120.000 Menschen zu helfen.

Der Manager der Föderation der Rotkreuz- und Rothalbmondgesellschaften in Armenien, Hicham Diab, sagte, viele Ankömmlinge seien zu erschöpft, um über ihre Erlebnisse zu berichten. Sie bräuchten psychosoziale Hilfe, um die Flucht zu verarbeiten. Beide Organisationen appellierten an die internationale Gemeinschaft, Armenien bei der Aufnahme der Geflüchteten finanziell zu helfen.

Das autoritär regierte Aserbaidschan hatte in einer Militäroffensive in der vergangenen Woche die seit Jahrzehnten umkämpfte Region zur Gänze zurückerobert. Die Führung der in Berg-Karabach errichteten, international nicht anerkannten Republik Arzach hatte danach kapituliert und in dieser Woche auch die Selbstauflösung zum 1. Jänner 2024 besiegelt. Die aserbaidschanische Regierung und auch Russland, das als Schutzmacht Armeniens gilt, hatten erklärt, dass es keinen Grund zur Flucht gebe. Allerdings befürchten die Karabach-Armenier Verfolgung und Gewalt durch Aserbaidschan.

Die Analyse der Situation zeigt, dass in den kommenden Tagen in Berg-Karabach kein Armenier mehr sein wird.
Armeniens Regierungschef Nikol Paschinjan

In Jerewan warf Armeniens Regierungschef Nikol Paschinjan dem Nachbarland am Donnerstagabend bei einer Regierungssitzung „ethnische Säuberungen“ vor. „Die Analyse der Situation zeigt, dass in den kommenden Tagen in Berg-Karabach kein Armenier mehr sein wird.“ In der Vergangenheit hatte es zwischen den christlichen Karabach-Armeniern und den muslimischen Aserbaidschanern Konflikte gegeben.

Nach armenischen Regierungsangaben wurde in der Nähe von Berg-Karabach ein humanitäres Zentrum für die Flüchtlinge eingerichtet. Die Menschen erhielten eine Unterkunft, teilte die Regierungssprecherin weiter mit. Der Menschenrechtsbeauftragte von Berg-Karabach, Gegam Stepanjan, hatte mitgeteilt, dass bei der jüngsten Militäroffensive Aserbaidschans mindestens 200 Menschen getötet und etwa 400 verletzt worden seien. Auch die aserbaidschanische Seite hatte über Verluste in den eigenen Reihen berichtet.

Die Region ist seit Jahrzehnten zwischen den verfeindeten Ex-Sowjetrepubliken Aserbaidschan und Armenien umstritten. In den 1990er Jahren konnte sich das auf aserbaidschanischem Gebiet liegende, aber mehrheitlich von Armeniern bewohnte Berg-Karabach mithilfe Jerewans in einem blutigen Bürgerkrieg von Baku loslösen. Dem durch Öl- und Gaseinnahmen militärisch hochgerüsteten Aserbaidschan gelang zunächst 2020 eine Rückeroberung großer Teile Berg-Karabachs. Ein von Russland vermittelter Waffenstillstand erwies sich als brüchig.

Außenminister Alexander Schallenberg (ÖVP) kritisierte die aserbaidschanische Militäroffensive und forderte von Baku „Sicherheitszusagen“ für die Karabach-Armenier. Mit Blick auf andere Konflikte in der Region sieht der Minister „das Potenzial für einen massiven Flächenbrand im Südkaukasus“. (APA, dpa, Reuters)

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