Experten erklären

Berufswünsche von Kindern: "Wenn ich einmal groß bin ..."

Die Polizei ist der mit Abstand beliebteste Wunsch-Dienstgeber kleiner Buben.
© Rita Falk

Die ersten Berufswünsche von Kindern orientieren sich klar an stereotypen Rollenbildern. Warum das so ist und was das für die spätere Berufswahl bedeutet, erklären eine Psychologin und ein Bildungsberater.

Innsbruck - Im Kindergarten ist die Sache noch einfach. Polizist, Feuerwehrmann, Pilot und Astronaut steht bei den Berufswünschen der Buben an oberster Stelle. Tierärztin, Lehrerin oder Krankenschwester, antworten vor allem Mädchen. "Im jungen Alter orientieren sich Kinder in Sachen Berufswahl ganz stark an ihren Vorbildern", erklärt Susanne Windisch, Elementarpädagogin und Psychologin aus Schwaz. "Diese Idole stammen sowohl aus der Familie und dem näheren Umfeld als auch aus den Medien", führt sie weiter aus. Helden und Erlebniswelten von Buchreihen und Fernsehserien prägen schon sehr früh und sorgen für eine Spaltung zwischen Buben und Mädchen.

Dass sich die ersten Berufswünsche stark an festgefahrenen Rollenbildern orientieren, liege an der Sozialisierung durch die Sichtbarkeit von Berufen. "Im Kindergarten und in der Volksschule werden Kinder überwiegend von Frauen betreut", sagt Windisch, "im öffentlichen Raum trifft man hingegen so gut wie keine Feuerwehrfrauen oder Baggerfahrerinnen." Auch Chemielaboranten seien etwa außerhalb der Wahrnehmung durch Kinder tätig. So manche geschlechtsspezifischen Rollen werden durch die Sprache weiter verfestigt, wenn etwa von Kindergartentanten oder Krankenschwestern die Rede ist, erläutert die Pädagogin.

Außerdem werde jungen Kindern schon sehr früh vermittelt, dass sich Menschen in Uniform von anderen abheben und etwas zu sagen haben, sagt Windisch. Buben interessierten sich stark für Berufe, die in der Gesellschaft Anerkennung, Ruhm und Ehre erfahren. Mädchen würden hingegen viel positive Rückmeldung erfahren, wenn sie sich um andere kümmern oder helfen.

Mit dem Schuleintritt wird es dann komplexer. In dem Alter prägen sich Interessen und Talente mehr und mehr aus. "Sobald sich Kinder in der Schule mit dem Thema Lernen und ihren eigenen Fähigkeiten befassen, zerplatzen oft die ersten Berufsträume", berichtet die Pädagogin. Denn dann werde Kindern klar, dass der Astronaut in der Rakete nicht nur Knöpfe drückt, sondern auch Physik studieren sollte. Auch Aspekte wie künftige Arbeitszeiten und Verdienstperspektiven gewinnen mit zunehmendem Alter an Bedeutung.

Für Markus Abart, Teamleiter im Bildungsconsulting in der Wirtschaftskammer Tirol, ist das die ideale Phase, in welcher Kinder zum ersten Mal mit einer altersgerechten Berufsorientierung konfrontiert werden sollten. "Wichtig ist, dass sie verschiedenste Dinge ausprobieren können und ein breites Feld von Berufen kennen lernen", sagt Abart.

Wunsch und Wirklichkeit klaffen aber auch in finanzieller oder geographischer Hinsicht auseinander. "Nicht immer lassen es die Familienumstände zu, dass das Kind eine kostspielige Ausbildung in einer anderen Stadt absolvieren oder ein Internat besuchen kann", räumt Bildungsberater Abart ein.

Die Träume junger Menschen wolle man nicht zerschlagen, erläutert Abart. "Dennoch ist es unsere Aufgabe, Illusionen zurechtzurücken und realistische Möglichkeiten auszuloten." Denn Wunschberufe werden oft idealisiert. "Tierpfleger arbeiten körperlich schwer und können nicht den ganzen Tag Kaninchen streicheln", erklärt er. Kinder und Jugendliche, die gern am Computer spielen, wollen oft Spielentwickler werden. "Gerne zu zocken ist das Eine, komplexe Informatik zu verstehen und zu programmieren, erfordert aber noch viel mehr", führt er aus.

Konzentriert sich ein Kind schon sehr früh kompromisslos nur auf einen Wunschberuf, rät Psychologin Susanne Windisch, die Motive dahinter zu betrachten. "Wenn Weitblick und Flexibilität fehlen, werden sehr viele Wege von vornherein komplett ausgeschlossen", sagt sie. Deckt sich der Berufswunsch nicht mit den Fähigkeiten, bleibe auch viel Potenzial auf der Strecke. Unzufriedenheit, Orientierungslosigkeit oder gar ein Burnout seien die Folge. "Essenziell ist, dass Kinder in allen Bildungseinrichtungen Selbstvertrauen und Selbstbewusstsein entwickeln können, indem ihre Talente gefördert werden", so Windisch.

Die individuellen Interessen und Neigungen sollten ausschlaggebend für die Berufswahl sein, sagt Bildungsberater Markus Abart. Fakt sei aber, dass die Berufswahl stark von außen, sowohl von Eltern als auch durch das soziale Umfeld der Gleichaltrigen, beeinflusst werde.

Seiner Erfahrung nach brauchen Buben länger als Mädchen, um sich auf ihren beruflichen Weg festzulegen. In den vergangenen zwei Jahren ist aufgrund der Pandemie die Unsicherheit größer geworden, weil es kaum Möglichkeiten gegeben habe, in Berufe hineinzuschnuppern. "Und die Arbeitswelt verändert sich", stellt er klar. Die Verweildauer in Unternehmen werde kürzer und die Zahl derer, die am zweiten Bildungsweg noch einmal neue Wege einschlagen, steige. So mancher findet dann erst spät zum Traumberuf. Vielleicht doch Feuerwehrmann. Oder Tierärztin.

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