Kultur Österreich

Malerin, aber keine Powerfrau: Florentina Pakosta ist 90

Florentina Pakosta kann sich über ihren 90er freuen
© APA

Große Ausstellungen hatte Florentina Pakosta 2011 im Leopold Museum und 2018 in der Albertina. Da war sie 77 und 84. Kurz vor ihrem 90er hat sie für ihr "so singuläres wie selbstbewusstes künstlerisches Werk" den Österreichischen Kunstpreis zuerkannt bekommen. Die Erfahrung der späten Anerkennung teilt sie mit Powerfrauen wie Renate Bertlmann (80) oder Margot Pilz (86). "Ich bin keine Powerfrau", sagt sie. "Aber kämpfen habe ich schon müssen - das ganze Leben."

Pakosta feiert am heutigen 1. Oktober ihren 90. Geburtstag - ohne großes Brimborium. Doch mit einigen Aktivitäten zeigt sie Präsenz: Bei der Viennale soll ein Kurzfilm über sie zur Uraufführung kommen, in der Wiener artmark galerie zeigt eine neue Ausstellung demnächst "aktuellste Werke und Gegenstände ohne Funktion", und in der Bibliothek der Provinz soll bald ihr viertes Buch erscheinen. Und dann steht ja auch noch die offizielle Preisverleihung aus. "Ja, der Kunstpreis hätte früher kommen können", räumt die Künstlerin beim APA-Besuch kurz vor dem runden Geburtstag ein. "Ich habe mich dennoch sehr gefreut."

Noch immer steht Florentina Pakosta täglich in ihrem Atelier. "Was soll ich schon anderes tun?", fragt sie. Derzeit entsteht ein neues trikolores Bild. Nur die Großformate sind ihr beschwerlich geworden, Großformate wie jene riesigen, die Arroganz der Macht ausstrahlenden Männerporträts (u.a. von Helmut Zilk, Walter Koschatzky oder Alfred Hrdlicka) in ihrer charakteristischen Kreuzschraffurtechnik, die Pakosta einer breiten Öffentlichkeit bekannt machten. Eine einzige der großen Kreidezeichnungen, nämlich das Porträt des damaligen AK-Direktors Werner Muhm, hat sie noch in ihrem Haus in Kagran. Dieses verfügt über keinen klassischen Atelierraum mit großen Seitenfenstern oder Oberlichten - was genau bei diesen Bildern schwierig gewesen sei, erzählt sie. Ein externes Atelier zu suchen sei aber für sie nie infrage gekommen. "Dazu bin ich mit dem Haus viel zu sehr verbunden." Im Laufe dieses Nachmittags wird deutlich, warum. Etwa, weil sie hier lange ihre Mutter gepflegt hat. 2006 starb sie im Alter von 104 Jahren, doch durch den massiven Treppenlift ist sie noch immer sehr präsent. "Manchmal, wenn ich müde bin, benütze ich ihn", schmunzelt Florentina Pakosta.

Das Haus, das mit seinen klaren Formen an Bauhaus-Architektur erinnert, wurde von ihren Eltern gebaut. Seit 1934 wohnt sie ohne Unterbrechungen darin. 1945 hat sie hier als Kind erleben müssen, wie die Rote Armee über ihre Köpfe hinweg eine SS-Kaserne unter Beschuss nahm. "Hier war die Grube, in der wir alle gekauert sind", zeigt sie auf eine Stelle im Garten hinter dem Haus. Wenn Pakosta über die Befreiung Wiens spricht, sind ihre Erzählungen erschreckend lebendig. Und man bekommt eine Ahnung, warum ihre neue Ausstellung "90 Jahre Krieg" heißt.

Selbst auf Kriegspfad gezogen ist Florentina Pakosta nie. Ihr Motto war weniger Kampf als Beharrlichkeit. Nach der Matura unternahm die am 1. Oktober 1933 Geborene eine Studienreise in die Kunstmetropole Paris und entflammte für die Kunst. Gegen den Willen der Eltern studierte sie 1952-56 Malerei und Grafik an der Kunstakademie in Prag, 1956-60 an der Akademie der bildenden Künste in Wien Malerei bei Joseph Dobrowsky. In der Zeit entstanden sozialkritische Praterstudien, in denen sie sich mit der "Halbwelt" auseinandersetzte. 1963 folgte ein zweiter Parisaufenthalt, bei dem sie an der Ecole des Beaux Arts studieren konnte. 1971 wurde sie Mitglied der Wiener Secession, wo sie 1975 als erste Frau Vorstandsmitglied wurde und 1978 die erste "Secessionistinnen"-Schau organisierte.

In ihrer Auseinandersetzung mit den Charakterköpfen von Franz Xaver Messerschmidt entstand allmählich ihre künstlerische Handschrift. Immer wieder setzte sie sich mit der männlichen Dominanz in Politik, Kultur und Gesellschaft auseinander. Bei ihr ging Rotkäppchen dem Wolf an die Gurgel, waren Frauen mit bedrohlicher "Nadelklitoris" ausgestattet oder litt Leonardos "Vitruvianischer Mensch" an einem Hodenbruch. In einer Serie zeigte sie "Männliche Genitalien in nicht erigiertem Zustand". Dass Feministinnen ihr damals vorwarfen, sich dem Thema Mann zu widmen, ärgert die Künstlerin bis heute. "Das war ein Missverständnis. Wenn man etwas ändern will, muss man ja wissen, was!"

Florentina Pakosta wollte etwas ändern und zählt unzweifelhaft zu jenen Frauen in der heimischen Kunst, die nicht nur feministische Positionen in ihr Schaffen integriert, sondern auch beim langen Marsch durch die Institutionen eine Vorreiterrolle eingenommen haben. Gebracht habe dies nicht viel, resümiert sie heute bitter. "Wo früher Männer waren, sind heute Frauen. Aber geändert hat sich nichts. Das System ist das gleiche. Dabei wäre es wirklich an der Zeit, einiges zu ändern."

Geändert haben sich Pakostas Techniken und Motive. Ende der 80er-Jahre befand "eine der größten Zeichnerinnen und Zeichner, die wir kennen" (Elisabeth Leopold, 2011), die eindrucksvolle große Hände, seriell hergestellte Gegenstände oder kritische Zeitkommentare geschaffen hat, aber stets gegenständlich geblieben ist, dass es Zeit für Veränderung war. "Ich mag meine alten Zeichnungen sehr, aber ich wollte immer schon abstrakt werden", sagt sie heute. In einer Welt der Atombombe, der Weltraumfahrt, der Digitalität könne die Kunst nicht mehr so aussehen wie zuvor, versucht sie das zu erklären, was in ihrem Schaffen einen eindeutigen Bruch darstellt.

Entstanden ist seither eine Vielzahl von "Trikoloren Bildern", abstrakten Variationen dreifarbiger Balkensysteme in kräftigen, ja knalligen Farben. An ihnen hält sie fest, "solange ich davon überzeugt bin, dass ich mit meiner Art zu malen etwas aussagen kann in dieser Zeit". Dabei habe sie das Vertrauen an eine dauerhafte Zukunft der Malerei verloren, sagt sie. Zu mittelalterlich mutet ihr das Medium inmitten neuer Kunstformen an, zu inflationär ist die Flut der Bilder, denen wir ausgesetzt sind. Knapp 3.000 umfasst ihr eigenes Werkverzeichnis, das in der Albertina erarbeitet wurde, darunter 122 Bilder auf Leinwand.

Pakosta hat auch ein dichterisches Werk geschaffen, surreale Geschichten ("Was man nicht sagen darf", 2004, und "Drehtür", 2009), aber auch Kurzprosa, Tagebuchaufzeichnungen und Aphorismen ("Vorsicht Mensch", 2018). "Es gibt Situationen und Erlebnisse, die man nicht malen kann. Wenn man begabt ist, kann man sie in Worte fassen", sagt Pakosta, die einmal einen Roman schreiben wollte, doch die Zeit dazu nicht fand: "Ich bin irrsinnig langsam." Doch ein neuer Kurzgeschichtenband ist in Vorbereitung.

1975 erhielt Pakosta den Theodor Körner Preis, 1984 den Preis der Stadt Wien für Grafik. Der Österreichische Kunstpreis wird ihr in Bälde überreicht werden. Dazu kommen Retrospektiven an großen Museen in Österreich und Deutschland sowie eine wichtige Position in der Österreichischen Nachkriegskunst, die ihr niemand mehr streitig machen kann. Abschlussfrage zum 90er: War es im Großen und Ganzen ein geglücktes Leben? Ist sie zufrieden mit dem Erreichten? Die Antwort ist eindeutig, und sie verblüfft: "Wenn ich noch einmal zur Welt käme, würde ich nie mehr Malerei machen. Lieber wäre ich Psychiaterin - oder Filmemacherin."

(Das Gespräch führte Wolfgang Huber-Lang/APA)

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