Gewaltspirale im Nahen Osten

Politologe kritisiert Nahost-Politik des Westens: „Messen mit zweierlei Maß“

Palästinenser leben im von Israel kontrollierten Gazastreifen seit Jahrzehnten unter schwierigsten Bedingungen. Seit der Gewalteskalation – hervorgerufen durch die radikale Hamas – demonstrieren zahlreiche Palästinenser weltweit (hier in London) für die Freiheit ihrer Landsleute.
© DANIEL LEAL

Dass die Gewalt derart eskaliere, sei laut Abdullah Baabood auch darauf zurückzuführen, dass Israel in der Region tun könne, was es wolle. Er kritisiert auch, dass Österreich die Hilfsgelder für das verarmte Palästina nun stoppte.

Wien – Angesichts der aktuellen Gewalteskalation im Nahen Osten nach dem Großangriff der Hamas kritisiert der Politikwissenschafter Abdullah Baabood die Rolle des Westens im israelisch-palästinensischen Konflikt. Dieser würde allzu oft "mit zweierlei Maß" messen.

Für mich ist es falsch, Hilfen jetzt zu stoppen, für Menschen die es brauchen. Mehr Hilfe würde benötigt werden und auch mehr Druck auf Israel.
Abdullah Baabood, Politikwissenschafter Carnegie Middle East Center

Baabood vom Carnegie Middle East Center hat seine Doktorarbeit über die Zusammenarbeit der EU mit den sechs Staaten des Golfkooperationsrates (Saudi-Arabien, Vereinigte Arabische Emirate, Bahrain, Oman, Katar und Kuwait) geschrieben. Doch von den Ergebnissen des 1989 gestarteten Kooperationsabkommens ist er enttäuscht. Es gebe nämlich keine. Beim heutigen 27. Treffen der Golf- und EU-Vertreter nimmt auch Außenminister Alexander Schallenberg (ÖVP) teil.

Auch Israel in die Pflicht nehmen

Das "Messen mit zweierlei Maß" sähen die meisten Menschen in der arabischen Welt bezogen auf das Vorgehen des Westens im Konflikt zwischen Israel und Palästinensern. Dass Staaten wie Österreich im Zuge des Angriffs der Terrororganisation Hamas auf Israel Hilfsgelder für palästinensische Institutionen vorerst gestoppt haben, stößt bei Baabood auf Kritik. "Für mich ist es falsch, Hilfen jetzt zu stoppen, für Menschen die es brauchen. Mehr Hilfe würde benötigt werden und auch mehr Druck auf Israel."

undefined

Auch Deutschland kappt Hilfen

Österreich stoppt Entwicklungs-Gelder für Palästina: 19. Mio Euro auf Eis

Es gehe um die Frage was man am Ende wolle, das Erfüllen von Friedensplänen oder UNO-Resolutionen für "eine Zwei-Staaten-Lösung oder Apartheid und Unterdrückung". Gegen Letzteres könnten sich Palästinenser und speziell Menschen im Gazastreifen nur wehren – und so lange es keine Lösung gebe, werde das der Fall sein.

Während die EU und der Westen von arabischen und Golfstaaten Demokratie einforderten, könne Israel tun, was es wolle. Und das spürten auch die Bürger in diesen Staaten. Es sei kein Wunder, wenn sich die Region Richtung Russland und China wende. Diese stünden einerseits als Wirtschaftspartner bereit und würden nicht tendenziell von oben herab vorgehen. Die Bürger im arabischen Raum hätten das Gefühl, dass der Westen ihren Ländern nicht auf Augenhöhe begegneten.

"Das führt zu einer Radikalisierung"

"Das führt zu einer Radikalisierung", warnte der Omani Baabood, der in Katar auch einen staatlichen Lehrstuhl für islamische Regionalstudien innehat und Gastprofessor an der Waseda-Universität in Tokio ist. "Es ist für hiesige Regierungen schwierig, mit der öffentlichen Meinung umzugehen."

Auch die sogenannten und von Schallenberg gelobten Abraham-Abkommen Israels mit arabischen und Golfstaaten hätten keinen realen Nutzen, so der Politologe. Diese habe Israel ja nur mit Ländern geschlossen (Marokko, Bahrain, Sudan, Vereinigte Arabische Emirate), mit denen es nicht im Krieg stehe. Das Problem liege aber in Palästina. Dass die Lage dort nun wieder vollends zu eskalieren scheint, "zeigt dass es egal ist, was man tut: Solange das Hauptproblem nicht gelöst ist, nützt alles nichts."

Dass die Menschen einen "Doppelstandard" des Westens empfänden, bringe auch der russische Krieg in der Ukraine ans Licht, so Baabood. "Dort soll die Situation gelöst werden und in Palästina nicht", entstehe oft als Eindruck. "Das verstehen die Menschen nicht." (TT.com, APA)

🔗 Mehr zum Thema:

undefined

🔴 Live-Updates

Gewaltspirale in Nahost: Die aktuellen Entwicklungen im Gazastreifen und Israel

undefined

🔴 Eskalation in Nahost

Erneut Raketenalarm in Tel Aviv – Angriffe auch aus dem Libanon und Syrien

undefined

Eskalation in Nahost

150 Österreicher warten auf Evakuierung: Heer beginnt mit Rückholaktion aus Israel