471 Tote, 324 verletzt

Israel laut Analysen der USA nicht für Raketenangriff auf Krankenhaus in Gaza verantwortlich

Durch den Raketeneinschlag in dem Krankenhaus im Gazastreifen sollen am Dienstag Hunderte Menschen getötet und verletzt worden sein.
© AFP/Hams

Nach dem Raketeneinschlag in einem Krankenhaus im Gazastreifen mit Hunderten Toten weisen sich Israel und Hamas gegenseitig die Schuld zu. Analysen der USA legen nun nahe, dass Israel nicht für die Explosion verantwortlich ist.

Gaza, Washington – Nach Darstellung der USA ist Israel den bisher vorliegenden Informationen zufolge nicht für die Explosion in dem Krankenhaus im Gazastreifen verantwortlich. Grundlage der Einschätzung sei die Auswertung von Luftaufnahmen, abgefangenen Informationen und öffentlich zugänglichen Quellen, erklärt die Sprecherin des Nationalen Sicherheitsrates (NSC), Adrienne Watson, auf dem Kurznachrichtendienst X (Twitter). Die Auswertungen würden fortgesetzt.

In das Al-Ahli-Arab-Krankenhaus im Gazastreifen war am Dienstagabend eine Rakete eingeschlagen. Dabei wurden nach Angaben des von der islamistischen Hamas kontrollierten Gesundheitsministeriums 471 Palästinenser getötet. 324 weitere Menschen wurden verletzt, 28 Menschen sind demnach in kritischem Zustand.

Es handelt sich dabei um erste offizielle Zahlen der Behörde. Unabhängig waren die Angaben zunächst nicht zu überprüfen.

Es ist eine Frage von Stunden oder Tagen, bis das ganze System zusammenbricht.
IKRK-Präsidentin Mirjana Spoljaric Egger

Das Internationale Komitee vom Roten Kreuz (IKRK) warnte in der Folge vor einem Kollaps des Gesundheitssystems im Gazastreifen. "Die Lage ist äußerst prekär", sagte Präsidentin Mirjana Spoljaric Egger am Mittwoch im Deutschlandfunk. Die Krankenhäuser seien überfüllt. Es fehle an Ärzten, Material, Betten und Operationssälen. "Es ist eine Frage von Stunden oder Tagen, bis das ganze System zusammenbricht."

Spendenmöglichkeit

Österreichisches Rotes Kreuz

IBAN: AT57 2011 1400 1440 0144, Kennwort: Naher Osten

oder unter www.roteskreuz.at

Gegenseitige Schuldzuweisungen

Israel weist die Verantwortung zurück und macht eine fehlgeleitete Rakete der militanten Palästinenser-Organisation Islamischer Jihad für die tödliche Explosion verantwortlich.

Zerstörte Autos auf dem Parkplatz vor dem Krankenhaus.
© MAHMUD HAMS

Israelischen Angaben zufolge hat eine fehlgeleitete Rakete der militanten Palästinenser-Organisation Islamischer Jihad die tödliche Explosion verursacht und kein israelischer Angriff.

Es gebe keine typischen Zerstörungen an den umliegenden Gebäuden oder einen Krater wie bei einem israelischen Luftangriff, erklärte Armeesprecher Daniel Hagari. In einem von Israel abgefangenen Telefongespräch zwischen zwei Mitgliedern der im Gazastreifen herrschenden islamistischen Hamas sei außerdem von der Fehlfunktion einer palästinensischen Rakete die Rede gewesen. Es gebe zwei unabhängige Videos, die als Beweis für eine fehlgeleitete Rakete dienten.

📽️ Video | „Ich weiß nicht, wie wir da rausgekommen sind“

Die Hamas habe sofort gewusst, dass es sich um eine fehlgeleitete Rakete des Islamischen Jihad gehandelt habe, und dennoch versucht, Israel für den tödlichen Vorfall verantwortlich zu machen, sagte Hagari. Der Islamische Jihad wies jegliche Verantwortung zurück.

Weltweites Entsetzen

Weltweit wurde die Attacke auf das Krankenhaus verurteilt, darunter vom Iran, Ägypten, Jordanien, Katar und der Türkei. In mehreren muslimischen Ländern kam es zu Protesten gegen Israel. Der Iran brachte Sanktionen gegen Israel im Rahmen der Organisation für Islamische Zusammenarbeit (OIC) ins Spiel.

US-Präsident Joe Biden reagierte mit Bestürzung. Er sei "empört und zutiefst betrübt" über die Explosion in dem Krankenhaus und den schrecklichen Verlust von Menschenleben, der dadurch verursacht worden sei, hieß es in einer schriftlichen Stellungnahme Bidens, die Dienstagabend vom Weißen Haus veröffentlicht wurde. Bei einem Besuch in Israel am Mittwoch schenkte der US-Präsident der israelischen Darstellung Glauben, indem er sagte: Nach dem, was er gesehen habe, sei die Explosion "vom anderen Team" verursacht worden.

📽️ Video | Biden: Rückendeckung für Netanjahu

Ursprünglich hatte der US-Präsident im Anschluss nach Jordanien weiterreisen wollen, um dort noch am Mittwoch auch mit dem palästinensischen Präsidenten Mahmoud Abbas, Ägyptens Staatschef Abdel Fattah al-Sisi und dem jordanischen König Abdullah II. zusammenzukommen. Nach dem Vorfall um die Al-Ahli-Arab-Klinik wurde das Treffen in Jordanien jedoch kurzfristig abgesagt.

"Ich bin entsetzt über die Tötung Hunderter palästinensischer Zivilisten heute bei einem Angriff auf ein Krankenhaus in Gaza, den ich aufs Schärfste verurteile", schrieb UNO-Generalsekretär António Guterres auf Twitter (X). "Mein Herz ist bei den Familien der Opfer. Krankenhäuser und medizinisches Personal unterliegen dem Schutz des humanitären Völkerrechts."

U Das russische Außenministerium sprach von einem schockierenden unmenschlichen Verbrechen. Der russische Präsident Wladimir Putin rief zu umgehenden Verhandlungen auf. Mit Schuldzuweisungen legte sich Moskau nicht fest. Ähnlich äußerte sich China.

Tanner: „Keine abschließende Beurteilung“ zu Angriff

Auch die österreichische Regierung legte sich nicht auf eine Urheberschaft fest. "Nach Einschätzung des Heeresnachrichtenamts ist keine abschließende Beurteilung zum jetzigen Zeitpunkt möglich", sagte Verteidigungsministerin Klaudia Tanner (ÖVP) am Mittwoch.

Eine verzweifelte Palästinsenserin nach dem Raketeneinschlag im Al-Ahli-Krankenhaus.
© MAHMUD HAMS

Großbritannien zeigte sich bereit, sich an einer Untersuchung zu der Explosion zu beteiligen. Außenminister James Cleverly warnte vor voreiligen Schlüssen und Reaktionen. Der deutsche Bundeskanzler Olaf Scholz schrieb auf X: "Ich bin entsetzt über die Bilder, die uns von der Explosion in einem Krankenhaus in Gaza erreichen." Er forderte eine genaue Aufklärung. EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen sprach im EU-Parlament in Straßburg von einer "sinnlosen Tragödie". Die Verantwortlichen müssten zur Rechenschaft gezogen werden.

Bei der Al-Ahli-Arab-Klinik handelt es sich um ein anglikanisches und damit um das einzige christliche Krankenhaus im Gazastreifen. Die Klinik war bereits am Samstag bei einem Luftangriff beschädigt worden, darunter der Ultraschall- und der Mammografieraum. Vier Menschen wurden verletzt. (APA/dpa/Reuters)

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