Lage in Nahost spitzt sich zu

„Größter Terroristen-Stützpunkt der Welt“: Israelische Armee „im Zentrum der Stadt Gaza“

Im Gazastreifen mit etwa 2,2 Millionen Menschen droht ein intensiver Häuserkampf.
© APA/AFP/SAID KHATIB

Tel Aviv – Israelische Soldaten sind laut Israels Verteidigungsminister Yoav Gallant ins Zentrum von Gaza eingerückt. "Wir sind im Herzen der Stadt Gaza", sagte Gallant am Dienstag einen Monat nach Beginn des Krieges zwischen Israel und der radikalislamischen Palästinenserorganisation Hamas im Gazastreifen. Die Stadt sei "der größte je errichtete Terroristen-Stützpunkt der Welt". Der Chef der Hamas im Gazastreifen, Jahja Sinwar, sei in seinem Bunker isoliert, erklärt er weiter.

Nach dem Krieg werde weder Israel noch die Hamas im Gazastreifen regieren. In einer im Fernsehen übertragenen Pressekonferenz sagte Gallant, weder Israel noch die Hamas würden die palästinensische Enklave regieren, sobald der laufende Krieg beendet sei.

Zuvor hatte der israelische Regierungschef Benjamin Netanyahu in einem Interview dem US-Sender ABC gesagt, dass Israel nach Ende des Krieges mit der islamistischen Hamas die Verantwortung für die Sicherheit im Gazastreifen übernehmen werde. "Wir haben gesehen, was passiert, wenn wir sie nicht haben", sagte Netanyahu. "Denn wenn wir die Kontrolle über die Sicherheit nicht haben, wird der Terror der Hamas in einem Ausmaß ausbrechen, das wir uns nicht vorstellen können."

Zivilisten bekamen vier Stunden Zeit zur Flucht

In Gaza-Stadt spitzte sich die Lage am Dienstag zu. Das israelische Militär gab den dort noch verbliebenen Zivilisten vier Stunden Zeit zur Flucht. Die israelischen Streitkräfte rückten einen Monat nach dem von Hamas-Terroristen verübten Massaker am 7. Oktober tief in den Küstenstreifen am Mittelmeer vor. Die Streitkräfte teilten nach den Angaben den Gazastreifen in zwei Hälften und kreisten die Stadt vollständig ein. Im Gazastreifen mit etwa 2,2 Millionen Menschen droht ein intensiver Häuserkampf.

📽️ Video | Keine Feuerpause in Gaza

Die Zahl der im Gazastreifen getöteten Palästinenser ist seit Kriegsbeginn vor einem Monat nach Angaben des Hamas-kontrollierten Gesundheitsministeriums auf 10.328 gestiegen. Mehr als 25.000 Menschen seien verletzt worden, teilte die Behörde am Dienstag mit. Unter den Toten seien 4237 Minderjährige. Die Zahlen lassen sich derzeit nicht unabhängig überprüfen.

Den Angaben zufolge handelt es sich um die mit Abstand größte Zahl von Toten unter Palästinensern während eines Krieges in der Geschichte des israelisch-palästinensischen Konflikts. Auslöser des Krieges war das schlimmste Massaker in der Geschichte Israels, das Terroristen der islamistischen Hamas sowie anderer extremistischer Palästinenserorganisationen am 7. Oktober im Grenzgebiet verübt haben. Auf israelischer Seite sind dabei und in den Tagen darauf mehr als 1400 Menschen getötet worden, darunter auch viele Frauen, Kinder und Jugendliche.

70 Prozent der Bevölkerung vertrieben

Seit Beginn des Kriegs sind im Gazastreifen nach UN-Angaben 70 Prozent der Bevölkerung vertrieben worden. Notunterkünfte seien teils mit dem Vierfachen ihrer Kapazität überbelegt. Die Zustände seien unmenschlich und verschlechterten sich jeden Tag weiter. In einer Unterkunft stünden pro Person weniger als zwei Quadratmeter zur Verfügung. Mindestens 600 Menschen würden sich dort eine Toilette teilen.

Der UN-Hochkommissar für Menschenrechte, Volker Türk, will in die Krisenregion im Nahen Osten reisen. Er werde sich unter anderem in Ägypten und Jordanien über die Menschenrechtssituation in der Region austauschen, teilte sein Büro mit. So werde sich der österreichische UN-Diplomat in Kairo mit dem Außenminister Ägyptens sowie Vertretern regionaler Organisationen und dem Generalsekretär der Liga der Arabischen Staaten treffen. Am Mittwoch will Türk den Grenzübergang Rafah zwischen dem Gazastreifen und Ägypten besuchen.

Die UN-Menschenrechtsexpertin Francesca Albanese warnte vor einer weiteren Zuspitzung des Konflikts. Der Versuch Israels, die Hamas zu beseitigen, werde wahrscheinlich nur zu einer weiteren Radikalisierung führen und sei zudem rechtswidrig, sagte sie dem britischen "Guardian" (Dienstagsausgabe). Die italienische Juristin ist Berichterstatterin des UN-Menschenrechtsrats über die Lage der Menschenrechte in den besetzten Palästinensergebieten. Die israelische Regierung wirft ihr vor, zugunsten der Palästinenser voreingenommen zu sein.

Der frühere israelische Ministerpräsident Ehud Barak sieht für sein Land im Krieg gegen die islamistische Hamas nur noch wenige Wochen Zeit. Solidarität und Sympathie, die Israel nach den Terrorangriffen der Hamas vom 7. Oktober mit mehr als 1400 Toten und mehr als 200 Geiseln bekundet worden seien, schwänden, zeigte sich Barak in einem Interview des Nachrichtenportals Politico besorgt. Der 81-Jährige war von 1999 bis 2001 Premierminister.

Gefechte reißen nicht ab

Die Gefechte an der Demarkationslinie zwischen Israel und dem Libanon reißen indes nicht ab. Das israelische Militär griff eigenen Angaben zufolge mutmaßliche Terroristen im Libanon an. Aus UN-Kreisen im Libanon hieß es, dass das israelische Militär Außenbezirke des libanesischen Nakura beschossen habe. Dort befindet sich auch das Hauptquartier der UN-Beobachtermission Unifil im Libanon.

Seit Beginn des Gaza-Kriegs hat sich die Lage in dem Grenzgebiet zugespitzt. Bei Gefechten zwischen der israelischen Armee und der proiranischen Hisbollah gab es auf beiden Seiten Tote, darunter auch Zivilisten. Die Hisbollah hat Verbindungen zur im Gazastreifen herrschenden islamistischen Hamas. (APA/dpa/Reuters)

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