Hamas-Kämpfer getötet

Reporter: Israels Armee zog sich aus Al-Shifa-Klinik zurück

Die israelischen Streitkräfte sind in einen Teil des Schifa-Krankenhauses im Gazastreifen eingedrungen.
© AFP

Israelische Bodentruppen sollen das Gelände des Shifa-Krankenhauses am Mittwochabend verlassen und um die Anlage herum Stellung bezogen haben.

Gaza – Die israelische Armee hat sich nach Angaben eines an Ort und Stelle anwesenden Journalisten aus dem Al-Shifa-Krankenhaus in der Stadt Gaza zurückgezogen, das sie in der Nacht auf Mittwoch gestürmt hatte. Soldaten und Panzer hätten das Gelände des Spitals am Mittwochabend verlassen und um die Anlage herum Stellung bezogen, berichtete der Journalist laut Nachrichtenagentur AFP. Israels Armee äußerte sich auf Anfrage zunächst nicht.

Nach Angaben des Journalisten verhörte die Armee dutzende Zivilisten in dem Krankenhaus. Diese seien inzwischen wieder freigelassen worden. Israel hatte die Erstürmung damit begründet, dass die Hamas eine Kommandozentrum auf dem Klinikgelände eingerichtet habe. Die Armee sprach von einem "präzisen und gezielten Militäreinsatz" in dem größten Krankenhaus des Palästinensergebiets. Die Hamas weist die israelischen Vorwürfe zurück. Die USA hingegen teilen die Einschätzung Israels.

Das israelische Eindringen hatte international Sorge um die Menschen in dem Spital ausgelöst. Nach UN-Angaben befinden sich mindestens 2.300 Patienten, Mitarbeiter und vertriebene Zivilisten in der Einrichtung, die nach tagelangen heftigen Kämpfen und Luftangriffen komplett abgeriegelt ist. Laut Augenzeugen herrschen in dem Krankenhaus fürchterliche Zustände.

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Zuvor hatte das israelische Militär vermeldet, es seien zu Beginn der Erstürmung des Al-Shifa-Spitals mehrere Kämpfer der radikal-islamischen Palästinensergruppe Hamas getötet worden. "Bevor unsere Soldaten in das Krankenhaus vorgedrungen sind, waren sie mit Sprengstoffsätzen und Gruppen von Terroristen konfrontiert. Es folgten Kämpfe, bei denen Terroristen getötet wurden", teilte das Militär mit. Im israelischen Armeeradio war von fünf Toten die Rede.

Im Krankenhaus selbst habe es keine Kämpfe gegeben, sagt ein Militär-Sprecher. Zu Auseinandersetzungen mit dem medizinischen Personal oder Zivilisten sei es nicht gekommen. Zudem seien in dem Klinik-Gebäude Waffen gefunden worden. Die Armee habe zuerst die Chirurgie und die Notaufnahme gestürmt, sagte Mohammed Zakout, Leiter der Krankenhäuser im Gazastreifen, dem arabischen Fernsehsender Al-Jazeera. Zuvor hatte die Behörde berichtet, dass der westliche Teil des Spitals betroffen sei und es Explosionen gegeben habe. Unabhängig überprüfen ließen sich die Angaben nicht.

Israel: Hilfsgüter in Klinik gebracht

Israelische Bodentruppen brachten bei ihrem nächtlichen Einsatz am Mittwoch nach eigenen Angaben auch Brutkästen, Babynahrung und medizinische Hilfsgüter in die Klinik. Wie die Armee weiter mitteilte, lief der "präzise und gezielte" Militäreinsatz auch in der Früh weiter. Israel ist überzeugt, dass sich unter dem Gelände eine Kommandozentrale der Hamas befindet. Die Palästinenserorganisation bestreitet das.

Im Al-Shifa-Krankenhaus waren nach Angaben des von der Hamas kontrollierten Gesundheitsministeriums zuletzt sieben Neugeborene nach dem Abschalten von Sauerstoffgeräten wegen Spritmangels für Stromgeneratoren gestorben. Die Angaben ließen sich nicht unabhängig überprüfen. Das UNO-Nothilfebüro OCHA teilte mit, unter anderem 36 Frühchen, die auf Brutkästen und damit auf Strom angewiesen sind, seien in akuter Lebensgefahr.

Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) teilte am Mittwoch mit, den Kontakt zu den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern des Spitals verloren zu haben. "Wir haben erneut den Kontakt zum medizinischen Personal des Krankenhauses verloren und sind sehr besorgt um ihre Sicherheit und die ihrer Patienten", teilt Generaldirektors Tedros Adhanom Ghebreyesus via Twitter (X) mit. "Israels militärisches Eindringen in das Shifa-Krankenhaus in der Stadt Gaza ist völlig inakzeptabel", sagte er am Mittwoch zu Beginn einer Pressekonferenz in Genf.

USA distanzierten sich

Das Weiße Haus distanzierte sich von der Militäraktion. "Wir unterstützen keine Luftangriffe auf ein Spital und wollen auch keine Feuergefechte in einem Spital sehen", sagte ein Vertreter des Nationalen Sicherheitsrats der USA am Dienstagabend (Ortszeit). Spitäler und Patienten "müssen geschützt werden". Die Hamas hatte zuvor US-Präsident Joe Biden für die Militäraktion mitverantwortlich gemacht. Mit der Aussage, dass das Krankenhaus von der Hamas für militärische Zwecke genutzt werde, habe Washington am Dienstag "grünes Licht" für die israelische Razzia gegeben.

UNO-Nothilfekoordinator Martin Griffiths sagte via Twitter (X), er sei bestürzt über die Berichte. "Der Schutz von Neugeborenen, Patienten, medizinischem Personal und allen Zivilisten muss vor allen anderen Anliegen stehen. Krankenhäuser sind keine Schlachtfelder." Griffiths legte einen Zehn-Punkte-Plan vor. Kernpunkt des Plans ist eine humanitäre Feuerpause. Es seien kontinuierliche Hilfslieferungen nötig. Griffiths appellierte an Israel, weitere Grenzübergänge dafür zu öffnen. Humanitäre Helfer im Gazastreifen müssten Zugang zu Treibstoff bekommen. Es müssten mehr Auffanglager für Vertriebene gebaut werden und sie müssten vor allen Angriffen geschützt werden. Er rief "alle Seiten und diejenigen, die Einfluss auf sie haben" dazu auf, alles in ihrer Macht stehende zu tun, um den Plan umzusetzen. Für die humanitäre Hilfe seien 1,2 Milliarden Dollar (1,1 Mrd Euro) nötig.

Frankreich zeigte sich angesichts der Erstürmung des Krankenhauses "sehr besorgt". Für Israel bestehe die "absolute Notwendigkeit, internationales humanitäres Recht zu achten", betonte das Außenministerium am Mittwoch in Paris. Dazu gehörten der Schutz von Krankenhäusern und "jederzeit und überall die klaren Grundsätze der Unterscheidung, der Notwendigkeit, der Verhältnismäßigkeit und der Vorsicht". Die palästinensische Bevölkerung dürfe "nicht den Preis für die Verbrechen der Hamas zahlen", betonte das Ministerium.

Jordanien warf unterdessen dem UNO-Sicherheitsrat eine Mitverantwortung vor: "Die Katastrophe im Al-Shifa-Krankenhaus zeigt die Barbarei, die der UNO-Sicherheitsrat durch sein Schweigen zulässt", twitterte Außenminister Ayman Safadi am Mittwoch. "Wir verurteilen das Schweigen zu dieser Brutalität. Es bietet Deckung für Kriegsverbrechen", schrieb Safadi weiter. "Das ist inakzeptabel und nicht zu rechtfertigen. Der Rat muss handeln."

Israel hatte bei der Bekanntgabe der Militäraktion erklärt, Zivilistinnen und Zivilisten im Krankenhaus schützen zu wollen. Den vorrückenden Kräften gehörten auch Mediziner und Arabischsprechende an. Sie seien besonders geschult, damit den als menschliche Schutzschilde missbrauchten Zivilisten kein Schaden entstehe. Man habe die Hamas mehrmals öffentlich gewarnt, dass die fortgesetzte Nutzung des Spitals dessen geschützten völkerrechtlichen Status untergrabe. Am Dienstag habe man den zuständigen Behörden in Gaza neuerlich kommuniziert, dass innerhalb von zwölf Stunden alle militärischen Aktivitäten innerhalb des Spitals enden müssten. "Leider ist das nicht passiert."

Israel: Nicht im Krieg mit Zivilisten

Neuerlich betonte die israelische Armee, dass es bei der Bodenoffensive um die Niederringung der Terrororganisation Hamas und die Befreiung der von dieser verschleppten israelischen Geiseln gehe. "Israel ist im Krieg mit der Hamas, nicht mit den Zivilisten in Gaza", hieß es. Darin betonte die Armee auch, dass man umfangreiche Evakuierungen aus dem Krankenhaus ermöglicht habe und in andauerndem Dialog mit den Spitalsbehörden gewesen sei.

Der Sprecher der israelischen Armee, Oberstleutnant Peter Lerner, sagte dem Sender CNN, das Krankenhaus und der Komplex seien für die Hamas "ein zentraler Knotenpunkt ihrer Operationen, vielleicht sogar das schlagende Herz und vielleicht sogar ihre Schaltzentrale".

Die israelische Armee wirft der Hamas schon länger vor, ihr militärisches Hauptquartier in Tunneln unter dem Krankenhaus errichtet zu haben. Israels Armeesprecher Daniel Hagari veröffentlichte als Beweise entsprechende Videos und Fotos. Die Terrororganisation wies die Vorwürfe zurück und bezeichnete die Aufnahmen als gefälscht. Auch die US-Angaben bezeichnete sie als "Lügen". (APA/Reuters/dpa/AFP)

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