Nach Feuerpause-Deal

24 Hamas-Geiseln und 39 palästinensische Häftlinge frei

In Tel-Aviv bereitet man sich auf die Ankunft der Geiseln vor.
© FADEL SENNA / AFP

Mit der Freilassung einiger aus Israel in den Gazastreifen verschleppter Geiseln gab es für Angehörige Grund zum Aufatmen. Für viele andere geht die Ungewissheit weiter. Israels Regierungschef Netanyahu gibt „Rückkehr aller Geiseln" als Ziel aus.

Gaza – Es ist bereits dunkel, als mehrere Geländewagen des Roten Kreuzes den Grenzübergang Rafah passieren: Knapp sieben Wochen nach den Terrorangriffen der Hamas auf Israel und dem Beginn des Gaza-Kriegs sind am Freitag die ersten Geiseln infolge eines Abkommens freigekommen.

Eine Gruppe von 24 aus Israel verschleppten Menschen konnte den Gazastreifen verlassen, wie ein Sprecher des Internationalen Komitees vom Roten Kreuz (IKRK) in Genf mitteilte. Nach Angaben des Vermittlers Katar waren unter den Freigelassenen 13 Israelis, zehn Thailänder und ein philippinischer Staatsbürger.

📽️ Video | Erste Geiseln aus Gazastreifen freigelassen

Im Gegenzug seien 39 palästinensische „Frauen und Kinder" aus israelischen Gefängnissen freigelassen worden. Auch israelische Sicherheitskreise sprachen von 13 israelischen Geiseln, die an israelische Sicherheitskräfte übergeben worden seien. Zu diesen gehören nach offiziellen Angaben vier Kinder und sechs ältere Frauen. Das geht aus einer Liste hervor, die das Büro des israelischen Regierungschefs Benjamin Netanyahu am Freitag veröffentlichte. Demnach handelte es sich bei den Kindern um drei Mädchen und einen Buben im Alter zwischen zwei und neun Jahren. Auch sechs Frauen über 70 Jahren konnten demnach heimkehren.

Liste führt Geiseln namentlich auf

Die Liste führt die freigelassenen Geiseln namentlich auf. Zu ihnen zählten demnach eine 34-jährige Mutter und ihre zwei Töchter im Alter von zwei und vier Jahren, eine 85-Jährige sowie Mitglieder von drei Generationen einer Familie: eine Großmutter sowie deren Tochter und Enkelsohn. Männer waren nicht unter den freigelassenen Geiseln. Anders als Katar sprach der thailändische Regierungschef Srettha Thavisin von zwölf freigelassenen thailändischen Geiseln.

Die Geiseln wurden vom Internationalen Komitee vom Roten Kreuz (IKRK) zum Grenzübergang Rafah zwischen dem südlichen Gazastreifen und Ägypten gebracht worden. Von dort aus sollten sie zurück nach Israel gebracht werden. Israel und die Hamas hatten die Vereinbarung nach langwierigen Verhandlungen getroffen.

Am Abend gab Netanyahu die Rückkehr aller von der Hamas verschleppten Menschen als Ziel aus. „Wir sind entschlossen, alle unsere Geiseln zurückzubringen", so Netanyahu. „Das ist eines der Ziele des Krieges und wir sind entschlossen, alle Ziele des Krieges zu erreichen."

Das Außenministerium in Wien begrüßte Freitagabend auf X die Freilassung von „13 unschuldigen Frauen und Kindern". „Nach wochenlangem Leiden werden sie endlich wieder mit ihren Familien vereint sein." Nun sei die vollständige Umsetzung des Abkommens entscheidend. „Diesem wichtigen ersten Schritt muss die Freilassung aller Geiseln folgen", hieß in dem Post.

US-Präsident Joe Biden rief dazu auf, nach Auswegen aus dem Konflikt zu suchen. Die „Chancen sind real", dass die zunächst auf vier Tage angesetzte Feuerpause verlängert werden könne, sagte Biden am Freitag in Nantucket im US-Staat Massachusetts. Zudem sprach er sich dafür aus, die Bemühungen um eine Zwei-Staaten-Lösung im Nahost-Konflikt zu „erneuern". Die Freilassung der ersten Geiseln nannte Biden einen „Anfang". Auch der französische Staatschef Emmanuel Macron begrüßte die Freilassungen. Von den Geiseln, die auch die französische Staatsbürgerschaft haben, waren allerdings keine darunter. Deren Angehörige könnten „auf unsere Entschlossenheit zählen", versicherte Macron auf X.

Die von Israel und der Hamas ausgehandelte Waffenruhe soll mindestens vier Tage dauern. Gemäß der Vereinbarung sollen in dieser Zeit insgesamt 50 Geiseln freikommen. Eine Verlängerung der Feuerpause auf bis zu zehn Tage ist möglich, wie das in dem Konflikt vermittelnde Golfemirat Katar mitgeteilt hatte. Insgesamt sieht die zwischen beiden Konfliktparteien getroffene Vereinbarung einen Austausch von bis zu 100 Geiseln aus Israel gegen bis zu 300 palästinensische Häftlinge vor. Bei der Freilassung thailändischer Geiseln hatte der Iran zwischen der Hamas und Thailand vermittelt.

Auslöser des jüngsten Gaza-Kriegs war das schlimmste Massaker in der Geschichte Israels, das Terroristen aus dem Gazastreifen am 7. Oktober in Israel nahe der Grenze begangen hatten. Dabei wurden mehr als 1200 Menschen getötet. Etwa 240 Geiseln wurden nach Gaza verschleppt, auch mehrere Deutsche.

Israel reagierte mit massiven Luftangriffe, einer Blockade des Gazastreifens und begann Ende Oktober eine Bodenoffensive. Dabei wurden nach Angaben der islamistischen Hamas fast 15.000 Menschen getötet. Mehr als 36 000 wurden demnach verletzt. Die Zahlen lassen sich derzeit nicht unabhängig überprüfen.

Besonders Kinder könnten nach Geiselhaft schwer traumatisiert sein

Die von der Hamas freigelassenen israelischen Geiseln - bei denen es sich um Frauen und Kinder handeln soll – sollten nach Armeeangaben zunächst in geschützten Räumen in Israel untergebracht werden. Nach einer ersten medizinischen Untersuchung und Behandlung sollten sie in Krankenhäuser gebracht werden, wo sie auch ihre Familien treffen können. Die Freigelassenen sollten mit Hubschraubern in verschiedene Kliniken gebracht werden.

Das israelische Militär rief die Öffentlichkeit und die Medien zu Geduld und Sensibilität auf. „Wir bitten alle darum, die Privatsphäre der freigelassenen Geiseln und ihrer Familien zu respektieren." Psychologen gehen davon aus, dass besonders die Kinder nach sieben Wochen Geiselhaft schwer traumatisiert sein könnten. Sie haben auch am 7. Oktober schlimmste Gewalt miterlebt.

Palästinensische Häftlinge sollen nahe ihrer Wohnorte freikommen

Bei den palästinensischen Häftlingen, die am Freitag entlassen werden sollten, geht es Angaben der palästinensischen Häftlingskommission um 24 Frauen und 15 Jugendliche. Der Älteste sei 19 Jahre alt. Die Häftlinge sollten nahe ihrer Wohnorte im Westjordanland oder Ost-Jerusalem freikommen.

Hunderte Palästinenser wollen nach Waffenruhe in den Norden Gazas

Augenzeugenberichten zufolge machten sich nach Inkrafttreten der Feuerpause am Morgen Hunderte palästinensische Binnenflüchtlinge auf den Weg, um in ihre Wohnorte zurückzukehren. Die Menschen wollten etwa in der Stadt Gaza und in anderen Teilen des nördlichen Gazastreifens nach ihren Häusern oder Wohnungen sowie ihren Angehörigen sehen, hieß es am Freitagmorgen. Das israelische Militär warnte jedoch, es sei verboten, sich vom Süden in den Norden des Küstengebiets zu begeben.

Die israelische Armee hatte bereits vor Beginn der Feuerpause gewarnt, der Krieg sei nicht vorbei. Der nördliche Gazastreifen sei weiterhin eine „gefährliche Kriegszone" und es sei verboten, sich dort hin- und herzubewegen. Palästinenser sollten in einer „humanitären Zone" im Süden des Küstenstreifens verbleiben. Es sei aber weiterhin für Zivilisten möglich, sich vom Norden in den Süden zu bewegen.

Die Kämpfe hatten bis kurz vor Beginn der Feuerpause angedauert. Im israelischen Grenzgebiet zum Gazastreifen gab es noch unmittelbar vor Beginn der Waffenruhe und auch kurz danach wieder Raketenalarm, so wie es auch schon bei früheren Waffenruhen der Fall gewesen war. Die israelische Armee hatte zuvor ihre Angriffe im Gazastreifen noch intensiviert und wird ihre Soldaten auch während der Kampfpause dort stationiert lassen.

Verstärkte Hilfslieferungen für den Gazastreifen angelaufen

Mit Beginn der Feuerpause im Gaza-Krieg lief auch die Ausweitung humanitärer Hilfslieferungen in den Gazastreifen an. Am Morgen seien Konvois mit zahlreichen Lastwagen unterwegs gewesen, sagte der Sprecher des UN-Nothilfebüros (OCHA) am Freitag in Genf. Ägypten hält 200 Lastwagen pro Tag für realistisch, hieß es aus Regierungskreisen. Vor dem Krieg fuhren rund 500 Lastwagen mit humanitären Gütern pro Tag in das von Israel abgeriegelte Gebiet. Seit Mitte November sind es nur noch bis zu einigen Dutzend am Tag. Nach OCHA-Angaben waren es am Donnerstag 80.

Immer noch Hunderttausende Menschen im Norden des Gazastreifens

Ob das UN-Hilfswerk für Palästinensische Flüchtlinge im Nahen Osten (UNRWA) erstmals seit Wochen auch den Norden des Gazastreifens mit Hilfsgütern beliefern kann, ließ der Sprecher zunächst offen. OCHA verhandele permanent mit allen Konfliktparteien über einen ungehinderten Zugang und Sicherheitsgarantien, sagte er. Im Norden des Gazastreifens sollen sich trotz der israelischen Aufrufe zur Räumung des gesamten Gebiets noch hunderttausende Menschen aufhalten. (dpa)

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