Unvorstellbares Leid: Kinder als Zielscheiben im Gaza-Krieg
Die Hamas hat zuletzt vor allem Kinder und Frauen aus ihrer Geiselhaft freigelassen. Sie haben schreckliche Traumata erlitten. Auch das Leid der Kinder im Gazastreifen ist unvorstellbar. Die Feuerpause wurde vorerst verlängert.
Gaza, Tel Aviv – Rund 80 von der Terrororganisation Hamas in den Gazastreifen verschleppte Geiseln wurden seit Freitag im Rahmen der vereinbarten Waffenruhe, die am Montagabend vorerst auf weitere zwei Tage verlängert wurde, freigelassen – die meisten von ihnen Kinder und Frauen. Israel bekräftigte am Dienstag, dass die Waffenruhe auf unbestimmte Zeit verlängert werden könne, solange die Hamas weiterhin mindestens zehn Geiseln pro Tag freilasse.
Unter den bisher freigelassenen Geiseln befindet sich auch ein vierjähriges US-amerikanisches Mädchen, dessen Schicksal besonders bewegt. Avigail musste vor ihrer Verschleppung in den Gazastreifen die Ermordung ihrer beiden Eltern mit ansehen. An jenem 7. Oktober war die damals Dreijährige mit ihren beiden 10 und 6 Jahre alten Geschwistern gerade zu Hause in einem Kibbuz an der Grenze zum Gazastreifen, als die Terroristen der Hamas einfielen und vor den Augen der drei Kinder die Mutter erschossen. Als ihr Vater sich schützend über seine Tochter legte, wurde laut US-Medien auch er erschossen.
Ihre Geschwister überlebten, weil sie sich in einem Schrank versteckten, wo sie 14 Stunden lang ausharrten, bevor sie gerettet wurden. Ihre kleine Schwester, die zunächst für tot gehalten wurde, sei unter der Leiche ihres Vaters hervorgekrochen und zum Haus eines Nachbarn gerannt, zitierte die Washington Post eine Verwandte des Mädchens. Die Terroristen griffen sich dort das Mädchen zusammen mit der fünfköpfigen Nachbarsfamilie und verschleppten sie mit vielen anderen Zivilisten in den Gazastreifen. Vergangenen Freitag wurde die Kleine in Gefangenschaft vier Jahre alt.
1. Kaum Hilfe für Kinder im Gazastreifen: Im weitgehend zerstörten Gazastreifen sind Kummer und Traurigkeit nach Angaben eines UNO-Sprechers an jeder Straßenecke zu spüren. James Elder, Sprecher des UNO-Kinderhilfswerks Unicef, berichtete am Dienstag von verheerenden Zuständen. Er sprach aus der Stadt Gaza zu Reportern in Genf. „Es ist noch schlimmer, als ich befürchtet hatte“, sagte er. „Kummer und Traurigkeit haben in Gaza Wurzeln geschlagen.“ Elder berichtete von einem Buben, der bei einem Angriff seine beiden Eltern und seinen Zwillingsbruder verloren hatte. Der Bub sprach mit fest geschlossenen Augen über das, was ihm passiert war. Auf die Frage, warum, habe ihm eine Übersetzerin erklärt, der Bub habe große Angst, zu vergessen, wie seine Familie aussehe, und halte die Augen geschlossen, um sie in Erinnerung zu behalten. Ein Bursche, dem durch eine Bombe ein Bein abgerissen wurde, habe vier Tage mit seinem Vater in einem Bus gebraucht, um in den Süden zu gelangen. Der Stumpf sei entzündet gewesen. Er habe zudem Granatsplitter im Kopf gehabt und Brandwunden am ganzen Körper und musste im Krankenhaus trotzdem stundenlang auf Hilfe warten. Kinder mit verheerenden Wunden seien auf dem Parkplatz vor einem Krankenhaus gelegen, wo Ärzte mit wenigen Mitteln versuchten, ihr Leben zu retten. In Auffanglagern seien Babys mit Durchfall, für die es keine Medikamente gebe, erklärte die Weltgesundheitsorganisation (WHO). Sie drohten zu sterben. Chronisch Kranke bekämen ihre Medikamente nicht mehr.
2. USA fordern mehr Schutz für Zivilbevölkerung: Israels Militäroffensive konzentrierte sich bisher auf den Norden des Gazastreifens. Die USA forderten Israel nun auf, für den Fall einer Militäroffensive auch im südlichen Teil des dicht besiedelten Küstengebiets mehr auf den Schutz der Zivilbevölkerung zu achten. Auch müsse Israel dann Schäden an der Infrastruktur begrenzen, um weitere Vertreibungen zu vermeiden. Angriffe auf die Strom- und Wasserversorgung, Krankenhäuser und andere Hilfseinrichtungen müssten vermieden werden. „Das Ausmaß der Vertreibung, das im Norden stattgefunden hat, darf sich im Süden nicht wiederholen.“
3. Verhandlungen in Katar: CIA-Direktor William Burns und der Chef des israelischen Auslandsgeheimdienstes Mossad, David Barnea, kamen am Dienstag in Doha mit dem katarischen Premier Abdulrahman Al Thani zusammen. Ziel des Treffens: Beratungen über ein neues Abkommen.
4. EU-Kommissar hofft auf längere Feuerpause: Der für humanitäre Hilfe zuständige EU-Kommissar Janez Lenarcic hofft auf eine längere Feuerpause im Gaza-Krieg. Lenarcic zufolge hat die EU ihr humanitäres Budget im Zuge des Kriegs für den Gazastreifen vervierfacht von rund 27 Millionen Euro auf aktuell über 100 Millionen Euro. Es mangle an Lebensmitteln, Medikamenten, Treibstoffen und Wasser. Lenarcic warnte außerdem vor einer besorgniserregenden Situation im Westjordanland. Er kritisierte in diesem Zusammenhang auch Gewalt extremistischer israelischer Siedler, jeden Tag würden Palästinenser getötet. (jec, dpa, APA)
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