Kultur Österreich

Die Inkommensurablen" als Livetrickfilm im Volkstheater

Uraufführung durch "sputnic"-Kollektiv in der Regie von Nils Voges
© APA

Auf der Bühne des Volkstheaters stehen vier geheimnisvolle Apparaturen: Es sind jene "Tricktische", die bei der Uraufführung von Raphaela Edelbauers Roman "Die Inkommensurablen" (7. Dezember) eine besondere Rolle spielen werden. Regisseur Nils Voges vom Kollektiv "sputnic" nennt sie "das Herzstück unserer Kunstform". Während des Stücks erschaffen die Schauspieler mithilfe von etwa 300 "Animationsplatten" auf den adaptierten Overheadprojektoren live ein Trickfilm.

"Durch kleine Veränderungen auf den Bildern, den Wechsel der Platten und der vier Projektoren entsteht eine Art Filmschnitt", erzählt der jüngere Bruder von Volkstheaterdirektor Kay Voges, der diese Technik gemeinsam mit seinem Kollektiv seit zehn Jahren perfektioniert. "Es gibt eine Menge von Mechanismen, die dafür sorgen, dass zum Beispiel Münder oder Arme sich bewegen." Verantwortlich dafür sind zahlreiche teilbewegliche Figuren im Vordergrund, die genauso wie die Zeichnungen und Platten vor Ort von einem Team um den Papercraft-Artist Michael Dölle im Volkstheater produziert wurden. Für die Bühne selbst ist Michael Wolke zuständig, die Illustrationen stammen von Karl Uhlenbrock. "Es ist eine große Gemeinschaftsarbeit", betont Nils Voges, der den 350 Seiten starken Roman, der am Vorabend des Ersten Weltkriegs in Wien spielt, selbst dramatisiert hat.

"Ich kannte bereits zwei andere Bücher von Raphaela Edelbauer, die ich sehr gemocht habe", so Voges. Für Wien traf dies allerdings anfangs nicht zu, wie er schmunzelnd erzählt. "Ich war früher schon zwei Mal als Tourist da, damals hat sich mir die Stadt nicht so richtig erschlossen. Erst durch diesen Roman habe ich ein Verständnis für 'die Wiener Seele' bekommen und woher das Selbstverständnis dieser Stadt kommt. Diesmal ist es wunderschön, hier zu sein." Apropos Wien: Für die Hintergründe der einzelnen Szenen hat das "sputnic"-Team auch noch mit Künstlicher Intelligenz gearbeitet. So hat das Bildgenerierungsprogramm "Midjourney" die Hintergründe für die Animationen entworfen. "Wenn ich dem Programm sage, es soll den Stephansdom generieren, macht es so etwas Ähnliches wie den Stephansdom. Man denkt sich: das Gefühl stimmt, aber das Gebäude stimmt überhaupt nicht", lacht Voges. Und genau diesen Bruch findet er in Bezug auf den Roman interessant, da sich ja auch die Erinnerung an die Vergangenheit mit der Wirklichkeit reibe und keine reale Abbildung davon sei. "Es bleibt eine Konstruktion."

Bedient werden die Tricktische, die auch mit Stroboskop- und Dimmeffekten ausgestattet sind, übrigens von den Schauspielerinnen und Schauspielern selbst. Gerti Drassl, Hardy Emilian Jürgens, Fabian Reichenbach und Anna Rieser sprechen im Stück also nicht nur ihre eigenen Figuren, sondern animieren die Platten und montieren die Bilder zur Geschichte. "Die Zuschauer sehen dann nicht nur den Film und das Schauspiel, sondern zugleich das Making-of", freut sich Voges, der bereits zum zehnten Mal die Technik des "Live Animation Cinemas" anwendet. "Wir machen das schon lange, haben die Technologie aber Schritt für Schritt weiterentwickelt. Und auch hier am Volkstheater haben die Schauspieler große Freude damit!" Für ihn als Regisseur habe es den großen Vorteil, "dass wir Dinge tun können, an denen man sich bei einer "klassischen" Theaterinszenierung die Zähne ausbeißen würde".

Auch der Ton spiele eine wesentliche Rolle: "Wir müssen nicht alles zeigen. Manchmal reicht es auch, wenn man etwas hört", erklärt Voges. Für den Sound des Abends, der einige Überraschungen und Text-Ton-Scheren bereit hält, zeichnet Fiete Wachtholz verantwortlich. "Es ist ein komplexer Vorgang, der aber eine große Poesie hat und dem man gerne zuguckt", so Voges. "Dieser Zauber ist mir am Theater ganz wichtig." Schließlich seien wir ständig von Technologien umgeben, ohne zu wissen, wie sie überhaupt funktionieren. "Wir wollen diese Blackbox öffnen und sozusagen reingucken lassen, wie dieser Film entsteht, den wir da live auf der Bühne herstellen."

(Das Gespräch führte Sonja Harter/APA)

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