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Zunehmende Spannungen zwischen Venezuela und Guyana

Der Fluss Essequibo in Guyana
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Im Streit über eine ölreiche Region in Guyana nehmen die Spannungen in den Beziehungen mit dem Nachbarn Venezuela weiter zu. Die USA kündigten für Donnerstag gemeinsame Militärmanöver in Guyana an, um die Sicherheitspartnerschaft "zu verbessern". Der UNO-Sicherheitsrat setzte wegen des Grenzstreits für Freitag eine Dringlichkeitssitzung an.

Bei dem Streit geht es um die Region Essequibo, die seit mehr als einem Jahrhundert zu Guyana gehört. Venezuela beansprucht das Gebiet, das etwa zwei Drittel des guyanischen Staatsgebiets ausmacht, ebenfalls für sich.

"Zusammen mit den Streitkräften Guyanas wird das US Southern Command am 7. Dezember Flugeinsätze in Guyana vornehmen", erklärte die US-Botschaft in Georgetown. Die Flüge seien Teil "routinemäßiger Engagements und Aktionen".

Der venezolanische Verteidigungsminister Vladimir Padrino López verurteilte die Ankündigung im Onlinedienst X (vormals Twitter) als "Provokation" und sprach von einem "weiteren Schritt in die falsche Richtung". Sein Land werde sich von der "Rückgewinnung" Essequibos "nicht ablenken" lassen.

Wie dem aktualisierten Zeitplan des UNO-Sicherheitsrats zu entnehmen war, wird sich das Gremium am Freitag unter Ausschluss der Öffentlichkeit mit dem Thema auseinandersetzen. Guyanas Außenminister Hugh Todd sprach in einem Brief an den Sicherheitsratsvorsitz von einer "ernsten Angelegenheit, die den internationalen Frieden und die Sicherheit bedroht".

Der brasilianische Präsident Luiz Inácio Lula da Silva äußerte sich zunehmend "besorgt" über die Spannungen an den Grenzen im Norden seines Landes. Bei einem Treffen der südamerikanischen Mercosur-Staaten sagte Lula: "Wenn es etwas gibt, was wir hier in Südamerika nicht wollen, dann ist es Krieg." Die brasilianische Armee kündigte an, ihre Präsenz in den Städten Pacaraima und Boa Vista im Norden des Landes zu verstärken, um "die Unverletzlichkeit des Hoheitsgebiets zu gewährleisten".

Mehrere südamerikanische Länder riefen Venezuela und Guyana zu einer friedlichen Beilegung des Streits auf. Argentinien, Brasilien, Paraguay, Uruguay, Chile, Kolumbien, Ecuador und Peru warnten in einer gemeinsamen Erklärung vor "einseitigen Aktionen", die zu "zusätzlichen Spannungen führen" könnten, und forderten beide Parteien auf, Verhandlungen zu führen.

Venezuela reklamiert die Region Essequibo seit mehr als einem Jahrhundert für sich. Dort leben rund 125.000 der insgesamt 800.000 Guyaner. Guyana, eine ehemalige britische und niederländische Kolonie, verweist darauf, dass die jetzige Grenze 1899 von einem Schiedsgericht festgelegt wurde. Venezuela hingegen erklärt, der Fluss Essequibo im Osten der Region bilde eine natürliche Grenze, die bereits 1777 anerkannt worden sei.

Caracas' Begehrlichkeiten nahmen vor allem zu, nachdem der Ölkonzern ExxonMobil 2015 in dem Gebiet ein Ölvorkommen entdeckt hatte. Im Oktober wurde in der Region ein weiterer bedeutender Ölfund gemacht, der die Reserven Guyanas auf mindestens zehn Milliarden Barrel - und damit auf mehr als die des ölreichen Kuwait oder der Vereinigten Arabischen Emirate - vergrößert.

Mehr als 10,4 Millionen von 20,7 Millionen stimmberechtigten Venezolanern hatten sich am Sonntag an einem nicht bindenden Referendum beteiligt und sich für den Anspruch Venezuelas auf Essequibo ausgesprochen. Der venezolanische Präsident Nicolás Maduro rief kurz darauf dazu auf, das Gebiet per Gesetz zu einer Provinz seines Landes zu erklären und Lizenzen für die Ölförderung auszugeben.

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