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KI als Chance: Popband Bon Jour setzt sich keine Grenzen

Bon Jour wuchsen vom digitalen Poptrio zur siebenköpfigen Band
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So schnell wird aus einem digitalen Poptrio eine siebenköpfige Band aus Fleisch und Blut: Noch vergangenes Frühjahr inszenierten sich die Musiker von Bon Jour mit animierten 3D-Köpfen und Künstlernamen, nun haben Mario Fartacek, Dominic "Dodo" Muhrer und Leo-Constantin Scheichenost mit "Chapter 1: Growth" nicht nur ihr Debütalbum veröffentlicht, sondern sich zudem Unterstützung geholt. Gemeinsam wird leichtfüßiger Pop serviert, wobei sich die Gruppe am Puls der Zeit zeigt.

"Es war schon sehr spannend", blickt Fartacek im APA-Gespräch auf die Anfangszeit der Band zurück, als man mit knuffigen Animationsköpfen posierte. "Es hat einfach gepasst: Wir wollten ja nicht, dass es das neue Projekt von Teilen von Mynth, Makemakes und Olympique ist", spielt er auf die Gruppen an, in denen man auch aktiv war und ist. "Uns ging es darum, dass die Musik für sich stehen kann." So habe man einen "Safespace" erzeugen können, ergänzt Muhrer. "Die Musik hat für uns gesprochen. Dadurch haben wir uns keine Grenzen auferlegt. Dass alles erlaubt war und es keine Regeln gab, war das Schönste für uns."

Nicht zuletzt für die Liveumsetzung brauchte es aber Mitstreiterinnen und Mitstreiter, sind Fartacek und Muhrer doch auch Anhänger eines organischen Sounds. "Im Studio haben wir uns ausgelebt und sehr verträumte, großflächige Instrumentierungen verwendet. Das wollten wir möglichst authentisch auf die Bühne holen", sagt der ehemalige Song-Contest-Kandidat Muhrer. Ganz dem Titel des Album entsprechend, wuchs man so quasi zur Salzburger Supergroup, sind doch mittlerweile auch Marios Zwillingsschwester und Mynth-Kollegin Giovanna Fartacek, Omar Abdalla (Siamese Elephants), Julian Pieber (Good Wilson) und Singer-Songwriterin Amelie Tobien mit von der Partie.

"Auch wenn wir das Meiste geschrieben und im Studio eingespielt haben, gibt es einfach live diese Charaktere, die ganz stark sind und voll für das Projekt stehen", ergänzt Mario Fartacek. "Sie nicht in die Band reinzuholen, hätte sich komplett falsch angefühlt. Jeder bringt seinen Charakter auch in die Musik ein. Insofern war es schnell eine sehr klare Entscheidung." Nicht zuletzt live bekommen die Songs so "eine ganz andere Seele", nickt Muhrer. Lange habe die Suche nach Gleichgesinnten jedenfalls nicht gedauert. "Das Schöne ist, dass wir in unserer Bubble nicht weit schauen mussten und gleich tolle Musikerinnen und Musiker vor der Nase hatten."

Das Ende November erschienene "Chapter 1: Growth" schließt dort an, wo die erste EP "And So We Met Again" aufgehört hat: Nicht nur wurden die sechs dort enthaltenen Songs übernommen, auch sonst regiert ein lockerer Vibe, der mit souligen Einsprengseln versehen ist, während die Refrains unwiderstehlich ins Ohr gehen. Wirklich festnageln lassen sich Bon Jour dabei nicht, stattdessen wird gemacht, was gefällt und funktioniert. "Schon in der ersten Session haben wir gemerkt, dass wir weitermachen wollen, weil die Chemie musikalisch und vor allem menschlich so super gepasst hat", so Muhrer.

Eindruck hinterließ die Gruppe auch mit dem Song "All I Know", zu dem sie ein Musikvideo mittels Künstlicher Intelligenz (KI) erstellt hat - und das just zu jener Zeit, als Anfang 2023 die Diskussion um ChatGPT oder Midjourney nicht nur die Medienwelt beherrschte. "Das war natürlich ein super Aufhänger", nickt Fartacek. "Aber würde zum Beispiel ich mich hinsetzen und das versuchen, würde es nie im Leben so ausschauen. Es braucht dafür viel Handwerk und Stunden an Arbeit, die Leo da gesessen ist. Ohne menschliche Hand und ohne seine Leidenschaft wäre das nie so geworden."

Welche Auswirkungen kann KI aber ganz generell auf die Musik haben? Bei Bon Jour sieht man es eher als Chance denn Gefahr. "Ich habe überhaupt keine Angst vor der KI, weil ich denke, dass sie viele Prozesse erleichtert", so Fartacek. "Es geht aber schon darum: Auf welche Seite steht man? Will man Kunst machen und etwas schaffen, oder will man Interpretin bzw. Interpret sein und holt sich Hilfe von einer KI?" Er denke, dass "das Handgemachte von Menschen wieder mehr Platz bekommt", andererseits aber technische und produktionsseitige Aspekte stärker automatisiert ablaufen könnten.

Für Muhrer ist zentral, dass man am Ball bleibt. "Man sollte sich immer damit auseinandersetzen." Besonders bei kreativer Arbeit werde es sicherlich lange dauern oder nie möglich sein, sie ganz zu ersetzen. Er selbst habe etwa beim Texten mit ChatGPT experimentiert. "Und es ist tatsächlich unglaublich schlecht, was da rauskommt. Immer derselbe Scheiß mit 0815-Floskeln, nur stets ein bisschen anders verpackt", lacht er. In der Kunst gehe es ja darum, "eine Geschichte zu erzählen oder ein Gefühl zu vermitteln", pflichtet ihm sein Kollege bei. "Das will man aus sich heraus. Wenn das die KI übernimmt, frage ich mich: Wozu macht man es dann?"

Hält man sich die technischen Entwicklungen der vergangenen Jahre vor Augen, in denen Musikproduktion immer breiter zugänglich wurde, sei KI nun der nächste Schritt. Muhrer führt etwa auch den "neuen" Beatles-Song "Now And Then" an, der mit modernster Technik möglich wurde. "Es ist schon geil, wenn man solche Sachen so nutzen kann, um Fortschritte in der Soundqualität zu erzielen." Andererseits könnte Gebrauchsmusik etwa für Werbung künftig durchaus von der virtuellen Stange kommen. "Da musst du ja heute schon für die Kunden teils bestimmte Songs nachbauen. Dafür wird es sicher Programme geben. Das klingt dann vielleicht nicht besonders oder toll und hat keine Seele, aber es wird wohl reichen. Würde ich nur davon leben, dann hätte ich vielleicht Angst."

(Das Gespräch führte Christoph Griessner/APA)

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