Kultur Österreich

Schönberg-Tochter Nuria über die Emotion in der Musik

Nuria (r.) mit dem Rest der Familie Schönberg 1948 in Los Angeles
© APA

2024 ist ein ereignisreiches Jahr für Nuria Nono-Schoenberg - schließlich wird heuer der 150. Geburtstag ihres Vaters Arnold Schönberg und der 100. ihres verstorbenen Mannes Luigi Nono gefeiert. Aus diesem Anlass sprach die APA mit der 91-jährigen Musikwissenschafterin, die am 7. Mai 1932 in Barcelona geboren wurde und nach der Flucht der Familie in den USA aufwuchs. Schließlich verwaltete sie den Nachlass ihrer Eltern, der 1997 ans Arnold Schönberg Center in Wien kam.

Nono-Schoenberg ist Präsidentin der hinter dem Center stehenden Stiftung und des in Venedig beheimateten Archivio Luigi Nono. Nono-Schoenberg war von 1955 bis zu seinem Tod 1990 mit dem Tonsetzer verheiratet. Und nicht zuletzt veröffentlichte die einstige Schwiegermutter von Italiens Starregisseur Nanni Moretti 1992 die Biografie "Arnold Schönberg 1874-1951: Eine Lebensgeschichte in Begegnungen".

APA: Die Vertreter der Zweiten Wiener Schule wie Ihr Vater hofften stets, dass sie eines Tages in der breiten Masse der Musikliebhaber populär sein würden - eine Hoffnung, die sich auch bei Arnold Schönbergs Werk bis heute nicht erfüllt hat. Glauben Sie daran, dass sich die Rezeption hier eines Tages noch ändern wird? Oder ist das eigentlich ohnedies nicht wichtig?

Nuria Nono-Schoenberg: Die Menschen, die die Musik meines Vater schätzen und mögen, die hören sie sich an. Wenn das bei anderen nicht der Fall, ist das ihr Problem. Man kann nicht erwarten, dass allen alles gefällt. Das ist in der Bildenden Kunst auch nicht anders als in der Musik. Es liebt auch nicht jeder Salami. Wenn Schönberg-Musik gut interpretiert wird und auch von Begleitprogramm flankiert wird, dann gewinnt man mehr Menschen dafür. Und es werden ja auch immer mehr. Ich bekomme beständig Post von Menschen, die Schönbergs Musik lieben.

APA: Es kann halt auch nicht jeder Mozart sein, den fast jeder mag ...

Nono-Schoenberg: Na ja, ich weiß es nicht. Haben Mozart zu seinen Lebzeiten wirklich alle gemocht? Da habe ich meine Zweifel.

APA: Ist das Œuvre Ihres Vaters für Sie persönlich primär intellektuelle Musik, oder spricht Sie sie auch auf der Gefühlsebene an?

Nono-Schoenberg: Das ist für mich auf jeden Fall auch emotionale Musik! Es sind Klänge, die zu Dir sprechen und einem etwas erzählen - abhängig vom Genre. Das ist bei den Opern anders als beispielsweise im Fall der Kammermusik. Und natürlich gibt intellektuellere Werke, die man gleichsam verstehen muss, während andere leichter zugänglich sind.

APA: Glauben Sie, dass Ihr Vater als Theoretiker bedeutender war, denn als praktischer Komponist?

Nono-Schoenberg: Das sehe ich nicht so. Natürlich waren seine theoretischen Schriften auch wichtig, da er seine Ideen sehr gut erklären und ausdrücken konnte. Aber das ist einfach eine andere Seite seines großen Talents, Menschen berühren zu können. Er war ja auch ein großartiger Lehrer, worauf er sehr stolz war. Ich erinnere mich noch an einen Tag, als er freudestrahlend nach Hause kam, weil er seinen Gymnasiumsschülern etwas beibringen konnte.

APA: Auch wenn von außen oftmals so tituliert, sah sich Ihr Vater selbst nicht als Revolutionär, sondern als jemand, der evolutionär die Musikgeschichte vorantrieb?

Nono-Schoenberg: Das war definitiv so. Er hat das Wort "Revolutionär" für sich nie verwendet. Anders als viele heutige Komponisten hat er die Musik der Vergangenheit studiert - was alle machen sollten in meinen Augen. Aus diesem Grunde konnte er sie evolutionär fortführen.

APA: Sie haben einst den Nachlass Ihres Vaters dem Schönberg Center überantwortet. War es als Tochter damals schwierig, diese teils sehr privaten Gegenstände in andere Hände zu geben?

Nono-Schoenberg: Im Gegenteil! Wir waren damals sehr glücklich, dass wir einen Ort gefunden hatten, an dem die wundervollen Dokumente bewahrt und mit anderen Menschen geteilt werden können. Ein Archiv ist ja kein Gefängnis, sondern dient dazu, alle Materialien aufzuarbeiten und sie Interessierten zur Verfügung zu stellen. Das gilt im Falle vom Schönberg Center bewusst nicht nur für Wissenschafter, sondern für jeden.

APA: Wie oft werden Sie nach Wien kommen im Jubiläumsjahr?

Nono-Schoenberg: Das hängt natürlich ein wenig von meinem Alter ab. (lacht) Ich reise zuletzt weniger. Aber ich sehe es auch als Verpflichtung an, präsent zu sein. Wenn ich mich gut fühle, werde ich fix nach Wien kommen.

APA: Nachdem heuer ja nicht nur ein Schönberg-Jubiläum gefeiert wird, sondern auch der 100. Geburtstag von Luigi Nono, wird 2024 ein ereignisreiches Jahr für Sie ...

Nono-Schoenberg: Ach, ich mag Feiern!

(Das Gespräch führte Martin Fichter-Wöß/APA)

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