Chronik Österreich

Wie Menschen mit ihrem Blut Leben retten können

Täglich werden hierzulande knapp 1.000 Blutkonserven benötigt
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An jedem Tag im Jahr werden in Österreich knapp 1.000 Blutkonserven benötigt, 350.000 pro Jahr. Das erfordert enorme logistische Herausforderungen, zumal die Zugänge ziemlich strikt sind und eine Konserve nur 42 Tage haltbar ist. "Die meisten Spenden werden bei mobilen Blutspendeaktionen aufgebracht", sagte Transfusionsmedizinerin Ursula Kreil, stellvertretende Leiterin des Blutspendedienstes des Österreichischen Roten Kreuzes (ÖRK) in Wien-Wieden, im Gespräch mit der APA.

Das Rote Kreuz, das etwa 95 Prozent der benötigten Konserven in Österreich anfertigt, hatte kurz vor Weihnachten dringend zu Blutspenden aufgerufen, weil die Lagerstände ziemlich abgesunken waren. Und die Leute kamen: "Wir haben es genau richtig gemacht", resümierte ÖRK-Bundesrettungskommandant Gerry Foitik, als Mitglied der Rotkreuz-Geschäftsleitung unter anderem für das Blutspendewesen zuständig. Es habe eine Art nationalen Schulterschluss gegeben. "Aber wenn wir es falsch gemacht hätten und zu alarmistisch gewesen wären, wären die Menschen vor dem Haus Schlange gestanden und hätten sich aufgeregt, warum sie so lange warten müssen. Es war aber auch nicht zu wenig dramatisch, sonst wäre niemand gekommen."

Etwa 140.000 Blutkonserven werden jedes Jahr in der Blutspendezentrale des ÖRK auf der Wieden für den Osten des Landes angefertigt. Wobei Kreil gleich klarstellte: "Es werden seit einigen Jahren keine Vollblutspenden mehr verabreicht. Was gegeben wird, ist ein Konzentrat roter Blutkörperchen (die für den Sauerstofftransport im Körper zuständig sind, Anm.) in einer Nährstofflösung." Dem Spender oder der Spenderin werden 465 Milliliter Vollblut plus die Menge für die Teströhrchen abgezapft, mit denen die Spenden auf deren Nutzbarkeit geprüft werden.

Denn es ist sehr klar und streng geregelt, wer sein Blut zur Verfügung stellen kann: Spenden dürfen Menschen zwischen dem 18. und dem 70. Geburtstag, wobei Erstspenderinnen und -spender das 60. Lebensjahr nicht vollendet haben dürfen. Das Körpergewicht darf nicht weniger als 50 Kilogramm betragen. Frauen dürfen sich vier- bis fünfmal pro Jahr abzapfen lassen, Männer sechsmal. Zwischen zwei Blutgaben müssen mindestens acht Wochen liegen.

Und dann gibt es zahlreiche Ausschlusskriterien. Wer sein Blut zur Verfügung stellen will, sollte sich gesund fühlen. Darüber hinaus gibt es zahlreiche Einschränkungen wie Fieberblasen, Allergien, Erkältungen und Grippeerkrankungen, Operationen, Zahnarztbesuche oder Medikamenteneinnahmen wie zum Beispiel von Antibiotika, auch manche Impfungen. "Wer sich in Tropen- und ausgewiesenen Malariagebieten aufgehalten hat, darf ein halbes Jahr nicht Blut spenden", nannte Kreil ein weiteres Kriterium. Erkrankungen zum Beispiel des Herz-Kreislaufsystems, Diabetes, Hepatitis oder Krebs, Schwangerschaft oder Stillzeit, neue Piercings und Tattoos oder Endoskopien können ein Ausschlusskriterium sein. Diese sind aber in vielen Fällen zeitlich begrenzt.

Auch wer in den letzten drei Monaten vor der Spende Kontakt mit mehr als drei verschiedenen Sexualpartnerinnen oder -partner hat bzw. mit Personen, von denen sie oder er ausgeht, dass sie wiederum mehr als drei Sexualpartner hatte, oder wer in den vergangenen vier Wochen ungeschützten Kontakt mit einem neuen Sexualpartner hatte, ist von den Kriterien betroffen. Homosexualität bei Männern ist hingegen kein Ausschlusskriterium mehr, bei Frauen war sie es nie. "Es geht um Sexualpraktiken, nicht um sexuelle Orientierungen", erläuterte Foitik.

In der Blutspendezentrale selbst werden jedes Jahr rund 30.000 Spenden abgegeben. In einer Straße werden die Abgabewilligen gleich auf Herz und Nieren geprüft, ob sie geeignet sind. Dazu müssen sie zunächst einen Gesundheitsfragenbogen ausfüllen. Dann werden der Blutdruck kontrolliert - wobei die Grenzwerte für eine Nichtzulassung sehr großzügig ausgelegt sind, weil man bei Arztbesuchen normalerweise immer höhere Werte aufweist -, Fieber gemessen und das Hämoglobin mittels Fingerinjektion überprüft. Zu diesem Zeitpunkt bekommen die Spenderinnen und Spender für ihr Blut auch eine Kennnummer, die sich auf allen Konserven und Proben wiederfindet, bis das Blut in die Empfängerinnen und Empfänger gelangt. Bei einem ärztlichen Gespräch wird der Patient noch einmal aufgeklärt, dazu werden seine Voraussetzungen und die Zulassung zur Spende überprüft. Bis dann die eigentliche Spende erfolgt, für die bereits mehrere Beutel hergerichtet sind.

Während der Spender oder die Spenderin nachbetreut werden - sie bekommen Wasser, Würstel, "aber nicht nur", so Kreil - und sie sich noch in der Kantine erholen können, wird ihre Vollblutspende für die Weiterverarbeitung bereits ins Labor expediert. Zunächst werden die weißen Blutkörperchen herausgefiltert. "Sie können Unverträglichkeiten auslösen", erläuterte die Transfusionsmedizinerin.

In einer Zentrifuge werden die roten Blutkörperchen (Erythrozyten, Anm.) von den Thrombozyten (Blutplättchen) und vom Plasma separiert. Verwendet werden alle Teile, nur eben nicht gemeinsam. Aus den Erythrozyten werden mit einer Nährstofflösung Konzentrate hergestellt, welche für die eigentlichen Blutkonserven verwendet werden.

Die Konserven - in Wahrheit handelt es sich um Plastikbeutel - und anderen Produkte werden in einem gekühlten Raum bei vier Grad gelagert, bis durch die Tests klar ist, dass das Blut verwendbar ist. Getestet wird auf Erreger und Antikörper von HIV, Hepatitis B und C, aber auch A und E, Syphilis und das Parvovirus B19, das die für Erwachsene gefährliche Krankheit Ringelröteln auslöst. Auch einen unspezifischen Erregertest gibt es. Dazu kommt die Bestimmung der Blutgruppe.

Geht alles gut aus, werden die Beutel nach Blutgruppen und Rhesusfaktoren in einem weiteren Kühlraum gelagert, wo sie auf ihren Weitertransport in die verschiedenen Krankenhäuser warten. In diesem Lager ist die prozentuelle Verteilung der Blutgruppen in Österreich gut abzulesen: Während es zahlreiche Beutel der Gruppen A positiv und 0 positiv gibt, finden sich bei AB negativ nur wenige Konserven. "Für uns sind alle Spenden gleich viel wert: A positiv ist die häufigste Blutgruppe, daher kommen bei dieser Blutgruppe auch die meisten Spenden zu uns. A positiv ist aber eben auch die Blutgruppe, von der am meisten benötigt wird", betonte Kreil.

Eine Sonderstellung nimmt so gesehen nur die Blutgruppe 0 negativ ein. Rund sechs Prozent der Österreicherinnen und Österreicher haben sie und sind damit sogenannte Universalspender, das heißt, ihr Blut kann an alle anderen verabreicht werden. "Grundsätzlich geben wir schon Blut von deckungsgleichen Blutgruppen", erläuterte die Transfusionsmedizinerin. "Aber beispielsweise bei einem Unfall, wenn das Opfer dringend Blut benötigt und wir noch nicht wissen, welche Blutgruppe es hat, geben wir 0 negativ und ermitteln einstweilen die Blutgruppe."

Natürlich ist es so, dass bei seltenen Blutgruppen bekannte Spenderinnen und Spender öfter persönlich kontaktiert werden, wie Kreil und Foitik sagten. Zugleich räumten die Experten damit auf, dass die meisten Konserven bei Unfällen gebraucht werden. Besonders viele Blutspenden werden für Patienten benötigt, die gegen Krebs behandelt werden, weil die Chemo- bzw. Strahlentherapien die Blutbildung im Knochenmark hemmt, bzw. für Patienten, die von Haus aus eine beeinträchtigte Blutbildung im Knochenmark haben.

Dass es in den nächsten Jahren allein aufgrund der demografischen Entwicklung nicht einfacher wird, an ausreichend Spenden zu kommen, ist Kreil und Foitik klar. Die geburtenstarken Jahrgänge kommen immer näher an das Alter von 70, ab dem sie nicht mehr spenden dürfen. Auch seit der Corona-Pandemie ist es schwieriger geworden, Spendenwillige zu finden. Der Bundesrettungskommandant ist dennoch optimistisch: "Etwa 3,6 Prozent der spendenfähigen Bevölkerung Österreichs spenden wirklich. Wenn wir diesen Wert auf vier, fünf Prozent heben können, haben wir schon gewonnen."

Ausbaufähig ist vor allem die Zahl der Blutspenderinnen und Blutspendern in den größeren Städten. Aktionen am Land werden oft als gesellschaftliches Event, bei dem auch ein gewisser Gruppendruck - oder "Gemeinschaftsgefühl", wie es Foitik nannte - entsteht, selbst Blut herzugeben. Gewinnspiele und Aktionen wie der "Vampire Cup" sollen auch die städtische Bevölkerung mehr zum Blutspenden motivieren.

Umgekehrt gilt es auch, den Bedarf zu minimieren. "Beim Verbrauch anzusetzen ist ein großes Thema", sagte Foitik. "Blut ist ein wertvolles Produkt, mit dem man sparsam umgehen muss." Es gebe einen gewissen Verwurf - also Konserven, deren Haltbarkeitsdatum abläuft -, auf den das Rote Kreuz auch keinen Einfluss habe: "Wir liefern die Konserven aus und wissen nicht, was passiert." Es hat sich der Bedarf einigermaßen verringert, nicht zuletzt, weil die Chirurgie echte Fortschritte gemacht hat und immer mehr Eingriffe minimalinvasiv und dadurch mit weniger Blutverlust verbunden sind, was wiederum den Bedarf an Konserven verringert.

Foitik betonte, dass sich der Gedanke "Blut gibt man, wenn nichts anderes mehr hilft" durchsetzen muss. Er sprach sich aber in der Diskussion um Bezahlung für Blutspenden klar dagegen aus. "Das wäre unethisch", sagte der Bundesrettungskommandant. "Das Prinzip Unentgeltlichkeit und Freiwilligkeit ist strikt beizubehalten." Foitik brachte ein weiteres Argument: "Wenn ich auf Geld hoffe, steigt das Risiko, dass ich gewisse Dinge zu relativieren versuche." Für das Rote Kreuz sei aber klar: "Spenderschutz und Qualitätsschutz (der Konserven, Anm.) stehen im Vordergrund."

Wichtig ist es dem ÖRK, dass die Blutspenderinnen und Spendern regelmäßig kommen: "Am besten zweimal im Jahr: Zum eigenen Geburtstag und ein halbes Jahr danach", sagte Foitik.

(von Gunther Lichtenhofer/APA)

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