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Neue "WZ"-Chefin Schmidt: Aus für Druckausgabe "richtig"

Katharina Schmidt will durch den Nachrichtendschungel geleiten
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Katharina Schmidt ist seit langem an Bord der "Wiener Zeitung" und seit kurzem deren Chefredakteurin. Zuvor arbeitete sie nach einer kritisierten Gesetzesnovelle, mit der die tägliche Printausgabe eingestellt wurde, an der Neuaufstellung mit. Im APA-Interview erklärt die 40-Jährige, warum sie die Regierungsentscheidung nachvollziehen kann, wie die "WZ"-Reichweite bereits gesteigert wurde und wie sie speziell bei 20- bis 29-Jährigen gegen Nachrichtenmisstrauen vorgeht.

APA: Sie stehen als erste Chefredakteurin an der Spitze der neuen "Wiener Zeitung". Als gedruckte Tageszeitung ist die "Wiener Zeitung" seit Juli Geschichte - ebenso wie der Titel als älteste noch bestehende Tageszeitung der Welt. Die Regierung hat stets darauf verwiesen, dass die Zukunft im Digitalen liege und die Verkaufszahlen bescheiden seien. Können Sie die Entscheidung des Eigentümers in Form der Republik nachvollziehen?

Katharina Schmidt: Ja, ich kann sie nachvollziehen. In einem sich wandelnden Medienmarkt war es die richtige Entscheidung. Ich habe hier 2004 begonnen. Seit damals hat jede Bundesregierung - egal welcher Farbe sie war - immer gesagt, dass sie die Zeitung komplett einstellen wolle. Ich finde, dass der öffentlich-rechtliche Auftrag und die jetzige stabile Finanzierung sehr gut sind. Ich hoffe, dass der Fokus nun auf unsere Inhalte gerichtet wird. Das Ende der gedruckten Tageszeitung bedeutet ja nicht das Ende des Qualitätsjournalismus. Den betreiben wir auch weiterhin.

APA: Es ist nun die Rede von einem "digitalen Kompassmedium". Was kann man sich darunter vorstellen?

Schmidt: Uns kann man wie einen Kompass in die Hand nehmen, und wir geleiten die Leute durch den Nachrichtendschungel. Aber wir drängen uns dabei nicht auf. Wir sind eine Ergänzung und sicher keine Konkurrenz zum restlichen Medienmarkt.

APA: Die "Wiener Zeitung" erweckt mit Aufdeckergeschichten rund um fragwürdige Grundstückdeals die Aufmerksamkeit anderer Medien. Auf Social Media bieten Sie Platz für leichtere Themen. Warum dieser Spagat?

Schmidt: Wir haben uns dafür entschieden, die einzelnen Kanäle als für sich stehende, mit eigenen Inhalten befüllte Kanäle zu sehen. Wir schaffen auch Qualitätsjournalismus auf TikTok. Natürlich wird aber gelegentlich von einem Kanal auf den anderen verwiesen.

APA: Stichwort Social Media: Nach wie vor ringen Medienhäuser mit sich, ob sie mit ihrem Content die Plattformen füttern sollen oder nicht. Sie tun es. Warum?

Schmidt: Unsere Hauptzielgruppe sind 20- bis 29-Jährige. Das sind jene Personen, die Demokratiebildung - das ist unser gesetzlicher Auftrag - am meisten brauchen und auch empfänglich dafür sind. Wir wollen sie dort erreichen, wo sie schon sind. Und ja, das funktioniert. Auf TikTok, wo wir erst seit Juli mit einem Account vertreten sind, haben wir über 13.000 Follower. Auf Instagram haben wir uns seit Juli um ein Drittel auf ca. 19.000 Follower steigern können.

APA: Hat sich auch die Onlinereichweite der "WZ"-Webseite seit der Neuaufstellung gesteigert?

Schmidt: Nach der Neuaufstellung im Juli haben alle draufgeschaut. Danach sind die Zugriffszahlen erwartungsgemäß etwas runtergegangen. Jetzt steigen sie aber wieder kontinuierlich. Wir sind bei den Nutzerzahlen ungefähr dort, wo wir vor der Umstellung waren. Insgesamt ist unsere Reichweite mit Instagram, TikTok, Youtube, drei Newslettern und unserem Podcast aber viel größer geworden.

APA: Derzeit veröffentlicht die "Wiener Zeitung" einen bis zwei Artikel pro Tag. Podcasts gibt es im Wochenrhythmus, Videos in Monatsabständen. Auf sozialen Medien ist man aktiver. Wird die Frequenz noch erhöht?

Schmidt: Wir entwickeln uns permanent weiter, aber die Zahl der Inhalte auf unserer Webseite wird nie massiv ansteigen. Wir sind ein sehr kleines Team bestehend aus 14 Journalistinnen und Journalisten, wobei davon nur wenige Vollzeit angestellt sind, und drei Personen aus der Chefredaktion. Wir wollen "slow journalism" machen, lieber weniger Artikel, dafür gehen diese in die Tiefe. Unser Alleinstellungsmerkmal ist, dass wir unsere Vorgehensweise transparent machen und zu jedem Beitrag Infos, Quellen und Verlinkungen zu Artikeln anderer Medienhäuser anführen. Damit zeigen wir, dass wir eine verlässliche Quelle sind und die Leserinnen und Leser müssen dadurch nicht selber weiterrecherchieren. Das ist wichtig, weil viele unserer Umfragen zeigen, dass Artikeln oft nicht vertraut und daher nachgegoogelt wird. Gegen dieses Misstrauen gehen wir vor und stärken damit den Qualitätsjournalismus.

APA: Dieser Qualitätsjournalismus hat nicht nur hierzulande auch mit finanziellen Schwierigkeiten zu kämpfen...

Schmidt: Die Druck- und Vertriebskosten für Printausgaben sind massiv gestiegen. Man könnte das Geld besser in Onlinejournalismus investieren. Viele stellen weltweit die Sonntagsausgabe oder die Montagsausgabe ein oder erscheinen gar nur noch einmal wöchentlich. Bei uns kam es vergleichsweise früh, weil es der Gesetzgeber so wollte. Früher oder später wird es aber alle treffen.

APA: Im Gesetz ist nach Maßgabe der finanziellen Mittel aber auch ein Printprodukt erlaubt. Wie ist es darum bestellt?

Schmidt: Dieses wird im zweiten Quartal 2024 kommen. Es ist noch sehr viel offen, aber es wird ein Magazin, das mit dem Printprodukt der früheren "Wiener Zeitung" nichts zu tun hat, sondern sich an den Bedürfnissen unserer neuen Zielgruppe orientiert.

APA: Öffentliche Mittel fließen nicht nur für die Redaktion, sondern auch für eine Journalistenausbildung. Kritiker warnten vor einer Verstaatlichung und dem langen Arm des Bundeskanzleramts. Wie ist sichergestellt, dass dieser nicht zupackt?

Schmidt: Der "Media Hub Austria" ist Teil des "Wiener Zeitung"-Gesetzes und steht auf drei Säulen. Eine davon ist ein Hub für Start-ups. Eine weitere ist ein Zentrum für Medienwissen, wo es um Medienbildung insgesamt geht. Die dritte Säule ist ein Traineeship. Hier bilden wir Jungjournalisten und -journalistinnen mit einer gewissen Vorerfahrung weiter. Wir schicken sie dabei unter anderem in unterschiedliche Redaktionen, wo sie für mehrere Monate arbeiten. Es gibt einen Beirat, in dem Personen aus all diesen Redaktionen sitzen. Darunter ist etwa die "Kleine Zeitung", Puls 4 oder die "Furche". Sie entscheiden gemeinsam über das Ausbildungsprogramm. In den einzelnen Redaktionen sind sie den jeweiligen Redaktionsstatuten unterworfen und agieren im Rahmen der Redaktionsunabhängigkeit.

APA: Das Gesetz zur "Wiener Zeitung" kann von der Politik geändert werden. Die FPÖ ist im Aufwind und pflegt lieber eigene Medienkanäle, als sich durch liebevolle Hinwendung zu öffentlich-rechtlichen Medien wie den ORF auszuzeichnen. Fürchten Sie Einschnitte, wenn die FPÖ in Regierungsverantwortung kommt?

Schmidt: Wir haben eine gute gesetzliche Basis dafür, unabhängigen Journalismus zu machen. Es ist schwieriger, uns abzudrehen, als es früher war. Früher war der Herausgeber die Republik. Jetzt ist es der Geschäftsführer. Hier wurde also ein zusätzlicher Puffer eingezogen.

APA: Aber dennoch könnte mit Mehrheit im Nationalrat die "Wiener Zeitung" eingestellt werden.

Schmidt: Ja. Aber ich hoffe, dass es nicht so kommt und es einen größeren Aufschrei als bei der Einstellung der Printzeitung geben würde.

APA: Es gab einen großen Aufschrei und eine breite Allianz aus verschiedenen gesellschaftlichen Bereichen, die sich gegen das Aus gewehrt hat. Böse Zungen meinen, hätte jeder davon auch ein Abo besessen, wäre es vielleicht nicht so weit gekommen.

Schmidt: Ich glaube, das hätte nicht gereicht. Es hätten alle davon und noch ein paar Tausend mehr die Zeitung lesen müssen. Ich bin seit langer Zeit im Unternehmen und hatte das Gefühl, dass wir schon lange von allen Seiten ein bisschen belächelt oder ignoriert wurden. Plötzlich kam dieser verständliche Aufschrei, denn vielen war die Zeitung auch ein Herzensanliegen. Viele haben um ihre Jobs gebangt. Ich glaube aber, es ist hier gelungen, viele Leute zu mobilisieren, denen die Zeitung sonst nicht so ein riesiges Anliegen war. Im letzten Halbjahr vor Einstellung der "Wiener Zeitung" in Printform hat man mehr von ihr gehört, als jemals davor.

(Das Gespräch führte Lukas Wodicka/APA)

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