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Israel setzt Luftangriffe in Gaza trotz US-Kritik fort

Reaktion im Gazastreifen "übertrieben"
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Israel hat seine Luftangriffe auf den Gazastreifen am Freitag trotz der immer deutlicheren Kritik aus den USA unvermindert fortgesetzt. Die palästinensischen Gesundheitsbehörden meldeten infolge der jüngsten Attacken mindestens 15 Tote, darunter acht in Rafah. Die Stadt an der Grenze zu Ägypten ist für viele Bewohner Gazas nach mehr als vier Monaten Krieg zum letzten Zufluchtsort geworden. Die USA dringen unterdessen auf eine Waffenruhe zwischen Israel und der Hamas.

Diese solle stattfinden, bevor die Regierung von Ministerpräsident Benjamin Netanyahu ihre Drohung einer Bodenoffensive in Rafah in die Tat umsetzt. In ungewöhnlich scharfen Worten wandte sich US-Präsident Joe Biden unterdessen öffentlich gegen das Vorgehen Israels.

"Ich bin, wie Sie wissen, der Meinung, dass die Reaktion im Gazastreifen übertrieben war", sagte Biden am Donnerstag vor der Presse. Er setzte sich sehr stark für eine Feuerpause ein, die eine Freilassung von Geiseln aus der Gewalt der Hamas ermögliche. Die USA sind eng mit Israel verbündet. In den vergangenen Wochen wurden die Appelle der Biden-Regierung aber immer deutlicher, Israel solle sich bei seinem Einsatz mäßigen und stattdessen gezielter Hamas-Kämpfer ins Visier nehmen. Einen Militäreinsatz in Rafah ohne Berücksichtigung der Lage der Zivilbevölkerung lehnten die USA ausdrücklich ab.

Die radikal-islamische Hamas hatte am 7. Oktober Israel überfallen und nach israelischen Angaben rund 1.200 Menschen getötet sowie mehr als 250 weitere als Geiseln genommen. Als Reaktion startete Israel eine Großoffensive auf den mit mehr als zwei Millionen Bewohnern dicht besiedelten Gazastreifen, wo die vom Iran unterstützte Hamas seit Jahren herrscht. Zunächst konzentrierten sich die israelischen Angriffe auf den Norden, ihr Fokus verlagerte sich dann nach Süden. Entsprechend strömten Flüchtlinge immer weiter in Richtung Rafah.

In der Stadt hält sich inzwischen mehr als die Hälfte der Bevölkerung von Gaza auf. Die Lebensumstände dort sind katastrophal. Hilfsorganisationen wie der Norwegische Flüchtlingsrat warnen vor einem "Blutbad", sollte es zu einer Bodenoffensive kommen.

Ein freier palästinensischer Journalist, der in einem Flüchtlingslager lebt, erklärte, unter den Todesopfern der jüngsten Luftangriffe seien Kinder. Sie hätten in den frühen Morgenstunden noch geschlafen, als eine Rakete in ein Haus eingeschlagen sei, schrieb Salem El-Rajjes auf Facebook. Die Opfer seien aus dem dritten Stock eines Hauses auf parkende Autos in der Straße geschleudert worden. Die Zahl der seit Kriegsbeginn getöteten Palästinenser nähert sich nach Angaben der Gesundheitsbehörden im Gazastreifen der Marke von 28.000, die der Verletzten von 68.000. Die Zahl der Opfer könnte noch weitaus höher sein, da viele Menschen vermisst werden und unter den Trümmern zerstörter Gebäude liegen dürften.

Von Israel gab es zunächst keine Stellungnahme zu den jüngsten Luftangriffen. Die Regierung hat wiederholt auf Schritte verwiesen, die sie zum Schutz der Zivilbevölkerung ergreife. Sie wirft der Hamas vor, Zivilisten als menschliche Schutzschilde zu benutzen, indem sich Kämpfer auch in Schulen und Krankenhäusern versteckten. Die Hamas weist dies zurück.

Biden schickte kürzlich Außenminister Antony Blinken in den Nahen Osten. Unter Vermittlung von Ägypten und Katar sollte Blinken einen Durchbruch hin zu einer Feuerpause erzielen. Als Reaktion auf einen Vorstoß aus diesen Kreisen, zu denen auch die Geheimdienste der USA und Israels gehörten, hatte die Hamas in den vergangenen Tagen mit einem Gegenvorschlag reagiert: Sie schlug eine Waffenruhe von viereinhalb Monaten vor, in denen alle Geiseln freigelassen werden sollen. Israel müsse dafür seine Truppen abziehen und eine Vereinbarung für eine Ende des Krieges aushandeln. Netanyahu lehnte ab und bezeichnete die Vorstellungen der Hamas als "wahnhaft". Israel werde weiterkämpfen, ein Sieg nur noch eine Frage von Monaten.

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