Lebenshilfe fordert: Ende der Sonderschulen, mehr Inklusion in Sportvereinen
Kinder können gar nicht oder nur ein paar Stunden in den Kindergarten, Eltern reiben sich im Behördendschungel auf und bis auf Ausnahmen gibt es kein Freizeitangebot. All das sollte eigentlich für Kinder mit Behinderungen der Vergangenheit angehören. Dass dem nicht so ist, darauf weist die Lebenshilfe Tirol vor dem Europäischen Protesttag zur Gleichstellung von Menschen mit Behinderungen am kommenden Sonntag hin.
Innsbruck – Die Lebenshilfe Tirol hat, um auf den Europäischen Protesttag zur Gleichstellung von Menschen mit Behinderungen hinzuweisen, zwei Listen erstellt, zwei lange Listen. Auf der ersten wird in 24 Punkten geschildert, was Betroffene täglich alles erleben (müssen). Und die zweite Liste zählt auf, was die Lebenshilfe von Politik und Gesellschaft alles fordert, damit Inklusion nicht nur ein leeres Versprechen ist.
Teilhabe an der Gesellschaft sind Menschenrechte – die UN-Behindertenrechtskonvention wurde von Österreich 2008 ratifiziert. Das heißt: Auch die Inklusion von Kindern mit Behinderungen wäre gesetzlich verankert. Die Realität sieht laut der Lebenshilfe Tirol anders aus: „Die strukturelle Benachteiligung von Kindern mit Behinderungen ist allgegenwärtig und beginnt bereits vor der Geburt“, so Judith Rafelsberger, die für den Bereich Kind und Familie der Lebenshilfe Tirol zuständig ist. Es sei zwar schon einiges erreicht worden, „aber derzeit erleben wir sogar einen Schritt zurück“. Das habe auch mit vielen gesellschafts- und sozialpolitischen Herausforderungen zu tun.
Rafelsberger nennt einige Beispiele, die Eltern von Kindern mit Behinderungen und Mitarbeiter der Lebenshilfe „täglich erleben“: „Eltern erleben einen Spießrutenlauf, wenn es um Anliegen geht, die ihre Kinder betreffen, weil es verschiedenen Zuständigkeiten gibt und Ansprechpersonen schwer zu finden sind.“ Die betroffenen Kinder würden, weil Stützkräfte fehlen oder krank sind, „Kindergärten nicht oder nur zwei oder drei Stunden besuchen können“. Die Berufstätigkeit für die Mutter werde dadurch obsolet.
Was die Lebenshilfe und betroffene Eltern täglich erleben
Ein Auszug aus der Liste der Lebenshilfe mit den täglichen Problemen, von denen Eltern und Kinder betroffen sind:
- Spießrutenlauf für Eltern bei Anliegen - unterschiedliche Zuständigkeiten z.B. bei Schulwechsel
- Kinder dürfen den Kindergarten nicht besuchen, wenn die Stützkraft krank ist, außer ein Elternteil kommt mit
- Kinder dürfen nur für zwei bis drei Stunden in den Kindergarten, teilweise nur 2-3 Tage die Woche (Argumentation: es sei für das Kind zu anstrengend)
- Kinder dürfen nur zweo bis drei Stunden in den Kindergarten - der Rest der Gruppe sei mit diesem Kind überfordert
- Kinder dürfen teilweise über Wochen/Monate nur zwei bis drei Stunden in den Kindergarten - es brauche eine Eingewöhnungszeit
- Eltern, meistens Mütter werden nach zwei stunden angerufen, um ihr Kind abzuholen - eine Berufstätigkeit der Mutter ist damit ausgeschlossen
- Kind darf freitags den Kindergarten nicht besuchen, da ist immer „Ausflugstag“ und der Junge läuft evtl. weg
- Kinder/Jugendliche werden nicht zu Ausflügen, Schulwochen mitgenommen, weil die personellen Ressourcen nicht ausreichen und die Bereitschaft Lösungen anzudenken fehlt
- Familien werden aufgefordert eine Diagnostik zu machen und zu schauen, dass die Kinder eine Diagnose erhalten, dass Stützkraft für die Schule, Hort, etc. finanziert werden
- Familien werden aufgefordert, um die erhöhte Familienbeilhilfe anzusuchen, damit Schulassistenz möglich ist.
- Die Eltern werden zum Teil von Seiten der Gemeinde und Schulen extrem unter Druck gesetzt, das Ansuchen um sonderpädagogischen Förderbedarf zu stellen
- Trotz Schulassistenz können einige Kinder nur an Ausflügen teilnehmen, wenn eine Begleitung der Freizeitassistenz (externe Fachkraft) dabei ist.
- Besuch vom Hort nur eingeschränkt oder nicht möglich, weil das Personal zu wenige Ausbildung mitbringt oder mit dem Kind überfordert sei.
- Kinder und Jugendliche dürfen nicht in Vereine eintreten. Sobald der Verein hört, dass es sich um ein Kind mit Beeinträchtigung handelt, ist die Antwort von Seiten der Vereine fast durchgängig: Das ist uns zu gefährlich bezüglich Versicherungsschutz oder ein Klassiker ist auch: Wir haben da kein passendes Personal (Trainer)
- Es gibt generell sehr wenige Angebote im Bereich von Ferienangeboten für Kinder/Jugendliche
- Ferienbetreuung von Gemeinden: mehrere Fälle, wo diese überfordert sind und bei der Lebenshilfe wegen Personal anrufen. Meistens zu knapp vor den Ferien, so dass nichts mehr organisierbar ist.
- Kindern werden von Stützkräften begleitet ohne spezifische Ausbildung, Bedarf der Kinder wird teils nicht erkannt
- Kinder/Jugendliche können nicht an Schwimmunterricht teilnehmen, weil das Personal überfordert ist
„Eltern und ihre Kinder mit Behinderungen werden von der Gesellschaft nicht gestärkt, sondern geschwächt und an den Rand gedrängt. Sie müssen sich rechtfertigen und gegen sichtbare und unsichtbare Widerstände ankämpfen. Das ist diskriminierend und ein klarer Verstoß gegen die UN-Behindertenrechtskonvention und den Gleichheitsgrundsatz der österreichischen Bundesverfassung. Dieser besagt, dass niemand wegen einer Behinderung benachteiligt werden darf“, sagt Georg Willeit, Geschäftsführer der Lebenshilfe Tirol, und fordert: „Das Schulterzucken bei der Inklusion von Kindern muss ein Ende haben“.
Die zwölf Forderungen der Lebenshilfe
- Umsetzung der UN Behindertenrechtskonvention für die Rechte von Menschen mit Behinderungen.
- Kompetenz- und lebensweltorientierte Diagnostik (auf Stärken hin)
- Ausbau niederschwelliger Beratungsstellen für alle Kinder und deren Familien
- Von Beginn an! Ausbau inklusiver Krippen und (Ganztags-)Kindergärten
- Wohnortnahe Betreuungsangebote für Kinder mit Mehrfachbehinderung/Pflegebedarf
- Ausbau familienunterstützender Angebote (Beratung, Frühförderung, Freizeitassistenz, Familienentlastung, Ferienbegleitung)
- Auflösung von Sondereinrichtungen
- Eine Schule für alle! Ausbau inklusiver Ganztags – und Gesamtschulen.
- Ausbau der persönlichen Assistenz auch für Kinder / Jugendliche mit Behinderungen
- Mittendrin! Ausbau inklusiver Freizeitangebote
- Ausbildung und angemessene Bezahlung von Betreuungspersonal
- Rascher Ausbau und bedarfsgerechte Anpassung der Angebote
Eine zentrale Forderung ist das Ende von Sonderschulen. Nicht selten würden Kinder mit Behinderungen dorthin abgeschoben werden, „weil die schulische Inklusion seit Jahren nicht wirklich in die Gänge kommt“. Im Bezirk Reutte existiert schon seit den 90er-Jahren eine Pilotregion, in der es keine Sonderschule mehr gibt. „Die Frage ist berechtigt, warum das nicht in ganz Tirol endlich möglich ist“, so Willeit. Die Experten der Lebenshilfe sind sich sicher, dass sich die Eltern nicht bewusst für eine Sonderschule entscheiden. „Aber wenn im meiner Gemeinde die Haltung nicht da ist, dass Inklusion möglich ist, es keine Stützkräfte gibt, dann soll das Kind eben in die Sonderschule gehen. Dort fühlt man sich dann sicherer“, erklärt Willeit.
Doch der Lebenshilfe geht es nicht nur um die Bildung, auch um Inklusion in der Freizeit. Auch hier würde es in Tirol zu wenig Angebote geben. Bei Vereinen würden betroffene Menschen oft Ablehnung erleben bzw. seien die Vereine überfordert. Es müsse nicht jeder Verein einen eigenen Betreuer organisieren, „es kann auch jemand von der Lebenshilfe oder aus unserem Netzwerk sein, der vor Ort zeigt, wie das funktionieren kann. Aber die Haltung muss sich ändern“.
Als Vorbild wird der Alpenverein genannt, der mit der Aktion „InKlettern“ einen Schnuppertag anbietet für Menschen mit und ohne Behinderungen. Demnächst möglich ist das zum Beispiel am 17. Mai im Arlpark in St. Anton am Arlberg. Weitere Infos hier.