Kultur Österreich

Peter Brooks letzte Arbeit "Tempest Project" zu Gast in Wien

"Tempest Project": Ery Nzaramba als Prospero
© APA

Das letzte Projekt des großen Regisseurs und Theaterdenkers Peter Brook, dessen Premiere er gerade noch erlebte, ehe er am 2. Juli 2022 starb, zu Besuch bei den Wiener Festwochen: Das musste eine Weihestunde der besonderen Art werden. Tatsächlich war der Geist Brooks am Mittwochabend bei der Gastspielpremiere des "Tempest Project" im Jugendstiltheater am Steinhof ebenso präsent wie Luftgeist Ariel, der um seine Freiheit kämpfte. Es ging um Zauber - und um Entzauberung.

Zeit seines Lebens beschäftigte sich Peter Brook mit dem leeren Raum und wie man ihn zum Leben erweckt. Shakespeares "Der Sturm" war ihm dabei immer wieder ein willkommener Anlass, Experimente zu starten, Dinge bis zur Unscheinbarkeit zu reduzieren und von dort neu entstehen zu lassen. Auch der 85-minütige Abend, den er mit seiner Mitarbeiterin Marie-Hélène Estienne entwickelte, setzt nur wenige Signale in einen Raum, in dem die Geschichten erst durch die auftretenden Schauspieler entstehen. Teppiche, Holzreste, Stoffbündel und einige Objekte sind Requisiten für geheimnisvolle Rituale, bei denen die Akteure wie Hohepriester agieren. Nichts wird gespielt, alles wird angedeutet. Der (französisch gesprochene) Text dient als Zauberformel, auf deren Wirkung man mühelos vertrauen kann.

Doch die Magie funktioniert im 21. Jahrhundert, so scheint es, nach anderen Gesetzen als in den 1960er bis 1980er-Jahren. Und wer sich nicht verzaubern lässt, kommt ins Nachdenken, ob das Beharren auf den Zauber der Zeichen in einer so veränderten Welt eher etwas liebenswert Schrulliges oder etwas verzweifelt Hilfloses hat. Im Orkan der Gegenwart wirkt dieser "Sturm" wie ein laues Lüftchen: angenehm, doch unaufregend.

Brook und Estienne haben "Der Sturm" auf wenige, essenzielle Motive reduziert. Es geht um Liebe, Unterdrückung und Freiheit. Zentral sind daher vier Paarkonstellationen: Prospero und seine Tochter Miranda, Prospero und seine beiden Diener Ariel und Caliban sowie Miranda und der gestrandete Königssohn Ferdinand. Vom Original übrig geblieben sind noch die beiden Narren Trinculo und Stefano. Sie sind der komische Gegenpol zu den gewichtigen und gravitätisch zelebrierten Hauptproblemen - und eigentlich für diesen Abend unnötig (trotz der an sich witzigen Besetzung mit den Zwillingen Luca und Fabio Maniglio).

Ery Nzaramba ist ein nobler, zurückhaltender, nachdenklicher Prospero, Paula Luna seine völlig naiv liebende Tochter, die 78-jährige Marilù Marini ein poetischer, leicht verschmitzter Luftgeist Ariel, Sylvain Levitte ein schmollmündiger Hexensohn Caliban, der nach Revolution sinnt und dafür bereit ist, sich neuen Herren anzuschließen, gleichzeitig aber auch ein Ferdinand, der sich widerstandslos der aufkeimenden Liebe zu Miranda ergibt. Sie alle spielen gut, immer wieder das Publikum miteinbeziehend, anstrengungslos, mitunter fast schwerelos. Zum Schweben bringen sie allerdings nichts. Der "Sturm" bläst niemanden um.

Das schönste Paar, nämlich die beiden eigentlich innig einander zugetanen Lebensmenschen Ariel und Prospero, die dennoch am Ende alleine ihres Weges gehen, belässt die Inszenierung in zarten Andeutungen. Reduzieren: Ja. Hinzufügen: Nein. Dazu haben die Regie-Generationen nach Brook eine ganz andere Haltung entwickelt. Und manchmal denkt man sich an diesem Abend: Gott sei Dank!

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