Ab Saison 2026/27

Marie Rötzer wird Direktorin des Theaters in der Josefstadt

Marie Rötzer und Stefan Mehrens (im Hintergrund) übernehmen ab Herbst 2026 die Leitung im Theater in der Josefstadt. Rötzer wird künstlerische Direktorin, Mehrens kaufmännischer Direktor.
© HANS KLAUS TECHT

Die derzeitige Intendantin des Landestheaters Niederösterreich übernimmt das traditionsreiche Wiener Theater ab der Saison 2026/27. Sie folgt auf Langzeitdirektor Herbert Föttinger.

Wien – Mit Marie Rötzer hat das Theater in der Josefstadt ab der Saison 2026/27 seine erste Direktorin. Bei ihrer Vorstellung am Montag kündigte die 56-Jährige ein „Spannungsverhältnis zwischen Tradition und Zeitgenössischem“ an. Sie fühle sich dem Erbe des Hauses und seiner Positionierung als „österreichisches Literaturtheater“ verpflichtet, zudem will sie das Haus für europäische Impulse öffnen, wie sie es schon am Landestheater Niederösterreich erfolgreich umgesetzt hat.

Die Entscheidung fiel Einstimmig

Im Bewerbungsprozess, in dem die Findungskommission sie aktiv zu einer Bewerbung eingeladen hatte, hat sich die derzeitige Intendantin in St. Pölten gegen 22 weitere Bewerbungen durchgesetzt. Ihr Vertrag läuft für fünf Jahre.

Das Theater in der Josefstadt

Das Theater in der Josefstadt kann auf eine über 200-jährige Geschichte zurückblicken, in der es viele künstlerische Höhepunkte (als Theater von Nestroy und Raimund, als Opern-, Operetten- und auch Ballettbühne) gab. Ebenso gab es aber auch unzählige Wechsel der Direktoren nach den an allen Wiener Theatern regelmäßig wiederkehrenden Finanzdebakeln oder Querelen.

1788 wurde im Garten einer Gastwirtschaft das erste Theatergebäude. Das macht das Theater zur ältesten noch bestehenden ständig bespielten theatralischen Institution Wiens.

1822 leitete der bekannte Biedermeierarchitekt Josef Kornhäusl den Neubau des zu klein gewordenen Theaters, der mit Beethovens Ouvertüre "Die Weihe des Hauses" unter der Leitung des Komponisten eröffnet wurde. 1834 wurde der „Sträußel Saal“ als Ballsaal eröffnet, in dem Johann Strauß Vater regelmäßig zum Tanz aufspielten.

Von 1899 bis 1923 war Josef Jarno Direktor des Hauses. Mit Goldonis „Diener zweier Herren“ begann 1924 die Ära Max Reinhardt im Theater in der Josefstadt. Kodirektoren bis zu Reinhardts Emigration 1938 waren Emil Geyer (1926-1933), Otto Preminger (1933/34) und Ernst Lothar (1935-1938).

Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde das Theater unter anderem von Ernst Haeussermann (1953-58, 1972-1984) geleitet. Von 1988 bis 1997 war Otto Schenk Josefstadt-Direktor. Es folgte Helmut Lohner, der das Haus mit einjähriger Unterbrechung von 1997 bis 2006 leitete.

Seither ist Herbert Föttinger Direktor des Theaters in der Josefstadt.

Die Entscheidung fiel laut Stiftungsrats- und Aufsichtsratsvorsitzendem Thomas Drozda einstimmig. „Freude, Freude, Freude“, so fasste Rötzer ihre Bestellung zusammen. Großes Lob hatte sie für die vergangene und noch für zwei Saisonen laufende Arbeit ihres Vorgängers Herbert Föttinger, der dem Haus ein zeitgenössisches Profil verliehen und es gut in der Wiener Theaterszene verankert habe. „Ich sehe es deshalb als Herausforderung, dieses Profil weiter zu gestalten.“

Im Spannungsfeld von Tradition und Zeitgenössischem

So will Rötzer das „Spannungsverhältnis zwischen Tradition und Zeitgenössischem“ beibehalten und weiter ausbauen, ihr Ziel sei es, das „österreichische Literaturtheater“ über nationale Grenzen zu verbreiten. Eine weitere wichtige Frage werde sein, neue Zugänge zu Klassikern zu finden: „Wie gehen wir mit dem Kanon um, wie werden wir das Frauenbild neu interpretieren?“

Unsere Arbeit soll Teil eines europäischen Narrativs sein.
Marie Rötzer (künftige Josefstadt-Direktorin)

Weiters wolle sie das Haus „international aufstellen“ und sowohl Gastspiele zeigen als auch Koproduktionen umsetzen. „Die Josefstadt soll als eine Art Kulturbotschaft für Österreich ausstrahlen.“ Nachsatz: „Unsere Arbeit soll Teil eines europäischen Narrativs sein.“ Auch auf das Lokale werde sie nicht vergessen und wolle auf in der Stadt verortete Institutionen zugehen, um Kooperationen zu vereinbaren. Hier sei das Motto: „Runter von der Bühne, rein in die Stadt“, um das Theater für Menschen zu öffnen, die bisher noch nicht ihren Weg ins Haus gefunden haben.

Marie Rötzer: Europäisches Theater und weibliche Handschriften

Internationale Koproduktionen, partizipative Projekte, hoher Frauenanteil auch in der Regie und bekannte Namen jenseits der Bundeshauptstadt: Marie Rötzer hat das Landestheater Niederösterreich, das sie seit 2016 leitet, ordentlich umgekrempelt und zu großen Erfolgen geführt.

Am Landestheater, wo der Vertrag der gebürtigen Mistelbacherin zweimal verlängert wurde, setzte sie kontinuierlich auf Öffnung. So war es ihr von Beginn an wichtig, „ein europäisches Narrativ zu entwickeln – mit einem Theater, das nach Europa hinausschaut, das sich aber auch Europa hereinholt". Dazu zählen internationale Gastspiele ebenso wie Koproduktionen wie etwa mit Luc Perceval und dem NT Gent oder mit dem Grand Théâtre de la Ville de Luxemburg, darüber hinaus holte sie Regisseure aus Kroatien und Ungarn ans Haus.

Unter Rötzers Leitung gelangen dem Landestheater Rekordbesucherzahlen und immer wieder theatrale Coups, so die Verpflichtung von Regiealtmeister Frank Castorf oder von Puppenmagier Nikolaus Habjan, dessen Inszenierung der Jelinek-Satire "Am Königsweg" international gefeiert wurde. Unter ihrer Intendanz wurden auch internationale Medien wie die New York Times auf das Landestheater NÖ aufmerksam.

Das künstlerische Schaffen am Haus wurde u.a. mit drei Nestroy-Preisen gewürdigt: Gleich zweimal hintereinander gab es Preise für den "besten Nachwuchs männlich" (die Regisseure Moritz Beichl 2019 und Mathias Spaan 2020), Rikki Henrys "Hamlet"-Inszenierung wurde 2020 zur besten Bundesländer-Aufführung gekürt.

Für die Kammerspiele plant sie „Komödien im Broadway-Style“ und will „das Feeling eines Londoner Nachtlebens in Wien spürbar machen“. Man werde dort „moderne Theaterformen mit viel Musik und kluger Unterhaltung“ anbieten. Ein klares Bekenntnis gab es zum Ensemble: Dieses sei „komödiantisch, musikalisch und spielerisch präsent – sie sind das Gesicht des Hauses.“ Sie wolle darauf achten, „dass dieser großartige Kosmos in seiner spezifischen Qualität erhalten bleibt und weiterentwickelt wird.“

Fokus auf „treue Abonnenten“

Ein Fokus liege auch auf den „treuen Abonnenten“, diese sollen „begeistert bleiben und sich neu verlieben“. Ihr Wunsch sei ein Theater, „von dem sich drei Generationen angesprochen fühlen“. Denn: „In Zeiten der Überpräsenz des Internets braucht es das Echte, das Live-Erlebnis, um Fake News und Populismus die künstlerische Kraft des Theaters entgegenzusetzen.“

In Zeiten der Überpräsenz des Internets braucht es das Echte, das Live-Erlebnis, um Fake News und Populismus die künstlerische Kraft des Theaters entgegenzusetzen.
Marie Rötzer (künftige Josefstadt-Direktorin)

Auf die Konkurrenz durch das Burgtheater und das Volkstheater angesprochen, zeigte sie sich von Dialog überzeugt: „Wir werden sehen, was sich in diesen zwei Jahren bis zu meinem Antritt nun in Wien alles verändert und entwickelt“, sagte sie in Hinblick auf ihre neuen Kollegen Stefan Bachmann und Jan Philipp Gloger: „Jeder von uns hat sein sehr spezifisches Konzept. Ich habe auch kein Problem, das Publikum zu teilen. Wir werden uns bei den Spielplänen absprechen und das Publikum sicher nicht mit drei 'Fäusten' quälen“, lachte Rötzer.

Kulturstaatssekretärin Mayer: „Eine Idealbesetzung“

Für Kulturstaatssekretärin Andrea Mayer (Grüne) ist Rötzer eine „Idealbesetzung“, ihr Konzept habe deutlich herausgestochen. Wiens Kulturstadträtin Veronica Kaup-Hasler (SPÖ) lobte Rötzers bisherige Arbeit, sie habe das Haus in St. Pölten zu einem „Leuchtturm“ gemacht, der auch viele Wienerinnen und Wiener in die niederösterreichische Landeshauptstadt gelockt habe.

Marie Rötzer hat das Theater in St. Pölten zu einem Leuchtturm gemacht, der auch viele Wienerinnen und Wiener in die niederösterreichische Landeshauptstadt gelockt hat.
Veronica Kaup-Hasler (Wiener Kulturstadträtin, SPÖ)

Beide Politikerinnen freuten sich, dass es mit zwei Jahren nun einen ausreichend langen Vorbereitungszeitraum gibt. Diesen will Rötzer nutzen, um sich gemeinsam mit dem designierten kaufmännischen Direktor Stefan Mehrens vorzubereiten. Der Deutsche wirkte bisher u.a. am Staatstheater Hannover, bei den Salzburger Festspielen (als Verwaltungsdirektor) und zuletzt am Staatstheater Braunschweig.

Rekordzahlen in St. Pölten

Marie Rötzer wurde am 16. Juli 1967 im niederösterreichischen Mistelbach geboren und wirkte nach ihrem Studium der Theaterwissenschaft und Germanistik in Wien zunächst als Dramaturgin an verschiedenen deutschsprachigen Theatern, darunter in Berlin und Graz. Ab Ende 2012 arbeitete sie als Referentin des Intendanten und Mitglied der Künstlerischen Leitung am Hamburger Thalia Theater, bevor sie 2016 in St. Pölten ihre erste Intendanz übernahm. Unter Rötzers Leitung gelangen dem Landestheater Rekordbesucherzahlen und immer wieder theatrale Coups, so etwa die Verpflichtung von Regiealtmeistern wie Frank Castorf und Luk Perceval oder von Puppenspieler Nikolaus Habjan.

Ihr Vertrag in St. Pölten wäre eigentlich noch bis 2028 gelaufen, die Stelle wird nun im Herbst neu ausgeschrienen. (APA, TT)

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