Kultur Österreich

Komplexität statt Naivität: Neuer "Jedermann" wird "heutig"

++ HANDOUT ++ Buhlschaft und Jedermann: Deleila Piasko und Philipp Hochmair
© APA

Am 20. Juli hat Robert Carsens "Jedermann"-Neuinszenierung bei den Salzburger Festspielen Premiere. Seit 3. Juni wird geprobt. Nach den Aufregungen um die Ausladung des bisherigen Teams hat man sich voller Elan in die Arbeit gestürzt. Bei einem Interviewtermin in Salzburg machten "Jedermann" Philipp Hochmair und "Buhlschaft" Deleila Piasko klar, dass es ihnen um neue, zeitgemäße Sichtweisen geht: "Er wird nicht historisch angelegt sein, sondern heutig", versicherte Hochmair.

Seit der Bekanntgabe des neuen Casts haben sich einige Änderungen ergeben. So spielt Dörte Lyssewski anstelle von Kathleen Morgeneyer den armen Nachbar und die Werke, Arthur Klemt statt Joseph Lorenz den Schuldknecht, Regine Zimmermann und nicht Julia Windischbauer ist der Glaube, und anstelle von Christoph Krutzler wird Lukas Vogelsang den Dicken Vetter interpretieren. Unverändert sind jedoch die zentralen Rollen. Philipp Hochmair ist seit seinem Einspringen im Jahr 2018 der 21. Hauptdarsteller in Hugo von Hofmannsthals "Spiel vom Sterben des reichen Mannes", seit Max Reinhardt 1920 die Aufführungstradition am Domplatz in Salzburg begründete. Die junge Schweizerin und Ex-Burgschauspielerin Deleila Piasko ist die 38. Darstellerin der Buhlschaft.

Er glaube, "dass dieser Jedermann ganz klar als Zeitgenosse erkennbar sein wird", sagte Hochmair. "Das ist ja auch die Spezialität von Regisseur Robert Carsen: Er kann historische Stoffe perfekt ins Heute ziehen. Hemmungslos. Ich bin ja mit dem Stück recht vertraut und bekomme nun eine ganz neue Lesart geschenkt, mit der ich mich auseinandersetzen und anfreunden darf, die mich bereichert." In seiner 2013 erstmals erarbeiteten Solo-Version "Jedermann (reloaded)" sei das "Duell mit der Literatur" im Vordergrund gestanden, bei Carsen gebe es dagegen "einen psychologischen Zugriff", gepaart mit Werktreue, jedoch unbelastet von hiesigen Aufführungstraditionen. "Durch seinen internationalen Blick liest er das Stück auch anders, viel mehr im Kontext zum Gesamtwerk von Hofmannsthal. Das schafft eine sehr große Ernsthaftigkeit und Tiefe."

Darauf legt auch Piasko wert. "Wichtig ist, dass es weniger um die Verpackung geht als um den Inhalt", meinte sie im Gespräch mit der APA, "aber man weiß ja auch, worauf man sich einlässt. Ich hab an diese Rolle ganz andere Erwartungen als wenn ich etwa eine Medea interpretieren würde. Man ist ja nicht naiv." Deshalb weiß sie auch, welcher Rucksack an Klischees und Traditionen dieser kleinen Frauenrolle aufgepackt wird. "Ich versuche mich gar nicht groß meschugge zu machen, wie früher die Rolle interpretiert wurde oder was von ihr erwartet wird. Ich möchte ja auch Spaß haben und mich wirklich mit der Materie auseinandersetzen."

Weil sie "eine Frau meiner Zeit" sei, werde es auch "eine moderne Interpretation sein - was auch immer dieses Wort heißt, was auch immer die Definition einer 'modernen Frau' ist", so die 33-jährige Schweizerin. "Was es braucht, ist eine Komplexität, und dass man sich freimacht von einem festen Bild. Ich bin ja nicht ausschließlich eine Frau, sondern in erster Linie ein Mensch. Ich möchte mich nicht nur mit der Frage beschäftigen: Wie stelle ich eine Frau dar? Sondern: Was ist die Wesenhaftigkeit dieser Figur?"

Die Komplexität, die Piasko sucht, bedingt auch, dass sie sich den Erwartungen nicht komplett verweigern möchte: "Für mich kann beides miteinander stattfinden. Ich kann mich freuen über ein schönes Kleid, und ich kann trotzdem meinem Partner Paroli bieten und muss nicht wie ein Häschen rumrennen. Man kann vieles gleichzeitig sein." Die Verantwortung, Klischees nicht zu bedienen, sondern mit ihnen zu spielen, sieht sie aber auch beim Regisseur und ihrem Bühnenpartner. Und nach drei Probenwochen hat sie auch schon Gemeinsamkeiten festgestellt: "Philipp und ich sind beide intuitiv, auch impulsiv - und verspielt. Das ist schön. Wir probieren aus, sind aber sehr respektvoll miteinander. Die Probebühne ist ein Spielplatz, und wir nutzen ihn." Vom Spielplatz auf den Domplatz in kaum sieben Wochen - keine schlechte Ambition. Jetzt muss nur noch das Wetter mitspielen.

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