Bachmann-Wettbewerb mit Rede über Schreib- und Lebenskrisen eröffnet
„Hoppla, die Leberwurst!“: Ferdinand Schmalz dachte in seiner Klagenfurter Rede zur Literatur über Sprache als Instrument der Krisenbewältigung nach. Mit seinem Vortrag eröffnete er am Mittwochabend den 48. Bachmann-Wettbewerb.
Klagenfurt – Mit der 25. Klagenfurter Rede zur Literatur sind am Mittwochabend die 48. Tage der deutschsprachigen Literatur, in deren Rahmen am Sonntag der Ingeborg Bachmann-Preis vergeben wird, eröffnet worden.
Der Bachmann-Preisträger von 2017, Ferdinand Schmalz, sprach unter dem Titel „Hoppla, die Leberwurst!“ über Schreibkrisen und gesellschaftliche Krisen und die Sprache als Instrument der Krisenbewältigung.
Ein Eröffnungsredner in „veritabler Schreibkrise“
Seinen einstigen Siegertext „mein lieblingstier heißt winter“ hatte der in Wien lebende Grazer Dramatiker, der mit bürgerlichem Namen eigentlich Matthias Schweiger heißt, in den folgenden Jahren zu seinem Debütroman ausgebaut. Damit kam er auf die Shortlist zum Österreichischen Buchpreis 2022.
Der Auftrag zur Klagenfurter Eröffnungsrede habe ihn, so Schmalz zu Beginn seiner Rede, allerdings in eine veritable Schreibkrise gestürzt. Anstatt eine Rede zu schreiben, „in der vor lauter wut die karawanken ins wanken kommen und der wörthersee um worte ringt“, sei er von einer „absoluten schreibblockade“ heimgesucht worden, gegen das es kein Mittel gegeben habe.
„ich habe es mit automatic writing probiert, mit brainstorming, brainmapping, starbursting. ich habe es mit der pomodoro methode probiert. hab mit meiner therapeutin noch mal über das traumatische verhältnis zu meiner volksschullehrerin gesprochen. nichts. ich habe meinen persönlichen heilmasseur gebeten, mir den schreibkrampf mit seltenen ätherischen ölen aus dem schreibmuskel rauszumassieren. keine chance.“
Rettung brachte „Emil und die Detektive“
Diese Krise habe sich erst gelöst, so Schmalz, als er sich daran erinnerte, dass Erich Kästners Roman „Emil und die Detektive“ mit der Beschreibung einer Schreibkrise beginne. Gute Texte legten stets ihre inneren Krisen offen und sensibilisierten die Leser für Sprache und gegen die Mechanismen ihrer oberflächlichen Anwendung. „dazu aber braucht es eben diesen schmerzhaften moment in den schreib- und auch lesekrisen, wo man mit dem kopf gegen die wand rennt und alles erst mal ordentlich schief gehen muss.“
Das unterscheide auch die menschliche von der künstlichen Intelligenz, die keine Krise kenne, sondern bloß immer neue Anläufe. „aber von diesem seltsamen zustand des haderns, zögerns, dort wo das nichts sich immer wieder einschreibt in den text, wo in einem dialektischen prozess sich jene wundersame negation der negation vollzieht, davon hat die ki nicht die leiseste ahnung.“
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Freilich sei „krisengelabere“ heute allgegenwärtig, räumte Schmalz ein. Die permanente Alarmbereitschaft sei Teil des Alltags geworden und verhindere Innehalten und Neuorientierung. Das sei für jene praktisch, die tiefgreifendes Denken und grundlegendes Überlegen vermeiden wollten. „wir aber verbleiben viel zu oft im augenblick einer schnappatmigen panik, in alarmismus und reflexhaftem sofortismus. doch wenn man dauerhaft auf messers schneide lebt, stumpft man langsam, aber sicher ab. und kann man den prozess einer allgemeinen abstumpfung allerorten schon beobachten, wenn die nachrichten vermieden werden, wenn die wahlen unterwandert, die demokratien unterhöhlt werden. in einem solchen zustand haben es natürlich jene leicht, die eine hoffnung auf erlösung zu vermarkten wissen, die billiger als der billigste löskaffee.“
Die „hassliebe zur sprache“
Wenn Begriffe wie „Reintegration“ kreiert würden, sei das der Moment höchster Wachsamkeit und des genauen Zuhörens. Dann sei „die literatur gefragt, indem sie ein kritisches hören schult, indem sie eine distanz zur sprache schafft. literatur in ihrer hassliebe zur sprache schafft es, uns ein natürliches misstrauen, eine gesunde skepsis anzutrainieren, damit wir dort bruchstellen finden, wo es zu glatt wird, wo die demagog*innen versuchen unbemerkt ihr gift in den sprachgebrauch einsickern zu lassen.“
Zum Schluss führte Schmalz die Zuhörerinnen und Zuhörer in sein in Ottakring gelegenes Wohnzimmer, in dem ihn seine Kinder „Hoppla, die Leberwurst!“ singend umringen, die Schreibblockade löst sich, der Textfluss kündigt sich an. Gelegenheit für einen letzten Wunsch: „ich wünsche allen beteiligten am wettbewerb kritische momente, erkenntnisreiches nicht-verstehen und dass die welt, wenn auch nur für flüchtige augenblicke, ein anderes gesicht bekommt.“
Die Rede gibt es ab sofort auch als 32-seitiges Büchlein, erschienen im Verlag Johannes Heyn. (APA, TT)
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