Das Wettlesen hat begonnen

Tag 1 beim Bachmann-Wettbewerb: Es wird gestorben – und die Schwelle spricht

Sarah Elena Müller eröffnete mit „Wen ich hier seinetwegen vor mir selbst rette“ den heurigen Bachmann-Wettbewerb.
© GERD EGGENBERGER

Mit der Schweizerin Sarah Elena Müller wurde schon die erste Lesende des Wettbewerbs mit viel Lob bedacht. Die Österreicherin Ulrike Haidacher sorgte für lebhafte Diskussionen.

Klagenfurt – Die Schweizerin Sarah Elena Müller hat mit der Lesung ihres Textes „Wen ich hier seinetwegen vor mir selbst rette“ am Donnerstagvormittag im ORF-Theater von Klagenfurt das Wettlesen um den 48. Ingeborg-Bachmann-Preis eröffnet und sich damit gleich viele Jury-Sympathien erlesen. Deutlich kontroversieller war die Aufnahme des Textes der ersten Teilnehmerin aus Österreich, Ulrike Haidacher, der um den Tod einer Oma kreiste, während Roland Jurczok einen „Papa“ in den Mittelpunkt rückte.

„Klug, kühn, schön“: Großes Lob zum Auftakt

Viel Lob gab es gleich für den ersten Text, in dem sich eine Schwelle schon zu Beginn persönlich zu Wort meldet, der Raum dahinter sich öffnet, Wäsche und Stoffreste türmen sich darin – und ein gewisser „Rio“ beginnt die Auseinandersetzung mit einem Erzähl-Ich, dem man, auch das wird schnell klar, nicht so recht trauen darf.

Die Jury um den neuen Vorsitzenden Klaus Kastberger.
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Auch ein Therapeut, der möglicherweise nur eingebildet ist, mischt sich in den Sprachfluss ein. Jurorin Mara Delius fand Müllers Text „sehr souverän und gelassen vorgetragen“. Sie lobte – wie andere Jurymitglieder – die „schönen Bilder“. Thomas Strässle, der die Autorin eingeladen hatte, sprach von „einem großartigen Text – klug, kühn, schön". Auch Philipp Tingler fand das Gehörte „wirklich gelungen“, kritisierte aber das „nicht durchgehende sprachliche Niveau des Textes“, der in Mithu Sanyal dagegen „Flimmermomente“ erzeugte.

Auch von Brigitte Schwens-Harrant gab es vor allem Lob, wogegen der neue Juryvorsitzende Klaus Kastberger einwendete: „Für mich ist dieser Text zu unentschieden. Was ich gut finde an diesem Text, ist, dass er Risiko nimmt.“ Im Gegensatz zu Schwens-Harrant hasse er aber Texte, in denen sich Gegenstände zu Wort melden, bekannte er.

Die neue Schweizer Jurorin Laura de Weck lobte die „klassische Erzählspannung“: „Ich hab diesen Text wie so eine Art Thriller gelesen“, meinte sie zu ihrer Landsfrau: „Ich fand die Sprache sehr präzise. Kein Wort ist zu viel. Die Dosierung ist richtig.“

Kontroversiell diskutiert: Ulrike Haidacher las „Schwester“, einen Auszug aus ihrem nächsten Roman „Malibu Orange“.
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Ulrike Haidacher musste Kritik einstecken

Danach erzählte die Österreicherin Ulrike Haidacher in „Schwestern“ über den Besuch der Enkelin Anja am Sterbebett der Oma im Krankenhaus. Bei der im Spital gemeinsam verbrachten letzten Nacht von drei Generationen kommt es auch zur Annäherung von Mutter und Tochter, die zuletzt kaum mehr miteinander gesprochen hatten.

Die Jurydiskussion entwickelte sich überaus kontroversiell. „Unglaublich präzise und genau“ fand Klaus Kastberger den Text, den er eingeladen hatte. Neben ihm verteidigte Mithu Sanyal den „sehr beeindruckenden Text“, der einen „frischen Umgang mit Extremsituationen“ bringe. Sie lobte die „sehr originelle Erzählstimme“ und nannte den Text „unglaublich elegant gemacht“.

Laura de Weck sitzt heuer erstmals in der Bachmann-Preis-Jury.
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Die übrige Jury hatte Einwände. Laura de Weck fand die Geschichte „auserzählt“ und „abgeschlossen“. Der Text biete keine Möglichkeit, diesen über das reale Geschehen auszuweiten und zu öffnen. „Sehr klischeehaft“ und „zu konventionell“ lautete das Urteil von Philipp Tingler. Mara Delius wünschte sich, „dass aus dem Moment des Abschieds mehr gemacht wird“. Ähnlich Thomas Strässle: Der Text sei zart, still und liebevoll, wolle „eine Grenze beschreiben, nämlich den Tod, nähert sich dieser Grenze aber nicht“.

„Schwerwiegende Mängel“ im dritten Text des ersten Tages

Roland Jurczok, erst kürzlich auch in Innsbruck auf der Bühne, war der dritte Lesende des ersten Bachmann-Tages.
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Der von Strässle eingeladene Schweizer Roland Jurczok beschloss mit „Das Katangakreuz“ den ersten Lesevormittag. In seinem Text beschäftigt sich die Erzählstimme mit „Papa“, der offenbar viel erlebt und ebenso viel gesammelt hat – preußische Münzen, Salzbarren, Kaurischnecken, Teeziegel und Katangakreuze etwa. Auch Papa stirbt, und im Text erhält „Mama“ immer stärkere Bedeutung.

Die Jury war uneins. Tingler fand den Text „etwas unterwältigend“ und ortete „schwerwiegende Mängel“. Schwens-Harrant sah „Brüche, die hier keinen Sinn machen“, und eine mangelnde Verortung der Erzählerposition. „Es ist keine Erzählung, es ist eine Erinnerung“, erwiderte Laura de Weck. Lob gab es dagegen von Mara Delius, während Kastberger ein „zu liebliches Bild für den Vater“ ortete.

„Außerordentlich guter“ Start in den Nachmittag

Mit seiner Mutter, nämlich mit dem „Tag, an dem meine Mutter verrückt wurde“, beschäftigte sich nach der Mittagspause der in Sarajevo geborene und seit 1994 in Deutschland lebende Autor Tijan Sila. Dieser Tag ist der 12. August 2007 und konfrontiert den zu seinen Eltern gekommenen Sohn mit seltsamen Aussagen seiner Mutter, die eine im Balkankrieg umgekommene Patentante sieht und ihn selbst zu einem Geständnis bewegen will: „Sag mir, wer dir den Auftrag gegeben hat.“ Später, so erfährt man, wird auch der Vater verrückt werden und alte Elektrogeräte anhäufen.

Der in Sarajevo geborene Tijan Sila eröffnete den Nachmittag mit „Der Tag, an dem meine Mutter verrückt wurde“.
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„Mir gefällt der Text ausgesprochen gut“, meinte Kastberger und zog Parallelen zu dem letzten Text des Vormittags, aber auch zu den literarischen Verarbeitungen der Belagerung von Sarajevo durch Dzevad Karahasan.

„Ein Text, der mich sehr umgehauen hat“, urteilte Sanyal, eine „einzigartige Form von Erzählökonomie“ entdeckte Delius. Lob gab es auch von de Weck und Schwens-Harrant, die es sehr gelungen fand, wie diese Familiengeschichte auf ein Größeres ziele: „Hier ist eine riesige Verrückung im Gange, und man fragt sich, wie das jemals heil werden kann.“ Tingler lobte die „Qualität des Tragikomischen“ an dem von ihm eingeladenen Text, den auch Strässle „außerordentlich gut“ fand.

„Ausgezeichnetes Handwerk“

Die Deutsche Christine Koschmieder beschloss mit „Nylfrance“ den ersten Lesetag. Der Text führt ins Kassel der Wirtschaftswunderjahre und erzählt von einer energischen Geschäftsfrau, die mit Bademode „für die reife Frau“, bei der das Material sich dem Körper anpassen soll und nicht umgekehrt, Erfolg haben möchte – ein schwieriger, doch prototypischer Aufbruch in eine neue, emanzipierte Zeit.

Thomas Strässle kritisierte, dass Harry, der Ehemann der Hauptfigur, zu klischeehaft gezeichnet sei. „Ich glaube dem Text durchgehend“, sagte dagegen Sanyal, die die Zeit der 1950er- und 60er-Jahre großartig gefasst fand. Sanyal hat Koschmieder nach Klagenfurt eingeladen.

Christine Koschmieder darf sich nach der Jury-Diskussion durchaus Hoffnungen auf einen der Preise machen.
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Auch er finde den Text handwerklich ausgezeichnet gemacht, versicherte Kastberger, der jedoch mehr „historische Patina“ als „aktuellen Sinn“ darin fand. Schwens-Harrant lobte die Ambivalenz der Hauptfigur, Mara Delius sah genau dort einige offene Fragen. Fazit: Christine Koschmieder bleibt wohl im Rennen um einen der Preise.

Am Freitag und Samstag lesen weitere neun Autorinnen und Autoren, darunter die Wienerin Kaśka Bryla und die gebürtige Burgenländerin Johanna Sebauer sowie die in Wien lebende slowenische Musikerin und Autorin Tamara Štajner, um den Ingeborg-Bachmann-Preis. Vergeben wird die mit 25.000 Euro dotierte Auszeichnung am Sonntag.

3sat überträgt das Wettlesen sowie die Preisverleihung bereits zum 36. Mal. Der gesamte Bewerb wird zudem im Deutschlandradio und als Livestream auf der Homepage des Bachmann-Preises übertragen. (APA, jole)

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