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Biden nach verpatztem Auftritt: "Ich kann diesen Job machen"

Trump und Biden im TV-Studio
© APA

US-Präsident Joe Biden hat sich nach seinem desaströsen Auftritt beim TV-Duell gegen seinen Herausforderer Donald Trump kämpferisch gezeigt und seine Leistung verteidigt. "Ich würde nicht wieder antreten, wenn ich nicht mit meinem ganzen Herzen und meiner Seele glauben würde, dass ich diesen Job machen kann", sagte der 81 Jahre alte Demokrat am Freitag bei einem Wahlkampfauftritt in Raleigh im US-Bundesstaat North Carolina.

"Ich weiß, ich bin kein junger Mann, um das Offensichtliche zu sagen", meinte Biden. Er laufe, rede und debattiere zwar nicht mehr so gut wie früher, so der Demokrat weiter. "Aber ich weiß, wie man die Wahrheit sagt." Er würde nicht antreten, wenn er nicht "mit Herz und Seele" daran glauben würde, dass er den Job machen könne. "Es steht zu viel auf dem Spiel." Bidens Anhänger skandierten "vier weitere Jahre".

Schützenhilfe bekam Biden von Barack Obama. "Schlechte Duelle passieren. Glaubt mir, ich weiß das", schrieb der ehemalige Präsident am Freitag auf der Online-Plattform X. "Aber diese Wahl ist immer noch eine Entscheidung zwischen jemandem, der sein ganzes Leben lang für die einfachen Leute gekämpft hat, und jemandem, der sich nur um sich selbst kümmert. Zwischen jemandem, der die Wahrheit sagt, der Recht von Unrecht unterscheiden kann und es dem amerikanischen Volk offen sagen wird - und jemandem, der zu seinem eigenen Vorteil schamlos lügt."

Das TV-Duell habe daran nichts geändert, schrieb Obama weiter. Deshalb stehe bei der Präsidentenwahl im November so viel auf dem Spiel. Seinem X-Beitrag war der Link zur Website von Bidens Wahlkampf-Team beigefügt, über den Spendengelder gesammelt werden.

Im ersten TV-Präsidentschaftsduell des Wahljahres war nach Ansicht vieler Beobachter der voraussichtliche Herausforderer dem Amtsinhaber überlegen. Ein immer wieder ins Stocken geratender und sich verhaspelnder Biden sparte in der Debatte in der Nacht auf Freitag zwar ebenso wie sein Kontrahent nicht mit harten Angriffen und nannte Trump einen "Versager" und notorischen Lügner, wirkte aber insgesamt nicht auf der Höhe.

Dies wurde ein Stück weit sogar von Bidens Vizepräsidentin Kamala Harris eingeräumt. Sie sagte, Biden habe einen "langsamen Start" in die Debatte gehabt, aber dann einen "starken Schluss" hingelegt. Der Präsident selbst zog ein positives Fazit: "Ich denke, wir haben uns gut geschlagen", sagte er beim Besuch eines Waffel-Restaurants nach der Debatte.

Eine CNN-Umfrage ergab jedoch, dass 67 Prozent der Zuschauer in Trump den Gewinner des Duells sahen. Biden - mit seinen 81 Jahren der älteste Präsident der US-Geschichte - sprach in der 90-minütigen Debatte am Hauptsitz des Senders CNN in Atlanta (Georgia) mit heiserer Stimme, stockte und verhedderte sich wiederholt in seinen Formulierungen. Zudem ließ er Sätze unbeendet und starrte mit geöffnetem Mund vor sich hin, während sein Kontrahent sprach.

Nach Angaben seines Wahlkampfteams litt der Präsident an einer Erkältung. Der Demokrat Biden nährte mit seinem Auftritt jedoch die Zweifel im eigenen Lager, ob er fit genug ist für eine zweite Amtszeit. Es sei ein "wirklich enttäuschender Abend" für den Präsidenten gewesen, räumte Bidens frühere Kommunikationsdirektorin Kate Bedingfield ein. Eine Kongressangestellte, die für einen Senator der Demokraten arbeitet, sagte, bei ihrem Boss und anderen Vertretern aus der ersten Reihe sei bereits Panik ausgebrochen. Ein Spendensammler der Partei sagte, er gehe davon aus, dass der Geldstrom in Richtung Bidens Wahlkampfkasse nun versiegen werde. "Geld folgt der Begeisterung. Wie kann jetzt auch nur irgendwer ernsthaft sagen: 'Spendet für Joes Wahl'."

Trump - mit seinen 78 Jahren nicht wesentlich jünger - wirkte hingegen fokussiert und agil und war auch für seine Verhältnisse relativ zurückhaltend. Dennoch verbreitete der voraussichtliche erneute Präsidentschaftskandidat der Republikaner erneut zahlreiche eklatante Falschbehauptungen, etwa über vermeintlichen Wahlbetrug bei seiner Niederlage gegen Biden 2020 und eine angeblich dramatische Zunahme von Gewaltdelikten durch illegal ins Land gelangte Migranten.

Trump griff den Präsidenten auch wiederholt hart an, indem er ihn etwa als "schlimmsten Präsidenten in der Geschichte unseres Landes" bezeichnete. Er kontrollierte aber beispielsweise seine Mimik, während Biden sprach, und fuhr insgesamt weniger aggressive Attacken gegen seinen Rivalen als während seiner Wahlkampfkundgebungen.

Die tiefgehende persönliche Feindschaft zwischen Trump und Biden - die mehr als vier Monate vor der Wahl im November noch nicht offiziell als Präsidentschaftskandidaten ihrer Parteien sind - wurde in der Debatte mehr als deutlich. So verzichteten sie etwa zu Beginn darauf, sich die Hände zu schütteln.

Biden hob dann hervor, dass Trump im New Yorker Prozess um die Vertuschung einer Schweigegeldzahlung an die frühere Pornodarstellerin Stormy Daniels als erster früherer US-Präsident der Geschichte strafrechtlich verurteilt wurde. Er sagte dazu, sein Kontrahent habe die "Moral einer Straßenkatze".

Trump bezeichnete seinerseits seinen Rivalen als "Kriminellen" und bezog sich damit auf die unbelegten Behauptungen, Biden habe als Vize-Präsident seinen Einfluss geltend gemacht, um seinen Sohn Hunter bei geschäftlichen Auslandsaktivitäten zu begünstigen. Der Republikaner forderte den aktuellen Präsidenten auch auf, sich einem kognitiven Test zu unterziehen, und sagte voraus, dass Biden diesen nicht bestehen würde.

Einer der heftigsten Momente der Debatte kam, als Biden Berichte aufgriff, wonach Trump 2018 den Besuch eines europäischen Friedhofs mit US-Kriegsgefallenen mit der Begründung verweigert haben soll, die dort Begrabenen seien "Trottel und Versager" gewesen. Biden erinnerte daraufhin an seinen Sohn Beau, der im Irak gedient hatte und später an Krebs starb. Beau sei kein "Trottel und Versager" gewesen, vielmehr sei Trump der "Trottel und Versager". Trump bestritt in der Debatte, sich in dieser Weise über US-Soldaten geäußert zu haben.

Biden bezeichnete seinen Rivalen mit Blick auf dessen massive Versuche der Wahlintervention nach seiner Niederlage von 2020 und den Sturm fanatischer Trump-Anhänger auf das Kapitol im Jänner 2021 erneut als Risiko für die Verfassungsordnung des Landes: "Dieser Typ hat keinen Sinn für die amerikanische Demokratie", sagte er.

Trump nannte in der Debatte politische Gewalt "völlig inakzeptabel". Eine eindeutige Antwort auf die Frage, ob er den Ausgang der bevorstehenden Präsidentschaftswahl akzeptieren werde, gab er nicht jedoch nicht. Er machte die Einschränkung, dass er das Ergebnis dann anerkennen werde, "wenn es eine faire und legale und gute Wahl ist".

Schon vor der Debatte stand die Altersfrage der beiden Bewerber mehr als bei jeder anderen Wahl im Fokus. Noch nie sind zwei US-Präsidentschaftskandidaten in solch hohem Alter gegeneinander angetreten. Angesprochen auf sein Alter, sagte Trump auf CNN, er sei in sehr guter Verfassung. Biden antwortete auf die Frage nach seiner Konstitution, Trump sei drei Jahre jünger und deutlich weniger kompetent. "Sehen Sie sich an, was ich geleistet habe. Sehen Sie sich an, wie ich die schreckliche Lage, die er mir hinterlassen hat, gewendet habe."

Es war das erste direkte Aufeinandertreffen der beiden Kontrahenten seit Oktober 2020. Zu Bidens Amtseinführung im Jänner 2021 war Trump nicht erschienen. Ein zweites TV-Duell ist für September geplant. Die Wahl findet am 5. November statt. In Umfragen lagen Biden und Trump vor der Debatte nahezu gleichauf.

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