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Bachmann-Preis 2024 geht an Tijan Sila

Die Jury hat Tijan Sila den Bachmann-Preis 2024 zuerkannt
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Der 1981 in Sarajevo geborene und seit 1994 in Deutschland lebende Autor Tijan Sila hat am Sonntag in Klagenfurt den 48. Ingeborg-Bachmann-Preis gewonnen. "Der Tag, an dem meine Mutter verrückt wurde" heißt der Siegertext, in dem sich der Erzähler anhand seiner Familie mit dem Weiterwirken des Balkankriegs in der Psyche der Menschen beschäftigt.

Der Schweizer Juror Philipp Tingler, der den Siegertext eingeladen hatte, hob in seiner kurzen Laudatio Silas "Ton unsentimentaler Lakonie" und seinen "ganz eigenen und einzigartigen Stil in einer Mischung aus Pointiertheit, Tragikomik und Melancholie" hervor. Der Auszug aus einem in Entstehung befindlichen Roman bekam 23 Jury-Punkte - mit Abstand die meisten.

Deutsch habe er erst zu lernen begonnen, nachdem er mit seinen Eltern als Kriegsflüchtling nach Deutschland gekommen war, sagte Tijan Sila, der Germanistik und Anglistik in Heidelberg studierte und heute in Kaiserslautern lebt, im Interview mit der APA. "Irgendwann war klar, dass ich nicht nach Bosnien zurückkehren werde. Nachdem so viele Jahre vergangen waren, habe ich gemerkt, dass ich auf Deutsch denke, auf Deutsch träume, dass es meine Primärsprache geworden ist. Wohingegen mein Bosnisch mit 13 Jahren aufgehört hat, sich weiterzuentwickeln."

2017 erschien sein Debütroman "Tierchen Unlimited", sein bis heute einziges Buch, das in der Folge auch auf Bosnisch übersetzt wurde. 2018 folgte "Die Fahne der Wünsche", 2021 "Krach". 2023 erschien bei Hanser Berlin sein autobiografisches Buch "Radio Sarajevo", an das jener Roman anschließen wird, aus dem Tijan Sila einen Textauszug gelesen hat. Der Verlag Hanser Berlin kündigte dieses Buch heute für voraussichtlich 2026 an - etwas optimistischer als der Autor selbst, der den Erscheinungstermin im Interview mit "auf keinen Fall vor 2027" einschätzte und sich sehr lobend über den Verlauf der 48. Tage der deutschsprachigen Literatur äußerte: Das Niveau der Texte sei sehr hoch gewesen, die Jurydiskussionen sachlich und nicht verletzend. Die Tage in Klagenfurt seien "wirklich toll, aber herausfordernd" gewesen, meinte er, der schon am ersten Lesetag viel Jurylob erhalten hatte, es aber nicht einschätzen konnte: "Es war stressig."

Etwas verwirrend war hingegen am Sonntag die Preisvergabe - die obendrein ohne jegliche Jurydiskussion stattfand. Die mit 25.000 Euro dotierte Literatur-Auszeichnung wurde heuer zum zweiten Mal nach einem Punktesystem vergeben. Dabei konnte jedes Jurymitglied fünf Punkte bis einen Punkt vergeben, ausgenommen waren ihre eigenen Kandidatinnen und Kandidaten. Bei Punktegleichstand waren Stichwahlen nötig, was die Preisvergabe unübersichtlich machte.

Der Deutschlandfunk-Preis (12.500 Euro) ging an den Deutschen Denis Pfabe für seinen im Baumarkt spielenden Text "Die Möglichkeit einer Ordnung". Für den 3sat-Preis und den Kelag-Preis kam es zur Stichwahl zwischen Miedya Mahmod, Johanna Sebauer und Tamara Štajner. Den Kelag-Preis (10.000 Euro) bekam die in Wien lebende slowenische Musikerin und Autorin Tamara Štajner für ihren sehr persönlichen Text "Luft nach unten". Den mit 7.500 Euro dotierten 3sat-Preis erhielt in einem sehr unübersichtlichen Stimm-Prozedere die in Hamburg lebende Österreicherin Johanna Sebauer für "Das Gurkerl". Dieses begeisterte auch das Publikum am meisten, denn für ihren satirischen Text gab es zudem den BKS Bank-Publikumspreis (7.000 Euro plus Stadtschreiberstipendium), für den am Samstagnachmittag online abgestimmt werden konnte.

Der Bachmann-Preisträger erhielt neben dem Siegerscheck auch eine im Vorjahr neu kreierte Skulptur. Geschaffen wurde die 2,3 Kilogramm schwere Plastik vom Bildhauer Helmut Machhammer, sie trägt den Spitznamen "Inge".

In einer Aussendung gratulierte Kunst- und Kulturstaatssekretärin Andrea Mayer (Grüne) am Sonntag "allen Preisträger:innen - und allen voran dem verdienten Bachmann-Preisträger 2024 Tijan Sila". Einen "Sieger" habe es aber bereits vor dem Wettbewerb gegeben, nämlich "die deutschsprachige Gegenwartsliteratur. Denn die Bachmann-Tage waren auch heuer wieder ein Ort für Neues und ein Platz des Aufbruchs. Klagenfurt war in diesen Tagen Avantgarde."

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