„Coolcation" ist gefragt

Nordische Fjorde statt Mittelmeerstrände: Europäische Urlauber suchen die Kühle

Im vergangenen Jahr stieg die Zahl der Übernachtungen von Besuchern aus dem Ausland in Norwegen um 22 Prozent, in Schweden um 11 Prozent. Etwa ein Drittel der Befragten einer Umfrage planen eine Änderung ihrer Reisegewohnheiten.

Oslo - Während sich in diesen Wochen hunderttausende Urlauber auf den Weg an die Strände im Süden Europas machen, kommt es zeitgleich zu einer wachsenden Gegenbewegung: Angesichts des Klimawandels verbringen immer mehr Menschen ihre Ferien auf der Suche nach Abkühlung in Nordeuropa.

Eine davon ist Cati Padílla: Die Spanierin lebt ausgerechnet im Touristen-Mekka Teneriffa, urlaubt aber mit ihren Freundinnen in Norwegen. „Um der Hitze zu entkommen", sagt die Mittfünfzigerin, die auf der beliebten Serpentinenstraße Trollstigen in Richtung der norwegischen Fjorde unterwegs ist.

Norwegen, Schweden und Finnland

„Norwegen stand schon lange auf unserer Liste, wegen seiner grünen Landschaften, der Berge, des Eises", schwärmt Padílla. Neben Norwegen spielen weitere nordische Länder wie Schweden und Finnland seit einiger Zeit die Karte der „Coolcation", des kühlen Urlaubs.

Im vergangenen Jahr stieg die Zahl der Übernachtungen von Besuchern aus dem Ausland in Norwegen um 22 Prozent, Schweden verzeichnete einen Anstieg um 11 Prozent. Laut einer Umfrage des Tourismusverbands Visit Sweden in Deutschland planen etwa ein Drittel der Befragten eine Änderung ihrer Reisegewohnheiten wegen der seit Jahren zunehmenden Hitze in Südeuropa. Viele davon wollen auf kühlere Jahreszeiten ausweichen, doch nicht wenige richten ihren Blick auf neue Reiseziele.

„Bei Coolcation geht es nicht nur um das Wetter", sagt Susanne Andersson von Visit Sweden. „Es geht darum, an Orte zu reisen, die nicht nur kühler, sondern auch weniger überlaufen sind." Statt an überlaufenen Mittelmeerstränden zu braten oder sich in der Schlange vor der Akropolis Luft zuzufächeln, baden nicht wenige Urlauber lieber in einem Fjord oder atmen bei einer Wanderung frische Bergluft.

„Es ist wundervoll"

Die britische Touristin Pam ist am majestätischen Geiranger-Fjord von Bord eines Kreuzfahrtschiffes gegangen. Selbst hier ist es um diese Jahreszeit nicht so kalt, dass die Frau aus dem mittelenglischen Lichfield ihren mitgenommenen Wollpulli anziehen kann, stattdessen sind Sandalen und T-Shirt angesagt. „Es ist wundervoll", schwärmt Pam. "Es ist auf jeden Fall nicht so heiß, dass man kaum noch laufen kann."

Sie habe keine Lust mehr, ihre Urlauber im Wechsel zwischen Sonnenliege, Buffet und Pool zu verbringen, berichtet die Engländerin. „Lieber besichtige ich etwas, lerne etwas über die Geschichte und sehe einfach schöne Orte."

Auch den französischen Rentner Gérard Grollier zieht nichts mehr in den Süden: „Spanien - Nein. Griechenland - Nein", sagt der 74-Jährige. Gemeinsam mit seiner Tochter Virginie ist er nach Norwegen gekommen, „weil das Klima viel angenehmer ist und es Reiseziele gibt, an die ich im Sommer einfach nicht mehr fahren würde, weil es viel zu heiß ist".

Auch in der finnischen Region Lappland nahe dem Polarkreis ist die Zahl der Touristen gestiegen. 29 Prozent mehr Übernachtungen als im Vorjahr verzeichnete die Regionalhauptstadt Rovaniemi im vergangenen Jahr. „Der Trend der Coolcation ist hier klar zu spüren", sagt die Tourismusbeauftragte Sanna Karkkainen. „Das ging schon vor ein paar Jahren los, aber mit den heißen Sommern in Süd- und Mitteleuropa hat es sich noch verstärkt."

„Kulturschock, wenn die Bewohner einer Stadt an Land gehen"

Der Trend hat allerdings auch seine Schattenseiten. „Unsere Hauptsorge ist, dass zu viele Leute zur gleichen Zeit kommen", sagt Jan Ove Tryggestad aus dem kleinen Ort Hyllesylt, wo gerade ein imposantes Kreuzfahrtschiff mit 6000 Passagieren und 2000 Besatzungsmitgliedern angelegt hat. „Das ist ein kleines Dorf hier. Im Winter gibt es rund 300 Bewohner. Natürlich ist das so etwas wie ein Kulturschock, wenn plötzlich quasi die Bewohner einer ganzen Kleinstadt an Land gehen", schildert Tryggestad. „Aber wir passen uns an." (APA)

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