Umfragewerte sinken

Biden bleiben nur noch Tage, um seine Kampagne zu retten

US-Präsident Joe Biden und Vize Kamala Harris bei einem Wahlkampfauftritt Ende Mai in Pennsylvania.
© AFP/Ngan

Der US-Präsident kämpft gegen wachsende Zweifel und weiter sinkende Umfragewerte. Tritt Vize Kamala Harris an seine Stelle?

Washington – Joe Biden ist womöglich bald nicht mehr Kandidat für die amerikanische Präsidentschaft. Offiziell versprühen der 81-Jährige und das Weiße Haus weiterhin Zuversicht. „Niemand drängt mich zum Rücktritt. Ich werde nicht gehen“, sagte er laut New York Times in einem Telefonat mit Mitarbeitern. Aber gegenüber Vertrauten soll der Präsident eingeräumt haben, dass ihm nur noch wenige Tage Zeit bleiben, um seine entgleiste Kampagne für eine zweite Amtszeit wieder auf Schiene zu bringen.

Zweifel an seiner körperlichen und mentalen Fitness begleiten Biden seit Beginn des Wahlkampfs. Aber nach seiner desaströsen Performance im TV-Duell gegen Donald Trump sind alle medialen Schleusen geöffnet, berichtet das Portal Vox.

„Spürbare Verschlechterung“

Überall gibt es nun Geschichten über seine angeblich schwindende Gesundheit. Das Wall Street Journal etwa wusste, dass europäische Diplomaten „bei Treffen seit dem letzten Sommer eine spürbare Verschlechterung der Fähigkeiten des Präsidenten festgestellt“ hätten.

Die Umfragewerte des Präsidenten sind seit dem TV-Duell im Schnitt um zwei bis drei Prozentpunkte gesunken – und er war schon zuvor leicht hinter Trump zurückgelegen. Die Zahlen bedeuten zwar nur eine Momentaufnahme im Wahlkampf. Aber wenn das TV-Duell ein Narrativ verfestigt, das schon zuvor da war, wird es für Biden sehr heikel.

Der politische Schaden betrifft nicht allein seine Kampagne für eine zweite Amtszeit. Die Hälfte der Wähler hält ihn offenbar für nicht in der Lage, das Amt auszuüben. Alles hängt nun davon ab, ob Biden die Amerikaner rasch davon überzeugen kann, dass er beim TV-Duell bloß einen schlechten Tag hatte.

Tuchfühlung mit Wählern

In den USA hat mit dem Unabhängigkeitstag am Donnerstag ein langes Wochenende begonnen. Der Präsident plant einen Auftrittsreigen – von einem großen TV-Interview bis zur Tuchfühlung mit Wählern in den wichtigen Swing States Pennsylvania und Wisconsin. Sollte da noch einmal etwas schiefgehen oder sollte er in Umfragen noch weiter absacken, könnte Biden schon nächste Woche gezwungen sein, auf die Kandidatur zu verzichten.

Aber damit wären für seine Demokraten nicht alle Probleme gelöst – sie würden im Gegenteil vor neuen Problemen stehen. Die öffentliche Debatte kreist zwar nun um mögliche Alternativen zu Biden. Aber zumindest bis zur TV-Debatte schnitt niemand im Umfrage-Match gegen Trump besser ab als der amtierende Präsident.

Selbstzerfleischung?

Auch mangelt es den möglichen Ersatzkandidaten an Bekanntheit, Wahlkampf-Organisation, Geld – und einem klar erkennbaren Weg zu einer Mehrheit der Delegierten am Parteitag im August. Sie sind nicht durch das Vorwahl-System samt TV-Debatten gestählt; eine Kandidatur ohne diesen Testlauf gilt als Risiko. Zudem droht den Demokraten vier Monate vor der Wahl die Selbstzerfleischung.

Als Kompromiss machen sich nun einige Parteigranden für Vizepräsidentin Kamala Harris stark. Laut Washington Post gehören dazu unter anderem Hakeem Jeffries, der Fraktionschef im Repräsentantenhaus, sowie der einflussreiche Senator und Biden-Freund James Clyburn.

Für die 59-Jährige spricht, dass sie seit Jahren den Job hat, Biden zu ersetzen, sollte er ausfallen. Sie hat gemeinsam mit ihm die Wahl 2020 und die Vorwahlen 2024 gewonnen und könnte die Kampagne am ehesten weiterführen. Harris wäre auch ein Signal an Nicht-Weiße und an Frauen; in diesen Wählergruppen ist der Vorsprung der Demokraten zuletzt geschrumpft.

„Wir werden gewinnen“

Zwar galt Harris bisher als eher farblos und wenig populär. Aber auch die Republikaner halten es offenbar für realistisch, dass Harris übernimmt. Eine Trump-Sprecherin schimpfte sie bereits vorsorglich „die schwächste und schlechteste Vizepräsidentin der Geschichte“.

Die Vizepräsidentin selbst demonstriert Loyalität. „Wir werden keinen Rückzieher machen. Wir werden der Führung unseres Präsidenten folgen", sagte sie laut New York Times in dem Gruppentelefonat mit Wahlkampf-Mitarbeitern. „Wir werden kämpfen und wir werden gewinnen."

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