Annja Krautgasser in der Neuen Galerie: Auch sich verweigern ist feministisch
Seit 2015 beschäftigt sich Annja Krautgasser mit ihrem „Szenen“-Zyklus, einer Filmreihe, die Tiroler Künstler:innenvereinigung jetzt in der Neuen Galerie zeigt. Nur leider unvollständig.
Innsbruck – An einem Tisch kommen Menschen zusammen, essen gemeinsam, finden zueinander. Am Tisch werden Menschen aber auch verhört. Annja Krautgassers Film „Rollenszenen“ zeigt genau so ein Gespräch – nur hier sitzt die Betrachterin oder der Betrachter an der Stelle des Fragenstellers. Die Schauspielerin hat, wie der Untertitel des Werks verrät, „Nothing To Say“, sie wiederholt einfach, wird von der Regie zum Wiederholen gedrängt. Die Protagonistin folgt nur mehr, hat sich hingegeben. Oder aufgegeben? Bald liegt nur mehr ihr Körper am Tisch. Einer, der sich irgendwann ganz aus dem Raum verabschiedet.
Überhaupt enden viele der Filme der gebürtigen Haller Künstlerin damit, dass eine weibliche Figur sich einer unangenehmen Szene entzieht, sich einem erdrückendem System verweigert. Auch bei „Waldszenen“, dem Auftakt von Krautgassers „Szenen-Zyklus“, der gerade in der Neuen Galerie in der Innsbrucker Hofburg gezeigt wird. Hier ist es eine Frau, die von einem Interviewer mit Fragen gelöchert wird. So war das schon 1968 in Godards „One Plus One (Sympathy for the devil)“, in dem es vor dem Hintergrund der Bürgerrechtsbewegung in den USA auch um Rockmusik geht.
Krautgasser hat Godards Szene des Interviews für 2024 adaptiert. Jetzt werden Fragen zur Identität, Sexualität und Politik gestellt. „Sind Männer und Frauen heute denn endlich gleichgestellt?“, fragt er. Das Nein kommt prompt – und kaum überraschend. Dann verschwindet sie den Büschen. Flucht ist das keine, sondern vielmehr eine Form des Widerstands. Darauf spielt schon der Ausstellungstitel „Resistance of Nothingness an“ (und gleichzeitig das Jahresmotto der Künstler:innenvereinigung) an. Es meint: Auch das Sich-Verweigern ist feministisch.
2015 hat Krautgasser, die vornehmlich mit Film, Tanz und partizipativen Formaten arbeitet, mit dem Zyklus begonnen. Sechs Filme sind entstanden, die einzeln mitunter disparat wirken können. Die Neue Galerie zeigt aktuell vier von sechs. Schade, dass die Reihe nicht komplett ist, es hätten sich vielleicht weitere Antworten aufgetan. Etwa bei der Frage, wie Krautgasser von der heidnischen Sage der Margriata („Talszenen“ wurde übrigens in Osttirol gedreht) zur eigenen Familie und den dortigen Machtverhältnissen kommt („Ich und die Anderen“).
Alle Filme im Cinematograph
Am 15. Oktober zeigt die Künstler:innenvereinigung alle sechs Filme in voller Länge im Cinematograph. Braucht es die Ausstellung überhaupt? Ein Besuch lohnt sich schon wegen Krautgassers dort ergänzten „Randarbeiten“, ihren gezeichneten Storyboards. Was an einem Tisch passiert, wird mit dem Bleistift durchexerziert. Schön, wie es Krautgasser gelingt, dass Zeichnung Raum – und Film mithilfe schlauer Ausstellungsarchitektur sogar Objekt – wird.
Neue Galerie.
Rennweg 1 (Hofburg), Innsbruck; bis 9. November, Mi-Fr 12-17 Uhr, Sa 11-15 Uhr.