Vorwürfe des Machtmissbrauchs

„Permanente Angststimmung“: Vorwürfe gegen Josefstadt-Direktor Herbert Föttinger

Herbert Föttinger leitet das Theater an der Josefstadt seit 2006. Jetzt erheben MitarbeiterInnen Vorwürfe gegen den Theaterleiter.
© APA/Fohringer

Aktuelle und einstige Angestellte am Theater an der Josefstadt berichten dem Standard von einem „System der Angst“. Föttinger soll u.a. einen Fall von Belästigung durch einen Schauspieler unzureichend verfolgt haben. Föttinger entschuldigt sich.

Wien – Herbert Föttinger, Langzeitdirektor des Theaters in der Josefstadt, sieht sich laut einem Online-Bericht des Standard aktuell mit Vorwürfen konfrontiert. Ein Dutzend Ex- und Noch-Angestellte sprechen darin von einer „permanenten Angststimmung“ in Bezug auf Föttingers Führungsstil. Weiters seien sexuelle Übergriffe eines Schauspielers unzureichend verfolgt worden. Das Theater kündigt eine Aufarbeitung an, Föttinger selbst entschuldigte sich.

Konkret werden dem Direktor, der das Haus Ende der Saison 2025/26 an die derzeitige Chefin des Landestheaters Niederösterreich, Marie Rötzer, übergibt, u.a. Wutausbrüche vorgeworfen. Eine ehemalige Regieassistentin habe er nach einer Kritik ihrerseits angebrüllt und gedroht: „Ich könnte Sie sofort rausschmeißen.“ Föttinger hält dazu in einem Schreiben, das der APA vorliegt, fest, dass er sich nicht an den Vorfall erinnert und es keine Kündigung gegeben habe, die Betroffene habe erst später selbst gekündigt. Föttinger stellt in Abrede, dass es im Haus eine „Kündigungs-Kultur“ gebe, vielmehr würden zahlreiche Mitarbeitende seit Jahrzehnten am Haus arbeiten.

Führungsstil kritisiert

In dem Bericht wird Föttingers Führungsstil als Regisseur kritisiert: Föttinger gebe alle Schritte und Bewegungen auf der Bühne vor, wer Aspekte der Inszenierung infrage stelle, werde vor dem gesamten Team bloßgestellt. Demütigungen und Wutausbrüche auf Proben seien „ganz normal“, so ein Ensemblemitglied. Gerechtfertigt werde dieses Verhalten laut Standard damit, dass die Kunst über allem stehe. Demnach kritisierten die Befragten einstimmig, „dass die Strukturen in der Josefstadt Machtmissbrauch und übergriffiges Verhalten eher begünstigen denn verhindern würden“, wie es in dem Artikel heißt.

„Sowohl der künstlerische Direktor Herbert Föttinger als auch Geschäftsführung und Stiftungsrat nehmen diese Anschuldigungen sehr ernst und widmen sich aktuell der Aufarbeitung und Klärung“, heißt es in einem der APA übermittelten Schreiben, dem auch ein internes E-Mail angehängt ist, in dem sich Föttinger am gestrigen Mittwoch an die Mitarbeitenden gewandt hat. „Jeder, der mich kennt, weiß, dass ich für das Theater brenne, für die Josefstadt, für unsere gemeinsame Arbeit“, so Föttinger gegenüber der Belegschaft. „Ich weiß, dass ich deshalb mitunter hochemotional werde und dazu neige, die inhaltliche Konfrontation zu suchen, und hitziger debattiere als es notwendig wäre.“ Er wolle sich bei jenen entschuldigen, „die sich in der Zusammenarbeit mit mir gekränkt, herabgewürdigt oder unter Druck gesetzt gefühlt haben“. Er wolle an seinem Verhalten arbeiten.

Belästigungsvorfall unzureichend verfolgt?

Im Fall einer ehemaligen Ankleiderin, die im Jahr 2019 von einem Schauspieler mehrfach belästigt worden sei, habe das Theater nicht angemessen reagiert, heißt es in den Vorwürfen. Die Betroffene habe den Betriebsrat über die Vorfälle informiert, woraufhin der Schauspieler schriftlich kontaktiert wurde, zu weiteren Konsequenzen kam es zunächst nicht.

Anfang 2021 sei der Fall aber wieder hochgekocht, als besagter Schauspieler in einer Videokampagne des Vereins Autonome Österreichische Frauenhäuser (AÖF) gegen Gewalt an Frauen zu sehen gewesen sei, woraufhin sich etliche Betroffene gemeldet hatten und das Video wieder vom Netz genommen wurde. Daraufhin entschied sich die Ankleiderin, sich an die Leitung des Theaters zu wenden, in dem sie die Übergriffe schilderte und kritisierte, dass es im Haus weder Wissen über sexuelle Belästigung noch Ansprechpersonen für ebensolche Fälle gebe.

Die Direktion habe sie daraufhin zu einem Gespräch eingeladen, Föttinger anfangs zwar Verständnis gezeigt, später aber klargemacht, dass nun mal „Aussage gegen Aussage“ stehe, wie sich die Betroffene erinnert. Sie wollte auf eine Anzeige verzichten, bat jedoch darum, nicht mehr mit besagtem Schauspieler arbeiten zu müssen, woraufhin sie von den Kammerspielen in die Josefstadt versetzt wurde. Zudem habe sich die Direktion dazu bereit erklärt, die Kosten für eine Therapie zu übernehmen. Allerdings begegnete sie dem Schauspieler erneut, da dieser auch im Haupthaus auf der Bühne stand. „Die psychische Belastung wird schließlich so groß, dass sie das Haus im Sommer 2021 verlässt“, berichtet der Standard.

Verhaltenskodex ohne Unterschrift

Der Schauspieler dementierte in einer ausführlichen Stellungnahme die Anschuldigungen gegen ihn. Laut Föttinger habe man nach anwaltlicher Beratung vonseiten der Direktion eine Verwarnung an den Schauspieler ausgesprochen. Das Theater engagierte in weiterer Folge die Geschäftsführerin des Vereins AÖF, Maria Rösslhumer, für Seminare zum Thema Gewaltprävention. Deren Ziel sei auch die Erstellung eines Verhaltenskodexes gewesen, der jedoch nicht zustande gekommen sei, da es nur drei Workshops gab. Die Teilnehmenden hätten den Kodex dann selbst formuliert. „Das Einzige, was noch gefehlt hat, war die Unterschrift der Direktion“, sagt eine in dem Fall involvierte Betriebsrätin zum Standard.

Föttinger habe den Kodex laut Zeugen eines Treffens zwischen dem Direktor und dem kaufmännischen Direktor als „lächerlich“ bezeichnet. Ein solches Dokument würde er „nie unterschreiben“ und erst recht nicht an Arbeitsverträge anhängen. „Wer als Künstler erfolgreich sein will, muss übergriffig sein“, zitiert die Person Föttinger. Maßnahmen zur Gewaltprävention seien bisher nicht gesetzt worden, besagter Schauspieler sei nach wie vor am Haus engagiert.

„Er ist ein Mensch, der keine Grenzen kennt und seine Position bewusst ausnutzt“, beschreibt eine ehemalige Theatermitarbeiterin die Zusammenarbeit mit Föttinger, er habe ein „System der Angst“ etabliert. Der Kodex sei schließlich am 9. September unterschrieben worden, an jenem Tag, als der Standard das Theater mit den Vorwürfen konfrontierte.

Drozda lobt Föttinger

Am Donnerstagnachmittag übermittelte das Theater der APA auch ein Statement von Thomas Drozda, Stiftungsvorstandsvorsitzender der Theater in der Josefstadt-Privatstiftung. Darin heißt es, dass Föttinger sich seit bald zwei Jahrzehnten „eindrucksvoll und mit leidenschaftlichem Engagement für das künstlerische und wirtschaftliche Wohl“ des Theaters einsetze. In seiner Mehrfachfunktion als Direktor, Regisseur und Schauspieler sei er im Haus „omnipräsent und seinen Mitarbeiter:innen in kollegialer und loyaler Weise verbunden, was zu einer im deutschsprachigen Raum extrem niedrigen Fluktuation innerhalb der Belegschaft führt – und damit das Gegenteil einer sogenannten Kündigungskultur darstellt“.

Der Stiftungsrat sei in einer ersten juristischen Prüfung der Vorwürfe zu dem Ergebnis gekommen, „dass kein einzig strafrechtlich relevanter Vorwurf vorliegt“. Nichtsdestotrotz sei eine weitergehende, lückenlose Untersuchung der Anschuldigungen vorzunehmen, die bereits eingeleitet sei und unter Mithilfe externer Ombudsstellen sowie auch interner Vertrauensstellen durchgeführt werde. (APA, TT)