Sorge vor zweiter Welle

Hochwasser-Situation in Österreich „weiterhin ernst“: Unwetter forderten bereits vier Tote

In Pottenburg in St. Pölten gibt es weiter starke Niederschläge zu verzeichnen. Auch die Black Hawk Hubschrauber des Bundesheeres sind im Einsatz.
© APA/ Helmut Fohringer, Roland Schlager

Die Lage aufgrund der Unwetter ist auch am Montag weiter angespannt. Rund 25.000 Einsatzkräfte sind im Dauereinsatz. Es könne noch keine Entwarnung gegeben werden, betonte Bundeskanzler Nehammer.

St. Pölten, Wien – Das Hochwasser in Niederösterreich hat am Montag drei weitere Tote und somit bereits vier Opfer gefordert. Nach Angaben von Polizeisprecher Johann Baumschlager vom Abend wurde in Klosterneuburg (Bezirk Tulln) ein vorerst Unbekannter geborgen. Ein 70- und ein 80-Jähriger waren in ihren Wohnhäusern gestorben. Bereits am Sonntag war der Tod eines Feuerwehrmannes im Einsatz in Rust im Tullnerfeld in der Gemeinde Michelhausen (Bezirk Tulln) bekannt geworden.

Der Tote in Klosterneuburg wurde laut Baumschlager am späten Montagnachmittag beim Strandbad in Bauchlage im Wasser treibend entdeckt. Es handelte sich um einen 40 bis 50 Jahre alten Mann. Die Todesursache war noch unklar, sagte der Sprecher. Eine Leichenbeschau werde am Mittwoch stattfinden. Die Landespolizeidirektion Niederösterreich ermittelt.

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Fünf Todesopfer in Niederösterreich, Pegelstände gehen weiter zurück

Baumschlager berichtete vom Tod eines 70-Jährigen in Untergrafendorf in der Gemeinde Böheimkirchen (Bezirk St. Pölten-Land) und eines 80-Jährigen in Höbersdorf in der Marktgemeinde Sierndorf (Bezirk Korneuburg). Beide Männer seien im Inneren von Wohnobjekten den Wassermassen zum Opfer gefallen.

Der Mann in Untergrafendorf war laut dem Polizeisprecher von den Fluten der Perschling überrascht worden. Er wurde demnach erfasst, als er die Tür seines Bauernhauses öffnete. Die Frau des Opfers rettete sich in den ersten Stock. Der 80-Jährige hatte allein gelebt. Er war als abgängig gemeldet. Die Leiche wurde bei Auspumparbeiten im Keller entdeckt.

Niederösterreich „weiter im Krisenmodus“

Besonders im Osten Österreichs hat es bei der Hochwasser-Situation am Montag keine Entwarnung gegeben. Aufgrund der starken Regenfälle bleibe die Lage „weiterhin ernst“, betonte Bundeskanzler Karl Nehammer (ÖVP) am Montag vor Journalisten. In Wien entspannte sich die Situation zwar leicht, doch war hier die Sorge vor einer „zweiten Welle“ groß.

Als Hotspots bezeichnete der LH-Stellvertreter Stephan Pernkopf (ÖVP) am frühen Abend das Tullnerfeld, wo Zivilschutzalarm ausgelöst wurde und mehrere Ortschaften evakuiert werden, das Pielachtal sowie das gesamte östliche Mostviertel. Auch am Kamp stiegen die Pegel wieder. Im südlichen Tullnerfeld wurden Evakuierungen vorsorglich in Rust und auch in Asparn, Langenschönbichl, Neusiedl, Pischelsdorf sowie Kronau vorgenommen.

Die Situation ist sehr angespannt, sehr kritisch.
Johanna Mikl-Leitner (ÖVP)

Niederösterreich sei „weiter im Krisenmodus“, sagte Landeshauptfrau Johanna Mikl-Leitner (ÖVP) am Montagvormittag nach einer weiteren Lagebesprechung in Tulln. Sie wies darauf hin, dass neuerlich starke Regenfälle prognostiziert seien. Die Situation sei „sehr angespannt, sehr kritisch“. An die Bevölkerung richtete die Landeshauptfrau den Aufruf, von nicht notwendigen Fahrten Abstand zu nehmen, um sich einerseits nicht selbst zu gefährden und andererseits die Sicherheitskräfte nicht zu behindern. „Es bleibt kritisch, es bleibt dramatisch.“

Die Polizei hatte bereits zuvor „aus gegebenem Anlass“ dringend appelliert, bestehende Fahrverbote und Absperrungen im Zusammenhang mit der Hochwassersituation in ganz Niederösterreich „zu beachten und nicht mit Fahrzeugen in gesperrte Gefahrenbereiche einzufahren“. Den Anweisungen der Einsatzkräfte sei „unbedingt Folge zu leisten“. Nicht zuletzt wies die Landespolizeidirektion Niederösterreich explizit darauf hin, „dass die hochwasserführenden Flüsse nach wie vor lebensgefährliche Bereiche darstellen“.

Teils 80 Liter pro Quadratmeter

Die Einsatzkräfte würden Übermenschliches leisten, sagte Landesvize Stephan Pernkopf (ÖVP). Es gebe zwölf Dammbrüche im Land, die Dammwachen würden verstärkt. Bis zu weitere 80 Liter Regen pro Quadratmeter könnten punktuell bis Dienstagfrüh fallen, die Böden seien indes völlig gesättigt. 13 Gemeinden waren Montagvormittag nicht erreichbar, 1.800 Objekte sind evakuiert worden. Viele Betroffene seien bei Verwandten untergekommen. 170 Menschen hätten organisierte Unterkünfte benötigt.

Landesfeuerwehrkommandant Dietmar Fahrafellner bezeichnete u.a. den Bereich des Sportzentrums NÖ in St. Pölten als einen weiteren Einsatz-Hotspot neben Hadersdorf am Kamp (Bezirk Krems-Land). Black Hawks-Hubschrauber sollten weiter „Big Packs“ abwerfen. Es gebe Tausende Objekte, die leergepumpt werden müssten. In den Regionen, in denen das Wasser zurückgehe, werde man die Arbeiten aufnehmen. In einigen Bezirken könne man auch schon gemeinsam mit dem Bundesheer mit den Aufräumarbeiten beginnen. Fast 800 Menschen seien u.a. mit Hubschraubern gerettet worden.

In den Morgenstunden gab es Behinderungen und Verzögerungen. Massive Staus seien in Niederösterreich aber ausgeblieben, berichtete ein ÖAMTC-Sprecher. Die Südautobahn (A2) war seit der Früh wieder befahrbar. Weiterhin unpassierbar blieben mehrere Auf- und Abfahrten von Autobahnen und Schnellstraßen sowie zahlreiche Bundes- und Landesstraßen. Probleme gab es auch bei den öffentlichen Verkehrsmitteln.

Aus dem Stausee Ottenstein, wo am Sonntagnachmittag die Hochwasserklappen der Staumauer abgesenkt worden waren, wurde der kontrollierte Ablauf von zunächst 130 Kubikmetern Wasser pro Sekunde „in Abstimmung mit der Behörde“ auf etwa 250 erhöht, teilte EVN-Sprecher Stefan Zach Montagfrüh mit. In den Nachtstunden seien bei einem Zufluss von bis zu 330 Kubikmetern pro Sekunde weitere 2,5 Millionen Kubikmeter eingespeichert worden. Das freie Volumen in dem Waldviertler Stausee bezifferte Zach mit vorerst sechs Millionen Kubikmeter. Am Freitag seien es noch 32 Millionen gewesen.

Kanzler dankt Einsatzkräften

Weiterhin Ernst sei die Lage, wie Bundeskanzler Karl Nehammer (ÖVP) am Montag vor Journalisten betonte. Monetäre Hilfe kündigte er durch den Katastrophenfonds an: 300 Millionen Euro würden bereitstehen. Sollten sie nicht ausreichend sein, könne aufgestockt werden. Anlässlich der Unwetter hat Montagmittag erneut das Staatliche Krisen- und Katastrophenmanagement (SKKM) getagt.

Kanzler und Minister dankten den freiwilligen Einsatzkräften. Nehammer appellierte, keinen Katastrophentourismus zu betreiben, sollen diese doch nicht durch Schaulustige behindert werden. An die Bevölkerung im Großraum Wien-Niederösterreich appellierte Kogler, im Homeoffice zu bleiben.

Einig waren sich Kanzler und Vizekanzler, dass der Wahlkampf zurzeit ruhen sollte. Die Arbeit der Bundesregierung sei jetzt die Koordinierung und Unterstützung, der Wahlkampf könne früh genug wieder stattfinden, meinte etwa Nehammer.

Der Katastrophenfonds wird durch Anteile am Aufkommen an Einkommenssteuer und Körperschaftssteuer aufgebracht. Bei außergewöhnlichen Katastrophen stellte der Bund mit Sondergesetz zusätzliche Mittel bereit. Die Katastrophenhilfe liegt in der Kompetenz der Länder. Der Bund ersetzt diesen 60 Prozent der ausbezahlten Mittel.

Oberösterreich in Alarmbereitschaft

Auch in Oberösterreich sind die Feuerwehren am Montag wieder in Alarmbereitschaft. Neuerlich intensive Niederschläge lassen die Pegel wieder ansteigen. „Aktuell beobachten wir die Lage und warten auf eine mögliche zweite Welle“, sagte der Sprecher des Landes-Feuerwehrkommandos Markus Voglhuber.

Die wieder intensiver werdenden Niederschläge lassen die kleineren und mittleren Gewässer in Oberösterreich am Montag im Laufe des Nachmittags bzw. der Nacht ansteigen. Dabei seien die Gewässer im unteren Mühlviertel wie Aist und Naarn derzeit auch noch hoch, sagte Peter Kickinger vom Hydrografischen Dienst des Landes Oberösterreich. Das lasse bis zu 30-jährliche Hochwässer und erneut Überflutungen erwarten.

Geosphere Austria erwartete für Oberösterreich bis Montag Mitternacht Regenmengen von 20 bis 50 Millimeter, im gesamten Gebirge bis zu 70 Millimeter, bevor sich der Niederschlag in der Nacht abschwächen sollte. Am Dienstag soll es mit dem Starkregen und auch der Regenwarnung vorbei sein.

Van der Bellen: „Werden diese Krise hinter uns bringen“

Bundespräsident Alexander Van der Bellen lobte am Sonntagabend in der ZiB2 den österreichweiten Zusammenhalt. Man sei zwar gut auf die Regenmengen vorbereitet gewesen, aber dennoch: „Es ist schlimm, es ist wirklich schlimm was hier passiert ist, und noch passieren wird.“

Nach den vielen hundert Einsätzen am Wochenende lobte der Bundespräsident vor allem die Solidarität über Bundesländergrenzen hinweg. Seinen Dank richtete er an alle Einsatzkräfte und sein Beileid an die Familie jenes Feuerwehrmannes, der bei Auspumparbeiten ums Leben kam.

Nach den Ursachen für den Starkregen gefragt, hatte Van der Bellen eine klare Antwort: „Es ist heikel, ein bestimmtes Wetterereignis dem Klimawandel zuzuschreiben, in diesem Fall ist das aber relativ risikolos. Denn diese Art von Regen wäre nicht entstanden, wenn sich das Mittelmeer und die Adria nicht so erhitzt hätten“.

📽️ Video | Statement von Präsident Alexander Van der Bellen

Probleme mit Abwasser, Trinkwasser und Strom

Mehr als 25.000 Einsatzkräfte aus Niederösterreich „und darüber hinaus“ seien aufgeboten, sagte Landesfeuerwehrkommandant Dietmar Fahrafellner. Dazu zählten auch Soldaten des Bundesheeres.

Jahrhunderthochwasser an der Perschling in Böheimkirchen. Die Ortschaft ist von der Außenwelt abgeschnitten. Viele Menschen sind in ihren Häusern eingeschlossen.
© imago

Sonntagfrüh ist das gesamte Land Niederösterreich zum Katastrophengebiet erklärt worden. Ein Feuerwehrmann rutschte im Bezirk Tulln bei Auspumparbeiten über eine Stiege und starb.

130 Kubikmeter Wasser pro Sekunde flossen am Nachmittag aus dem Stausee Ottenstein ab.
© CHRISTOPHER ECKL

Hundertjährliches Hochwasser

Das Land sei „im Katastrophenmodus“, sagte LH-Stellvertreter Einsatzleiter Stephan Pernkopf am Sonntagabend. „An etlichen Flüssen wurde der hundertjährliche Hochwasserpegel erreicht oder sogar weit überschritten.“

📽️ Video | Katastrophengebiet NÖ: Feuerwehr im Dauereinsatz

An etlichen Flüssen wurde der hundertjährliche Hochwasserpegel erreicht oder sogar weit überschritten.
Stephan Pernkopf, LH-Stellvertreter und Einsatzleiter

Bundeskanzler Karl Nehammer (ÖVP) sagte Mittel aus dem Katastrophenfonds zu. Er bezeichnete die Situation im zum Katastrophengebiet erklärten Bundesland als von „noch nie da gewesenem Ausmaß“. Menschenleben zu retten habe höchste Priorität. Die Bundesregierung werde „alles tun, um das Land und die Gemeinden zu unterstützen“, so der Kanzler, der sich selbst ein Bild von der Lage gemacht hatte.

Bundeskanzler Karl Nehammer sagte Niederösterreich Unterstützung zu.
© ANDY WENZEL

ÖBB-Reisewarnung verlängert

Aufgrund der Unwetter haben die ÖBB ihre Reisewarnung bis inklusive Donnerstag verlängert. Zahlreiche Straßen waren gesperrt, auch die Weststrecke ist zwischen Wien und St. Valentin (NÖ) unterbrochen. Ersatzverkehr wird eingerichtet, so die ÖBB. Zwischen St. Valentin und Salzburg fahren die Fernverkehrszüge der ÖBB, die Züge der Westbahn verkehren zwischen Linz und Salzburg. Eine gegenseitige Ticketanerkennung zwischen ÖBB und Westbahn sei vereinbart worden.

Die ÖBB ersuchten eindringlich, von nicht unbedingt notwendigen Reisen abzusehen. Die Reisewarnung wurde bis Donnerstagabend verlängert.

📽️ Video | Regenmassen ließen Donaukanal überlaufen

Lage in Wien leicht entspannt

In Wien hat sich die Hochwassersituation leicht entspannt. Wie ein Sprecher der MA 45 (Wiener Gewässer) berichtete, sind die Pegel entweder gleich geblieben oder zum Teil sogar leicht zurückgegangen. Prognosen für den weiteren Tagesverlauf seien schwierig, hieß es. Die Auffangbecken für den Wienfluss haben aber wieder Kapazitäten.

Denn sie seien inzwischen wieder vollständig geleert worden, sagte der Sprecher. Dies sei die übliche Vorgangsweise bei nachlassenden Wassermengen. Damit führe der Fluss zwar länger Hochwasser in Wien, zugleich würden aber wieder Speicherkapazitäten in den Becken in Auhof geschaffen.

Trotzdem bleibt man vorsichtig. „Wir werden sehen, was die weiteren Niederschläge bringen.“ Dass die Pegel wieder steigen, sei nicht auszuschließen.

Der Wienfluss verwandelte sich von einem Rinnsaal in einen reißenden Fluss.
© GEORG HOCHMUTH

Der Pegelstand beim Wienfluss sei zwar über Nacht gesunken, allerdings habe es wieder zu regnen begonnen, somit könne der Pegel rasch wieder steigen, hieß es am Montag. Ein ähnliches Bild zeige sich am Donaukanal. Man müsse daher weiter umfassende Schutzmaßnahmen an verschiedenen U-Bahn-Linien ergreifen, wurde betont. Die betroffenen U-Bahn-Trassen werden mit Dammbalken und Sandsäcken vor dem eindringenden Wasser geschützt. (TT.com, APA)

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