Bilanz der Ausschreitungen

577 Anzeigen: Polizei übt nach Skandalderby Kritik an den Wiener Vereinen

Nach wenigen Minuten war die P
© APA/EDGAR SCHÜTZ

Am Tag nach dem nächsten skandalträchtigen Kapitel in der Wiener Derbygeschichte zog die Polizei Bilanz. Der Tumult sei in fünf Minuten unter Kontrolle gebracht worden. Die Zahl der Verletzten wurde nach oben korrigiert und könnte noch steigen.

Wien – Rund um das von Ausschreitungen kurz nach dem Schlusspfiff am Sonntagabend überschattete Wiener Fußball-Derby Rapid gegen Austria (2:1) sind bisher 577 Anzeigen gelegt worden. 17 Besucher sowie zehn Beamtinnen und Beamte wurden verletzt, eine Person konnte den Dienst nicht fortsetzen. Es gab eine Festnahme wegen schwerer Körperverletzung, bilanzierte die Landespolizeidirektion Wien am Montag. Der Platzsturm sei in fünf Minuten unter Kontrolle gebracht worden, wurde betont.

425 Anzeigen betrafen das Verwaltungsrecht und dabei hauptsächlich das Pyrotechnikgesetz. 152 Anzeigen gab es nach dem Strafgesetzbuch. Die Polizei verzeichnete auch mehrere beschädigte Einsatzgegenstände, darunter ein geschmolzener Einsatzgurt durch den Wurf von Bengalischen Fackeln. Die Zahl der verletzten Stadionbesucher wurde bis Montagmittag von zunächst drei auf 17 nach oben korrigiert. Es war laut Polizei zudem nicht auszuschließen, dass sich noch weitere Betroffene melden.

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„Ausschlaggebend für die Auseinandersetzung am Spielfeld waren vermutlich die gegenseitigen Bewürfe mit pyrotechnischen Gegenständen der beiden Fanlager“, hielt die Polizei fest. Wie derartig viele pyrotechnische Gegenstände ins Stadion gelangen konnten, „obwohl bei behördlichen Rundgängen mit Sprengstoffhunden und bei Durchsuchungen der Stadiongäste beim Eintritt kaum bis keine gefährlichen Gegenstände gefunden werden, werden die Verantwortlichen dieser Veranstaltung klären müssen“, hieß es in der Stellungnahme.

Grundsätzlich sei festzuhalten, dass der Verein und sein Ordnerdienst für die Sicherheit im Stadion zuständig sind. Die Möglichkeit, Personen, die strafbare Handlungen im Stadion begehen, Stadionverbote zu erteilen, werde von den Vereinen nicht ausreichend genutzt, kritisierte die Landespolizeidirektion. Die Polizei schreite ein, „wenn sich ein Grund für polizeiliches Handeln ergibt und immer unter der Prämisse der 3-D-Philosophie (Dialog – Deeskalation – Durchsetzen)“.

Um 19.04 Uhr hat der erste Fan das Spielfeld betreten, um 19.09 Uhr war kein Unbefugter mehr am Spielfeld und die strafbaren Handlungen beendet.
Stellungnahme Polizei

„Beim gestrigen Platzsturm ist es der Wiener Polizei gelungen, die Situation in fünf Minuten unter Kontrolle zu bringen. Um 19.04 Uhr hat der erste Fan das Spielfeld betreten, um 19.09 Uhr war kein Unbefugter mehr am Spielfeld und die strafbaren Handlungen beendet“, erläuterte die Polizei zur Kritik, dass die Einsatzkräfte nicht schneller zur Stelle waren. In einer Aussendung in der Nacht auf Montag hatte es zudem geheißen, dass die Polizei zu diesem Zeitpunkt bereits zum größten Teil die gesetzlichen Aufgaben außerhalb des Stadions aufgenommen hatte.

Es sei mit der nötigen Entschlossenheit eingegriffen und strafbare Handlungen „schnell“ beendet worden. Einige Tatverdächtige wurden demnach identifiziert und weitere strafbare Handlungen verhindert. Zahlreiche Videos würden noch gesichert und ausgewertet, um die Verantwortlichen für begangene strafbare Handlungen zu ermitteln und um potenzielle weitere Straftaten zu identifizieren und anzuzeigen. (APA, TT.com)

Die Skandalderbys seit 2005

  • 22. Oktober 2005: Das 275. Wiener Derby zwischen Austria und Rapid wird nach den befürchteten Zuschauer-Ausschreitungen erst mit einer halben Stunde Verspätung und unter Protest von Rapid angepfiffen. Austria-Tormann Joey Didulica, der Rapid-Stürmer Axel Lawaree am 26. Mai 2005 mit einem brutalen Foul schwer verletzt hatte, wird von den Rapid-Fans im Horr-Stadion mit Feuerwerkskörpern, Leuchtraketen und anderen Gegenständen beworfen. Das Match endet mit einem 2:0-Sieg von Rapid.
  • 24. August 2008: Das Wiener Derby zwischen Rapid und Austria (3:0) steht bereits in der 6. Minute vor dem Abbruch. Rapid-Tormann Georg Koch geht zu Boden, nachdem ein aus dem dahinterliegenden Austria-Sektor geworfener Feuerwerkskörper in seiner Nähe explodiert war. Der Deutsche erleidet ein Gehörtrauma mit Vertäubung sowie einen Kreislaufzusammenbruch. Koch muss deshalb durch Raimund Hedl ersetzt werden und bestreitet nie wieder ein Spiel für die Hütteldorfer.
  • 22. Mai 2011: Hunderte Rapid-Anhänger stürmen im Derby gegen die Austria beim Stand von 0:2 auf den Rasen und attackieren Austria-Fans mit Leuchtraketen. Das Spiel wird abgebrochen und mit 3:0 für die „Veilchen“ gewertet. Rapid erhält als Strafe ein Geisterspiel und eine Pönale von 50.000 Euro.
  • 4. April 2014: Zwei Tage vor dem Derby schlagen vermummte Rapid-Fans abends in der Nähe der Generali Arena den Austria-Nachwuchsspieler Valentin Grubeck krankenhausreif.
  • 9. November 2014: Beim Derby im Happel-Stadion kommt es zu Ausschreitungen. Die Folge: In den darauffolgenden beiden Duellen der Erzrivalen bleiben die Gästesektoren geschlossen. Zudem gibt es bedingte Sperren der Heimsektoren, die schließlich für beide Clubs schlagend werden.
  • 4. August 2016: Rapid-Profi Maximilian Entrup wird beim Auslaufen nach dem Heim-3:0 in der Europa-League-Qualifikation über Schodsina im Allianz Stadion Ziel einer Knallkörper-Attacke von Hütteldorfer Anhängern. Der Stürmer war einst Mitglied der aktiven Austria-Fanszene.
  • 12. Februar 2017: Nach Ausschreitungen vor und während des Derbys im Happel-Stadion muss Rapid 35.000 Euro und die Austria 20.000 Euro zahlen.
  • 6. August 2017: Rapid-Fans provozieren mit Wurfgeschoßen auf Austrias Raphael Holzhauser eine mehrminütige Derby-Unterbrechung. Der Club erhält dafür eine Geldstrafe von 30.000 Euro.
  • 4. Februar 2018: Neuerlich steht das Derby im Allianz Stadion vor dem Abbruch, weil Gegenstände unter anderem auf Holzhauser – der eine blutende Wunde erleidet – und Felipe Pires geworfen werden. Zudem unterbinden zwei Platzstürmer im Finish einen vielversprechenden Austria-Angriff. Die Liga verhängt am 12. Februar eine Teilsektorsperre für zwei Rapid-Heimspiele, wobei eine Partie bedingt auf zwölf Monate ausgesprochen wird, und eine 100.000-Euro-Strafe.
  • 9. Mai 2022: Nach Krawallen zwischen Fans nach dem Wiener Fußball-Derby zwischen Austria und Rapid am Sonntagabend werden vier Personen verletzt.
  • 20. März 2023: Nach dem von Rapid verlorenen Derby (0:2) in der Generali-Arena spricht die Polizei über 50 Anzeigen aus – viele davon im Zusammenhang mit Pyrotechnik – aus. Beim Abmarsch zünden Rapid-Fans Bengalos im U-Bahnbereich bei Favoriten, u.a. direkt am Bahnsteig vor einer voll besetzten U-Bahn mit offenen Türen.
  • 25. Februar 2024: Rapid feiert den ersten Heimsieg gegen die Austria im Allianz Stadion mit homophoben Schmähgesängen. Die verbalen Entgleisungen einiger Rapid-Spieler und -Funktionäre resultieren in Spiel- und Funktionssperren. Der Bundesliga-Strafsenat spricht einen Punkteabzug aus und verhängt eine Geldstrafe in der Höhe von 170.000 Euro. Der unbedingte Abzug von zwei Punkten wird später auf einen bedingten Abzug von einem Punkt geändert, Rapid spielt weiter auf Bewährung.
  • 22. September 2024: Pyrotechnik aus dem Austria-Sektor landet im Familien-Sektor von Rapid. Rapid-Anhänger stürmen nach Spielende (2:1) in die andere Ecke des Stadions. Auch von ihnen fliegen Leuchtkörper. Zumindest 27 Personen werden verletzt, davon zehn Polizistinnen und Polizisten. Die Exekutive spricht über 577 Anzeigen aus.