Rebellen-Offensive

Militärexperte Gady: Syrien-Krieg ist ein „Wettbewerb des Willens“

Franz-Stefan Gady erklärt den erfolgreichen Vorstoß der Rebellengruppen in Syrien.
© Medienakademie/Müllner

Der Wille der Assad-Armee ist „kollabiert“. Franz-Stefan Gady spricht von ähnlichen Dynamiken wie bei der Rückeroberung von Afghanistan durch die Taliban.

Von Raphael Gruber

Bei den Kämpfen in Syrien erleiden die Regierungstruppen Niederlage um Niederlage. Nach Aleppo musste sich die Armee am Donnerstag auch aus der Stadt Hama zurückziehen. Dabei sei der Erfolg der Rebellenallianz, die das Regime von Bashar al-Assad zum Wanken bringt, weder durch bessere militärische Ausrüstung noch überlegene Feuerkraft bedingt. „Krieg ist ein Wettbewerb des Willens und der Wille ist auf der Armeeseite kollabiert“, erklärte Militärexperte Franz-Stefan Gady beim Mediengipfel in Lech.

Die Soldaten der syrischen Armee seien nicht mehr bereit, sich für das Regime zu opfern. Die Zivilbevölkerung wende sich enttäuscht von der Regierung ab. Nicht förderlich für die Moral sei zudem, dass die Armee von ihren Verbündeten Russland und der Hisbollah im Libanon im Stich gelassen wurde. „Nach meinen Berechnungen hat Russland nur noch eine untere zweistellige Zahl an Kampfflugzeugen im syrischen Luftraum.“ Ohne Unterstützung ihrer Verbündeten könne die Armee die verlorenen Gebiete aber kaum zurückerobern, so Gady vom Londoner Institute for International Strategic Studies (IISS).

Ukraine-Krieg schwächte russische Position

Der Ukraine-Krieg hat die russische Position im Nahen Osten geschwächt und Syrien auf der Prioritätenliste des Kreml weiter nach unten wandern lassen. Russland fehlen schlicht die Ressourcen, um Assad zu stützen. Im Syrien-Krieg stecke auch „etwas Ukraine drin“, erläuterte Gady. Die Rebellen hätten Gefechte und Taktiken der Russen in der Ukraine studiert und in ihre eigenen Angriffstaktiken integriert. Die vom Iran unterstützte Hisbollah ist unterdessen durch den Krieg mit Israel stark dezimiert und kaum in der Lage zu helfen. Damit seien dem Regime „zwei Stützpfeiler“ weggebrochen, die bei der Eroberung von Aleppo 2016 essenziell für Assad waren.

„Wir sehen ähnliche Dynamiken wie in Afghanistan bei der Rückeroberung durch die Taliban. Das Regime hat geglaubt, den Status quo einfrieren zu können“, sagte Gady. Der Erfolg der Rebellen habe wie bei den Taliban nicht nur militärische Gründe. Die Seite, die in einem vergangenen Konflikt unterlegen gewesen sei, habe größere Bereitschaft sich zu verbessern, erklärte Gady, der in Lech auch sein neues Buch „Die Rückkehr des Krieges“ vorstellte.

„Europa zwischen den Blöcken“

Vom 5. bis 7. Dezember 2024 treffen sich internationale Experten und Entscheidungsträger in Lech am Arlberg für eine Standortbestimmung. Ein Fokus liegt auf den Folgen der amerikanischen Wahlen für die weltpolitische Situation – wobei die Perspektive „Trump 2.0“ im Weißen Haus fundamentale Veränderungen für Europa und die Nato mit sich bringen kann. Dies wirkt sich auch direkt auf den Krieg in der Ukraine aus: Ohne Hilfe aus den USA droht Kiew eine Niederlage. Und will sich Europa diesem Szenario überhaupt resolut entgegenstellen?

Berichterstattung im Rahmen der Medienakademie

Die internationale Medienakademie zählt seit Jahren zum festen Bestandteil des Mediengipfels in Lech am Arlberg. Nachwuchsjournalist:innen aus Österreich, Deutschland und der Schweiz bekommen hier die Möglichkeit, wertvolle Praxiserfahrungen unter Echtzeitbedingungen zu sammeln. Die Teilnehmer:innen begleiten den Europäischen Mediengipfel vor Ort und berichten mehrere Tage live von den Diskussionsrunden.